Nach offiziellen Angaben schlummern gut acht Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs immer noch rund 100.000 Fliegerbomben in deutschen Böden; jedes Jahr werden circa 5.000 Blindgänger geräumt. Diese Arbeit ist nicht ungefährlich und wird des Öfteren als Hintergrund für Filme aller Art genutzt; das Spektrum reicht vom Krimi übers Drama bis zu Tragikomödie.
Besonders gern dienen solche Bombenfunde als Anlass, um Menschen mit unterschiedlichstem sozialen Hintergrund zusammenzubringen, weil eine Großstadtgegend evakuiert werden muss und die Betroffenen in einer Turnhalle untergebracht werden. Diesen Aspekt lässt Mariann Kaiser in ihrem Drehbuch für "Nord bei Nordwest" gänzlich beiseite, obwohl auch die Bevölkerung von Schwanitz ihre Häuser verlassen muss, als bei Baggerarbeiten am Ortsrand eine zehn Zentner schwere Bombe entdeckt wird.
Der Fund allein ist natürlich noch kein Krimistoff. Auf dieser Ebene tummelt sich ein Schurke, den Max Hopp mit spürbarem Vergnügen verkörpert: Andrej Soroka ist ein Killer, der im Auftrag eines Syndikats nach Schwanitz gekommen ist. Die Organisation betreibt illegalen Waffenhandel, aber ausgerechnet in dem beschaulichen Ostseeort pfuscht ihr ein Amateur (Pit Bukowski) ins Geschäft; diesen Mann sollen Soroka und ein Komplize ausschalten.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Was für die Profis wie ein leichter Job aussieht, entpuppt sich als echte Herausforderung. Der Komplize bleibt gleich zu Beginn auf der Strecke, dann wird Soroka von derart vielen Missgeschicken heimgesucht, dass sich sogar Mitgefühl für den Verbrecher regt: Erst wird er von einem Garagentor umgehauen, dann wird seine Hand überfahren, später landet eine Kegelkugel auf seinem Fuß; aber das schlimme Ende kommt noch.
Allein mit der Inszenierung dieser schmerzhaften Ereignisse, durch die sich der Verbrecher trotzdem nicht aus der Fassung bringen lässt, beweist Hinnerk Schönemann erneut sein Talent nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. "Blindgänger", der 29. Film aus der außerordentlich beliebten ARD-Reihe, ist seine dritte Regiearbeit. Gerade die Balance auf dem schmalen Grat zwischen Krimi und Komödie ist ihm vortrefflich gelungen. Der Erzählstrang mit dem Killer ist zwar moderat überhöht, gerät aber nie zur Parodie. Trotz des durchaus entspannten Tempos ist die Handlung durchgehend fesselnd, weil ständig was passiert.
Für Spannung sorgt neben der Suche von Tierärztin Jule Christiansen (Marleen Lohse) nach einer jungen Ausreißerin und Sorokas Fahndung nach dem einheimischen Waffenhändler natürlich auch die Bombenentschärfung, zumal Kaiser mit einer simplen, aber wirkungsvollen Idee am Rande des Blindgängers weiteren Zündstoff ins Spiel bringt: Der Beamte vom Kampfmittelräumdienst entpuppt sich als Bruder von Hannah Wagner (Jana Klinge). Die Gespräche der Geschwister sind allerdings von großer Gereiztheit geprägt, weil die Polizistin aufgrund eines lange zurückliegenden Vorfalls stinksauer auf Frederik (Mike Hoffmann) ist.
Seit einigen Jahren wechselt sich Reihenschöpfer Holger Karsten Schmidt bei der Drehbucharbeit mit Niels Holle ab. Mariann Kaiser trifft den Tonfall der beiden Kollegen allerdings zum Verwechseln gut. Das wiederum ist keine Überraschung: Bis auf einen Ausreißer nach unten waren ihre bisherigen Arbeiten für die gleichfalls als Krimikomödien konzipierten ZDF-Reihen "Wilsberg" und "Friesland" mehr als sehenswert.
Den Rest besorgte Schönemann, der viele eigene Einfälle einfließen ließ. Oft muss man allerdings zweimal hinschauen, um sie zu entdecken, etwa die Sätze auf den Werbetafeln vor verschiedenen Geschäften oder Einrichtungen: "Sturm ist, wenn die Schafe keine Locken mehr haben", heißt es bei der Hafenmeisterei. Als Hauke Jacobs (Schönemann) und Hannah Wagner bei ihrem Rundgang durchs Dorf an einer Haustür klingeln, öffnen ihnen zwei Kinder, die exakt die gleiche Kleidung wie das Duo tragen.
Maßgeblichen Anteil an der heiteren Stimmung hat die abwechslungsreiche Musik. Über weite Strecken begleitet Stefan Hansen die Ereignisse mit entspannten Klängen, die in den im Grunde nicht komischen Szenen gern einen ironischen Kontrapunkt setzen, aber zwischendurch wird’s auch mal richtig schmissig. Oftmals braucht Schönemann ohnehin keine Worte, um einen komischen Effekt zu erzielen, wenn zum Beispiel eine Leiche mit Hilfe eines Modellschleppers aufs Meer hinaus transportiert wird. Gerade die filmische Leichtigkeit funktioniert jedoch nur dank entsprechender Vorbereitung. Das gilt auch für die ganz kurzen Auftritte: Heimlicher Star von "Blindgänger" ist ein Igel, der immer wieder durch die Szenerie spaziert.


