Jo-Jo an US-Börse: "Wir sind doch nicht Kasachstan"

Jo-Jo an US-Börse: "Wir sind doch nicht Kasachstan"
Einen solchen Ritt haben selbst langgediente Börsianer noch nicht erlebt: Am Donnerstagnachmittag brachen die US-Börsen urplötzlich ein. Der Leitindex Dow Jones verlor in nicht mal einer Stunde fast 1.000 Punkte oder ein Zehntel seines Werts. Und genauso schnell wie die Aktien gefallen waren, schossen sie auch wieder hoch. Am Ende schloss der Dow Jones noch gut 3 Prozent im Minus bei 10.520,32 Punkten.

"Das war ein wilder Tag", kommentierte eine sichtlich gestresste Sprecherin des Finanz-Nachrichtensenders Bloomberg, nachdem um 16 Uhr die Schlussglocke an der Wall Street geläutet hatte. An diesem Tag waren so viele Aktien gehandelt worden wie zuletzt beim Absturz der Börsen in der Finanzkrise Ende 2008.

"Das hat nichts mehr mit Werten zu tun, das ist ein Witz", ereiferte sich Börsenexperte Joseph Saluzzi von Themis Trading landesweit im Fernsehen. "Das ist der Markt der Vereinigten Staaten von Amerika, das ist nicht Kasachstan oder so."

Händler und Experten vermuten den Grund für die rasante Berg- und Talfahrt in den Computersystemen. "Das war wie eine Apokalypse für den computergesteuerten Handel", sagte Stefan de Schutter vom Wertpapierhandelsunternehmen Alpha. Hinzu komme die ohnehin angespannte Stimmung auf den Märkten. Wegen der Griechenland-Krise sind die Börsen auf Talfahrt, allein der Deutsche Aktienindex Dax büßte im Wochenverlauf zeitweise über sechs Prozent ein.

Kann ein einzelner Mensch die USA ins Chaos stürzen?

Was war passiert? Werden bestimmte Grenzwerte durchbrochen, beginnen die Rechenmaschinen automatisch, Aktien zu verkaufen. Fängt ein Computer an, kann er eine Kettenreaktion auslösen. Als die Menschen merkten, dass in der Welt da draußen eigentlich nichts Schlimmes passiert war, begannen sie, den Fehler zu korrigieren und kauften wieder fleißig zu.

Der New Yorker Crash aus dem Nichts erfasste neben dem Leitindex Dow Jones unter anderem den Nasdaq-Index für Technologietitel. Dieser verlor an dem bereits mit «Schwarzen Donnerstag» betitelten Tag bis zu neun Prozent. Einige Standardwerte wie der Konsumgüterhersteller Procter & Gamble oder der Mischkonzern 3M brachen um rund ein Drittel ein. Auf dem Höhepunkt des Tages-Crashs ergab sich ein Wertverlust von mehr als 1.000 Milliarden Dollar, bevor sich der Markt das wieder ausglich.

Das ist die eine Theorie. Die andere, aufgebracht vom Wirtschaftssender CNBC, lautete, ein großer Marktteilnehmer habe einen Fehler gemacht. Statt "Millionen" habe er "Milliarden" in sein System eingetippt und damit das Chaos ausgelöst. Menschliches Versagen also, sicherlich beflügelt von der ohnehin schlechten Stimmung, die die griechischen Schuldenprobleme schon den ganzen Tag über verbreitet hatten.

Aktienkäufe und -verkäufe sollen rückgängig gemacht werden

Laut CNBC weist die Spur zur Citigroup als Übeltäter. Die Großbank wies dies erst einmal zurück und sagte, sie sei genauso ratlos wie der Rest der Finanzwelt. Besonders hart hatte der Kursrutsch den Konsumgüterkonzern Procter & Gamble erwischt, der zeitweilig fast 40 Prozent seines Wertes einbüßte. Das Unternehmen war fassungs- und ratlos. Zum Ende des Tages war der Kurs allerdings bis auf fünf Prozent wieder an den Ausgangswert gekommen.

"Sowas habe ich noch nie gesehen", sagte ein Händler auf dem Parkett an der Wall Street, "und ich bin schon zwei Jahrzehnte dabei." Die US-Börsenbetreiber haben eine Untersuchung angekündigt. Der Absturz hat ungewöhnliche Folgen: Die New Yorker Börsen NYSE und Nasdaq kündigten an, dass alle Transaktionen mit Aktien, die zwischen 14.40 und 15.00 Uhr (Ortszeit) mehr als 60 Prozent verloren hatten, zurückgenommen werden sollen. An der Technologiebörse Nasdaq sind davon mehrere hundert Titel betroffen.

dpa