Latzel: Toleranzwagen am Rosenmontag ist starkes Signal

Porträtbild Thorsten Latzel
epd-bild/Paul-Philipp Braun
Thorsten Latzel plädiert für mehr Toleranz. Das könne man aus dem Karneval lernen: Jeder Jeck sei anders.
Karneval mit Religionsvertretern
Latzel: Toleranzwagen am Rosenmontag ist starkes Signal
Im Düsseldorfer Rosenmontagszug fahren auch Vertreter von acht Kirchen und Religionsgemeinschaften durch die Straßen. Sie wollen gemeinsam mit den Jecken schunkeln und feiern - und zugleich ein Zeichen für Verständigung und Toleranz setzen. Auch der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, ist unter den Jecken.

Karneval und Toleranz der Religionen: Mit dem Düsseldorfer Rosenmontagszug rollt zum fünften Mal ein Toleranzwagen durch die Straßen der NRW-Landeshauptstadt. Der Wagen trägt das Motto "Toleranz ist das Fundament des Friedens" und wurde vom Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly gestaltet. Mit dabei sind Katholiken, Protestanten, Muslime, Juden, Orthodoxe, Buddhisten, Kopten und Aleviten. Auch der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, fährt auf dem Wagen mit. Im gemeinsamen Feiern der Religionen sieht der leitende Theologe "ein starkes und wichtiges Signal". Drei Fragen an den Theologen Thorsten Latzel.

Was motiviert Sie, auf dem Toleranzwagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug mitzufahren?

Thorsten Latzel: In der Gesellschaft driften wir zurzeit eher auseinander, da brauchen wir starke Zeichen von Gemeinschaft über Grenzen hinweg. Es ist gut, wenn wir als Kirchen und Religionsgemeinschaften dabei vorangehen und Vorbild sind. So verschieden unser Glauben ist, jede und jeder tritt aus der eigenen Tradition ein für Begegnung, Wertschätzung des anderen und eine Gesellschaft, in der wir ohne Angst verschieden sein können. Wenn wir auf dem Toleranzwagen gemeinsam feiern, ist das ein starkes und wichtiges Signal. Und für mich meine erste richtige Teilnahme am rheinischen Karneval, auf die ich mich sehr freue.

Zwischen Person und Meinung unterscheiden

An welchen Stellen in unserer Gesellschaft brauchen wir mehr Toleranz?

Latzel: Wir brauchen sie überall: auf den Schulhöfen, bei der Arbeit, in unseren Familien, auch in unseren Kirchen. Ob Ukraine, Klima, Migration, Gendern, Corona - wir haben eine Fülle von Themen, bei denen es uns schwerfällt, mit anderen zu reden. Und das ist nicht gut. Toleranz ist für mich dabei immer nur ein Zwischenschritt. Wir brauchen den Mut, in Liebe mit anderen zu streiten. Dazu gehört es, erst einmal hinzuhören, die Erfahrungen und Anliegen meines Gegenübers zu verstehen, zwischen Person und Meinung zu unterscheiden, Differenzen inhaltlich klar zu benennen, aber davon die Beziehung nicht bestimmen zu lassen. Christlich gesprochen meint das Nächstenliebe. Das kann man übrigens vom Karneval lernen: Jeder Jeck ist anders.

Wo sollte Toleranz auch Grenzen haben, um die Grundwerte unserer Gesellschaft zu schützen?

Latzel: Die Grenzen liegen bei einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit: dort, wo Menschen ihre Würde abgesprochen wird, wo Nationalismus und Hass verbreitet werden, wo unsere offen-demokratische Gesellschaft angegriffen wird. Konkrete Beispiele sind dafür der wachsende Antisemitismus, das unselige Geraune von Remigration, die abwertende Rede von Menschen anderer Herkunft, anderer sexuellen Orientierung, anderen Aussehens oder anderer Religion. Das widerspricht zutiefst dem christlichen Glauben. Jesus Christus hat uns gelehrt, selbst unsere Feinde zu lieben. Das heißt aber nicht, andere einfach machen zu lassen - es gilt, Menschen und ihre Taten zu unterscheiden. Gegenüber Gewalt, Hass und Intoleranz gibt es keine Toleranz.