"Ich krieg immer Emotionen, wenn ich den Typen sehe"

"Ich krieg immer Emotionen, wenn ich den Typen sehe"
Erstaunlich sachlich verlief die "Hart aber fair"-Diskussion über Scientology, immerhin eine Organisation, die Menschen manipuliert und den freiheitlichen Rechtsstaat abschaffen will.

Was er sich von der Sendung erhoffe, will Frank Plasberg anfangs von dem gemütlich wirkenden Schweizer wissen. Und am Ende wird Scientology-Pressesprecher Jürg Stettler gar zu einem Solo-Schlusswort eingeladen. Auch zwischendurch bekommt der Vertreter der zwielichtigen Organisation, die in Deutschland der Verfassungsschutz beobachtet, viel Redezeit eingeräumt. Will die ARD bei der selbsternannten Kirche etwa Abbitte leisten für den betont kritischen Scientology-Spielfilm, der am Mittwochabend vor "Hart aber fair" im Ersten lief?

Keineswegs. Dass Stettler so oft zu Wort kam, lag eher daran, dass die anderen Talkshowgäste mit Ausnahme des Scientology-Aussteigers Wilfried Handl eher blass blieben. Außerdem hörte man dem Pressechef, der nebenbei auch noch den sekteneigenen Geheimdienst leitet, fast gerne zu bei seinen Versuchen, die "Org" weißzuwaschen von jedem Verdacht, Menschen zu manipulieren und die Demokratie abschaffen zu wollen. So fahrig und hilflos hatte man sich einen modernen Seelenfänger nicht vorgestellt. Zumal Stettler einräumen musste, dass zumindest der erste Teil von Niki Steins Film "relativ realistisch" gewesen sei.

Einen Aschenbecher anbrüllen

Die seltsamen Methoden von Scientology wurden in Plasbergs Sendung ausführlich thematisiert – als Handl berichtete, wie er in einem der kostspieligen Kurse, die jedes Mitglied absolvieren muss, einen Aschenbecher anbrüllen sollte, kam im Publikum leichte Heiterkeit auf. Doch dass das Thema ernst ist, war zu spüren, als von der Leistungsideologie der Sekte die Rede war, davon, was sie aus Persönlichkeiten machen kann: knallharte, gefühlsarme Menschen, die die Vorstellung von Sektengründer L. Ron Hubbard teilen, eine Gesellschaft "säubere" sich, indem sie vermeintlich Arbeitsscheue aus ihren Reihen ausschließt.

Dass Scientology aus dem Kreis der Verfassungsfreunde auszuschließen ist, betonte Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein mit Verve und warb für ein Verbot der Organisation, die die freiheitliche Grundordnung beseitigen wolle ihren Mitgliedern das Geld aus der Tasche ziehe: "In Wirklichkeit werden die Leute nur ausgenommen, bis sie kein Geld mehr haben." Ein weiterer prominenter Protestant, Ex-Fernsehmoderator Jürgen Fliege, wies auf die Überwachungsmethoden der Sekte hin: "Controlling ist vom Teufel", Religion funktioniere allein mit Vertrauen.

Alles, aber keine Kirche

Was hat Scientology überhaupt mit Religion und Kirche zu tun? Nichts, wie es scheint - bis auf das Kreuzsymbol, das die Gruppierung vor sich herträgt. "Scientology ist alles, aber sicher keine Kirche", sagt Handl, der viele Jahre lang einer der Köpfe der Organisation in Österreich war. Sein Zusammentreffen mit Scientology-Geheimdienstchef Stettler musste besonders brisant sein. "Ich krieg immer Emotionen, wenn ich den Typen sehe", sagte der Aussteiger. Es blieb die einzige etwas lautere Bemerkung in einer ansonsten betont sachlichen, ja zurückhaltend geführten Debatte.

Sabine Riede von der Sekten-Info in Nordrhein-Westfalen verlangte zu Recht mehr Hilfe für die Menschen, die sich von Scientology abwenden. Wie wichtig das ist, war auch in dem ARD-Film deutlich geworden. Für viele Aussteiger brechen Kontakte und Netzwerke weg, sie werden ausgegrenzt und stehen allein da. "Wie gefährlich sind moderne Seelenfänger?" lautete die Titelfrage der "Hart aber fair"-Sendung – angesichts von 5.000 oder 6.000 Scientologen in Deutschland keine leichte Frage. Durch offene Diskussionen wie bei Plasberg werden sie jedenfalls nicht gefährlicher.