Susianna Kentikian: "Ich kämpfe für euch"

Susianna Kentikian: "Ich kämpfe für euch"
Am Samstag boxte die gebürtige Armenierin Susianna Kentikian erneut für das Land, das sie jahrelang ausweisen wollte. Die dreifache Weltmeisterin ist für viele zum Vorbild geworden – weil sie dem Einwanderungsland Deutschland ein Gesicht gibt.

Sie ist in einem Meer kreischender Teenies verschwunden. Vor dem Bürgerhaus Wilhelmsburg taucht nicht einmal eine Locke ihres hoch gekämmten Haares im Pulk von Jugendlichen auf, die ein Autogramm von der 22-Jährigen wollen. Einzig ihr ehemaliger Boxtrainer Frank Rieth ragt heraus, der seine Arme schützend vor die Boxerin hält, seit sie den Saal verließen.

Dort stand sie auf der Bühne und sah aus, als könnte sie einen Bodyguard gebrauchen.
Mit 1,52 Meter Größe war sie trotz Pumps mindestens einen Kopf kleiner als die Honoratioren, die neben ihr standen. Es ist "Box-Out", eine Aktion für Hamburger Schüler. Sie sollen im Ring und im Leben kämpfen lernen.

Susianna Kentikian kann beides. Im Alter von 14 Jahren brachte die Polizei sie zum Flughafen, um sie und ihre Familie abzuschieben. Heute ist sie dreifache Box-Weltmeisterin im Fliegengewicht und verteidigt ihre Titel gegen Nadia Raoui am Samstag, 24. April, vor einem Millionenpublikum (23.30 Uhr live im ZDF). [Anm. d. Red.: Susi Kentikian gewann den Kampf nach Punkten.] Ihr Kampfname: "Killer-Queen". Den deutschen Pass besitzt sie inzwischen. Nun wirbt sie lächelnd auf sämtlichen Fernsehkanälen für einen Pausensnack mit dem Satz: "Dann braucht man zwischendurch schon mal was, das nicht so reinhaut." Aus dem Flüchtlingskind ist eine Werbe-Ikone geworden.

"Ich kämpfe für euch"

12 Uhr mittags in einem Hinterhof in Hamburg-Wandsbek. In der Halle des Universum-Boxstalls riecht es nach Schweiß und altem Leder. Auf dem Boden stapeln sich Hanteln. Sandsäcke schwingen unter den Schlägen muskulöser Männer.

Das ist der alltägliche Arbeitsplatz von Kentikian, die alle nur Susi nennen. Wäre das Besprechungszimmer neben den Duschen eine Boxarena, würde jetzt ihre Einmarschmusik erklingen, der Rapsong "The Killer-Queen", eigens für sie komponiert.

So aber setzt sie sich einfach auf die Kunstledercouch und erzählt von sich. "Deutschland hat mir die Möglichkeit geschaffen, dass ich erfolgreich boxen kann", sagt sie nachdenklich. "Ich kämpfe für euch."

Sie ist dankbar, weil sie in großen Sportarenen im ganzen Land gefeiert wird. Als Asylbewerberin sollte sie aus diesem Land abgeschoben werden. "Das tut ein bisschen weh im Herzen."

Einmal quer durch Europa

Susi ist acht, als sie nach Hamburg kommt. Da hat sie bereits eine drei Jahre lange Odyssee hinter sich. Die Familie floh aus Armenien vor dem Krieg um die Region Berg-Karabach. Susi muss mit fünf Jahren über Grenzen gehen, nach Deutschland, Moldawien, Russland, und neue Sprachen lernen.

Als sie erneut in die Bundesrepublik kommt, diesmal an die Elbe, lebt die Familie in einem Zimmer auf dem Hamburger Wohnschiff für Asylbewerber, der Bibby Altona. Viele der Bewohner berichten von Enge, Ungewissheit und Gewalt, die sie auf dem engen Raum erleben. Kentikian nicht. "Als wir zur Bibby Altona kamen, haben wir nichts anderes erwartet. Man gewöhnt sich daran. Das gehört dazu."

Geboren wurde sie am 11. September 1987 in Eriwan als Syuzanna. Als sie den Namen ausspricht, klingt es wie "Süsanna" und die Sonne geht bei ihr auf. Syuzanna strahlt, auch wenn der Name nach Vergangenheit klingt. Nur die Verwandten aus Armenien kennen ihn noch. Auf der Wanderung passte sich der Name an und wurde zu Susianna. Auch der Familienname Kentikyan wandelte sich, das y wurde zum i.

Es sind die letzten erkennbaren Häutungen auf dem Weg nach Deutschland. Er ist steinig und lang.
Im September 2001 dringen Beamte der Ausländerbehörde frühmorgens in das Zimmer
der Familie ein. Um 12 Uhr soll das Flugzeug zurück nach Eriwan starten. "Es war ein kleiner Kampf ", sagt Kentikian heute dazu. Es war der größte Kampf ihres Lebens. Ohne das Boxen wäre er anders ausgegangen.

Wohin mit der Power?

Kentikian hebt die rechte Faust und boxt ein wenig in die Luft. "Ich hatte immer so viel Energie, ich wusste nicht wohin damit", sagt sie. Die Erinnerung kommt wieder. An die Zeit in Moldawien, als sie sieben war und auf der Straße mit anderen Kindern spielte und nach Hause kam, mit einem Fleckchen hier – sie zeigt auf die Stirn – und einem Kratzer da – ein Finger wandert über die Wange. "Es gab ständig Beulereien", sagt sie und lacht. "Ich hab mir nie was sagen lassen. Ich war ein kleines freches Mädchen. Ich konnte meine Kräfte nie kontrollieren!" Lächelnd hebt Kentikian die Arme.

Mit zwölf Jahren sucht sie in Hamburg nach einem Sport für sich und ihre Energie und findet keinen. So begleitet sie ihren Bruder Mikael nach Bahrenfeld zum Sportverein BSV 19. Dort boxt er. Susi ist wie elektrisiert.

Kontrollierte Energie. Eine Körpersprache, die jeder versteht. Linker Haken, rechter Schwinger. Klare Grenzen in einem quadratischen Boxring. Das ist ihr Land. Susi ist angekommen.

Deutschlands gefährlichstes Fliegengewicht

"Sie hatte von Anfang an einen unglaublichen Biss", sagt Trainer Frank Rieth. Als sie 1999 in den BSV 19 kommt, gibt er dem Mädchen die ersten Boxhandschuhe. Selbstverständlich ist das nicht. Vier Jahre zuvor war Vereinsboxen für Frauen in Deutschland noch verboten. Erst 1995 bekamen sie vom Amateurboxverband das Wahlrecht auf einen Kampf.

Der 47-Jährige trainiert Susi, bis sie zum gefährlichsten Fliegengewicht Deutschlands wird. Von Beginn an ist sie so stark, dass sie im Sparring fast nur gegen Jungs boxt. Damit sie für ihre Kämpfe überhaupt noch Gegnerinnen findet, macht sie sich manchmal schwerer, als sie ist. Einmal bindet sie vor dem offiziellen Wiegen Gewichtsmanschetten um die Fußgelenke und überdeckt sie mit ihrer langen Trainingshose. So darf Susi gegen eine Gegnerin kämpfen, die fünf Kilo mehr wiegt als sie. Susi gewinnt.

Als die Ausländerbehörde die 14-Jährige und ihre Familie ausweisen will, organisiert Trainer Rieth innerhalb von Stunden eine Kampagne dagegen. Die Aktion gelingt.

Gute Sozialprognose

Das befristete Bleiberecht muss jedes Jahr erneuert werden. Jedes Jahr müssen die Kentikians nachweisen, dass sie es verdient haben, in diesem Land zu leben. Die Familie beantragt nicht einmal Wohngeld, das ihnen zustehen würde. Der Vater verdient Geld, in dem er Toiletten reinigt. Susi putzt am Wochenende das Sportstudio, in dem sie unter der Woche trainiert. Mit dem Geld hilft sie, die Familie zu ernähren.

Wie Susi sich motiviert hat? "Ich habe mir ständig gesagt: Gib nicht auf, gib nicht auf, mach weiter. Deine Zeit kommt noch." Mit 14 wird sie Hamburger Meisterin, mit 17 noch einmal. Ende 2004 erhält Familie Kentikian ein dauerhaftes Bleiberecht. Die sportliche Karriere von Susianna ist ein wesentlicher Grund für die gute Sozialprognose, die das Asylrecht fordert.

Aus der Trainingshalle hinter dem Besprechungszimmer dröhnt laute Musik. "Schachmatt – durch die Dame im Spiel", singt Roland Kaiser. Bald wird Susi wieder zwischen die Seile steigen und Sparring machen, erneut meist mit Männern. Seit sie 2005 vom Universum-Ableger Spotlight als Profi unter Vertrag genommen wurde, gewann sie alle 26 Kämpfe, 16 davon durch K.o.

"Auch ihr könnt es schaffen!"

Am Samstag kann sie in Hamburg alle Titel verlieren. Dann muss sie von vorne anfangen. Diese Gefahr begleitet sie immer. Will sie sich davon erholen, geht sie shoppen. Keine Tasche ist vor ihr sicher. Mehr als 50 weiße, braune, rote, bunte Beutel stapeln sich in der Wohnung, in der sie mit ihrer Familie lebt. Der Vater ist Vorarbeiter geworden. Der Bruder arbeitet im Bundeswehrkrankenhaus. Gemeinsam leben sie im ruhigen Stadtteil Rahlstedt.

Ihre vielen Identitäten haben ihr den Erfolg gebracht. Eine Frau in einer Männerbastion, eine Shopping- und Killer-Queen. Vor allem aber eine Frau, die zahlreiche Hindernisse überwand und dadurch zu einer Integrationsfigur für Ausländer und Deutsche wurde, weil sie dem Einwanderungsland Deutschland ein Gesicht gibt. "Wenn ich es schaffe, könnt ihr es auch schaffen", rief Susi von der Bühne des Bürgerhauses Wilhelmsburg den jubelnden Mädchen und Jungs zu. "Gebt alles!"


Joachim Wehnelt ist freier Journalist in Hamburg.