Journalismus im Netz (II): "Für Integration sorgen"

Journalismus im Netz (II): "Für Integration sorgen"
Sorgt das Internet für einen Verlust an Qualität im Journalismus? Bei der Tagung "Qualität unter Druck - Journalismus im Internetzeitalter" an der Evangelischen Akademie Tutzing gingen Medienmacher und Medienwissenschaftler zwei Tage lang dieser Frage nach. Zudem skizzierten sie, wie sich Qualität im Netz verwirklichen lässt. Evangelisch.de dokumentiert in dieser Woche fünf Vorträge der Tagung. Heute den von Volker Lilienthal, Professor für Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg.

Journalismus im Internetzeitalter

Der Onlinejournalismus kann eine Sphäre der spitzen Feder sein, ein publizistischer Freiheitsraum der schnellen kritischen Kommentierung, fast in Echtzeit, jedenfalls sehr, sehr bald nach einem Ereignis, das zur Reaktion reizte. Aber er ist auch eine Sphäre der flüchtigen Feder, in der Fakten oft nicht zählen und Orthografie oder Interpunktion Fremdwörter sind:"Die Gefangenenanstalt Kahrisak war im Juli auf Anordnung Ayatollah Chameneis geschlossen worden. Vorwürfe nach schweren Verletzungen der Menschenrechte, wies das Regime jedoch stets zurück."

"Werblich kontaminiert"

Von den großen Medienmarken wie "Spiegel. de", "faz.net", "sueddeutsche.de", "welt.de", "tagesschau. de", "heute.de" und anderen einmal abgesehen, gilt der deutsche Onlinejournalismus vielen Kritikern als einfallslos, flüchtig zusammengeschustert, klickratenfixiert und werblich kontaminiert. Auf mancher Website stehen redaktioneller Text und kommerzieller Link allzu dicht beieinander. Nachbarschaften zur Reklame produzieren nicht selten ethisch fragwürdige Effekte, so einmal auf "AOL.de" in der Rubrik "Nachrichten", wo sich eingeklinkt in einen Bericht "Berufssoldat misshandelt kleine Tochter zu Tode" eine Werbung der Versicherung Hannoversche Leben fand – mit dem Bild eines jungen Mannes (der, seinem sportlichen Aussehen nach, der Soldat sein könnte) und dann, nachdem sich das Werbemotiv dynamisch verändert hatte, mit dem Slogan "Ich liebe meine Familie".

Ein anderes Problem ist die Boulevardisierung vieler, auch publizistischer Webseiten: Ohne Stargeplauder und Sexgeflüster scheint es nicht zu gehen. Einer der schärfsten Kritiker des Onlinejournalismus ist selber einer – und Blogger obendrein. Stefan Niggemeier, jüngst mit dem Hans-Bausch-Mediapreis ausgezeichnet, brachte in einem Vortrag im vergangenen Jahr dieses Beispiel, das vielleicht nicht mehr aktuell, aber typisch ist:

"Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür fand ich auf der Homepage der ,Neuen Osnabrücker Zeitung’, meiner Heimatzeitung, bei der ich meine ersten Artikel über Kaninchenzüchter und Karnevalsvereine schrieb. Als dort vor einigen Monaten der diesjährige Katholikentag eröffnet wurde – für eine Stadt wie Osnabrück ein epochales Ereignis, das neben der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten Zigtausende, oft junge Menschen in den Ort brachte – fand sich dort zwar ein sogenanntes ,Online-Spezial’. Der Aufmacher aber war ein vier Wochen altes Text-Narkotikum, das mit der Überschrift ,Gespräche über Jugend, Umwelt und Frieden’ die Aufmerksamkeit der Leser zu verlieren versuchte. Dahinter war ungefähr nichts."

"Klicks generieren"

In der Reihe "Wozu noch Journalismus?" auf "sueddeutsche. de" hat Niggemeier jüngst, im Februar 2010, noch mal nachgesetzt: "Es gibt in Deutschland wenig, das man wirklich als ,Onlinejournalismus’ bezeichnen könnte. Was es stattdessen im Überfluss gibt: Übernahmen aus Printmedien, ergänzt durch Bildergalerien, hinter denen erkennbar weniger ein publizistisches Interesse steht als der Versuch, möglichst viele Klicks zu generieren. Automatisch oder halbautomatisch übernommene Agenturmeldungen, illustriert mit dem erstbesten Symbolfoto aus dem Archiv. Und hastig abund zusammengeschriebene Textchen mit Klatsch und Tratsch."

Fragt sich: Woher kommt das? Ist das journalistische Einfallslosigkeit, die Unbeholfenheit von Dilettanten in der Provinz? Wahr ist, dass die Ausbildung guter Onlinejournalisten erst am Anfang steht. Und wenn es sie gibt, muss in sie investiert werden. Von den Verlagen, von den Arbeitgebern. Die sich auch fragen müssen, wie ernst sie es mit der Devise "Die Zukunft ist Online" wirklich meinen. Denn dann müssten sie auch in eine ausreichende Ausstattung der Onlineredaktionen investieren. Das Gegenteil ist der Fall, knappe Besetzungen die Regel.

"Internet-Manifest"

Eine Gruppe von 15 Bloggern hat im September 2009 ein "Internet-Manifest" vorgelegt, Untertitel: "Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen" (epd 71/09). Sieben davon seien hier noch mal zitiert:

"1. Das Internet ist anders.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus. 7. Das Netz verlangt Vernetzung. (. . . )"

Sie sehen hier ein paar dieser Thesen, die auch vehementen Widerspruch hervorgerufen haben (epd 79/09), denen aber in einem zuzustimmen ist: Onlinejournalismus könnte tatsächlich der bessere, der ambitioniertere Journalismus des neuen Zeitalters werden.
"Crossmedialer Ansatz"

Denn die Schnelligkeit der Onlinemedien, ihre Fähigkeit, Ereignisse à la Twitter fast in Echtzeit "live" zu melden, ist nur ein Aspekt und Vorteil, und nicht mal der wichtigste. Mehr noch gewinnt Onlinejournalismus seine Qualität aus dem crossmedialen Ansatz, aus seiner Multimedialität, die es erlaubt, ein Thema in seiner Tiefe auszuleuchten – der User entscheidet, wie viel er davon nutzen will.

Jedes Thema kann und sollte nicht nur mit einem Lesetext aufbereitet werden. Man kann es vertiefen mit hinzugestellten Audiobeiträgen – das Interview im Wortlaut! –, mit kleinen Webvideos, mit Hintergrundinformationen, interaktiven Grafiken, Abstimmungsforen für den User und natürlich immer wieder auch mit Originaldokumenten zum Abruf. Damit sich der Onlineuser seine eigene Meinung, sein eigenes Urteil bilden kann. Das ist auch ein nicht ganz unwichtiges demokratisches Potenzial des Massenmediums Internet.

"Ungelöste Strukturprobleme"

Doch die Marktentwicklung sieht anders aus. Es gab Verluste wie den von "zoomer.de" oder den, dass es die "Netzeitung" als journalistisch gestaltetes Angebot nicht mehr gibt. Ein Automat für scheinjournalistische Nachrichtenauswahl ist an ihre Stelle getreten. Das hat natürlich nicht mit mangelnder Qualität zu tun, sondern mit mangelndem Willen des dahinter stehenden Verlags – nach vielen Eigentümerwechseln ist das inzwischen M. DuMont Schauberg aus Köln –, die "Netzeitung" doch noch am Markt durchzusetzen.

Der Gerechtigkeit halber sei hinzugefügt: Das ist auch schwierig, weil der Werbemarkt, auch der für Onlinemedien, konjunkturkrisenbedingt eingebrochen ist und weil auch die Klickzahlen der "Netzeitung" nicht so exorbitant waren, dass sich damit passable Werbepreise rechtfertigen ließen.

Die Refinanzierung von Onlinejournalismus ist eines der größten ungelösten Strukturprobleme des deutschen Medienmarkts. Nur "Spiegel Online" arbeitet mit schwarzen Zahlen, andere laborieren an roten. Bei "derwesten. de", dem Regionalportal der WAZ-Gruppe im Ruhrgebiet, soll das Defizit im Millionenbereich liegen. Zuletzt hat WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz dort das Ruder ergriffen. Das deutet auf einen Verlust von Eigenständigkeit hin: Das Onlineportal, das anfangs von der prominenten Bloggerin Katharina Borchert geleitet wurde – sie hat schon das Weite gesucht –, wird wieder stärker an die Zeitung angebunden. Und Reitz hat ganz klar gesagt: Ohne redaktionelle Inhalte, die die Zeitungsredaktion erstellt, gäbe es keinen Onlinejournalismus – weil er nämlich autark nicht zu finanzieren ist.

Heißt aber im Umkehrschluss auch: Wenn es keine Zeitungen mehr gibt – weil auch dort Anzeigen, Abonnenten und Einzelkäufer in Scharen verloren gehen –, kann auch nichts mehr an Inhalt aus der Zeitungsredaktion in das Internetportal gewissermaßen hochgereicht werden. Diese Verarmung im öffentlichen Informationsangebot werden wir dann alle zu spüren bekommen und wortreich beklagen.

"Geiz-ist-geil-Mentalität"

Aber das Publikum ist selbst mitverantwortlich für diese Entwicklung. Denn wir alle sind verwöhnt, fast möchte man sagen: verdorben durch die "Geiz-ist-geil"- Mentalität. Wir sind es fatalerweise gewöhnt, im Internet fast alles umsonst zu bekommen, wir haben zu wenig Wertschätzung für das Gute, das von Menschen ja erst erarbeitet werden muss, unsere Zahlungsbereitschaft tendiert gegen Null.

Im kommenden Jahr (2010) nun wollen mehrere deutsche Verlage das Ruder herumreißen, wollen große Teile ihres bisher frei verfügbaren Onlineangebots kostenpflichtig stellen. Journalismus hat seinen Preis, auch in der Online-Welt, betont nicht nur WAZ-Chef Bodo Hombach zu Recht (epd 65/09).

"Paid content" heißt die neue Devise, sei es über einen kleinen Obolus für den Einzelabruf oder im Onlineabonnement. Das "Hamburger Abendblatt" macht es seit Dezember vor: Volltexte gibt es nur noch gegen Geld: 30 Tage Onlinezugang kosten 7,95 Euro, nur für Abonnenten der Zeitung bleibt "abendblatt.de" ohne Aufpreis.

"Gratis-Mentalität"

Man kann den Verlagen nur Glück wünschen, denn so geht es nicht weiter. Angesichts der verbreiteten Gratismentalität kann man schon jetzt voraussagen, dass die Umstellung nicht reibungslos vonstattengehen wird.

Allerdings: Viele Onlineredaktionen bzw. deren Medienunternehmen machen bei diesem Umerziehungsvorhaben gar nicht erst mit, weil die Unternehmung ambivalent ist und Risiken birgt: Paid Content und die damit verbundenen Zugangsbarrieren verringern automatisch die Reichweite beim surfenden Publikum, was nicht ohne Rückwirkungen auf die Werbepreise, die man verlangen kann, bleiben wird.

Währenddessen hat das Internet mit Phänomenen wie Blogs und Twitter, bei denen ganz normale Leute, sogenannte Laien, selbst zu Publizisten werden, und zwar mit einer technischen Reichweite, die global zu nennen ist – dieses megaplurale Internet also hat uns Journalisten in eine Identitätskrise gestürzt. Manche fragen sich: Braucht’s uns morgen überhaupt noch?

"Partizipativer Mediengebrauch"

Der Blogger Sascha Lobo hat jüngst im "Spiegel""Die bedrohte Elite" ausgemacht: "Der Redakteur als Torwächter der massenmedialen Realität hat mit dem Internet im 21. Jahrhundert Konkurrenz bekommen, eine scheinbar technologische, tatsächlich aber eine soziale. (. . . ) Das redaktionsgetriebene Diktat der Relevanz wird ergänzt durch das Diktat der Interessantheit. Damit bedroht ein neuer Filter die Macht der Redaktionen."

Richtig ist: Der partizipative Mediengebrauch, den online-affine, den technikgewandte Bürger vom Internet machen können, ist ein medialer Zuwachs an Demokratie. Die berühmte Sentenz des Verlegers Paul Sethe "Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten", gilt heute so nicht mehr. Das Internet macht zusammen mit schnellen, breitbandigen Netzzugängen via DSL und Kabel heute potenziell jeden Multimedia-PC unter 500 Euro Anschaffungskosten zu einer Publikationsmaschine, zu einer virtuellen Rotationsmaschine, zu einem Radiound Fernsehsender aus dem "home office" heraus.

"Dienstleistung des Erklärens"

Das ist ein Mehr, eine Bereicherung. Aber wird deshalb professioneller Journalismus überflüssig? Ich meine nein. Die "Dienstleistung des Erklärens" sieht FAZMitherausgeber Werner D’Inka als Hauptaufgabe für den Qualitätsjournalismus von morgen.

D’Inka sagte Anfang Juli 2009 in einer Festrede auf Einladung der KNA: "Stellen wir uns vor, nach der sogenannten digitalen Revolution gäbe es keinen traditionellen Journalismus mehr. Stattdessen redet jeder mit jedem über alles, und weil das alles angeblich so authentisch ist, kann auch jeder jede Form der Kompetenz für sich und für seine Liebhabereien beanspruchen. Niemand sortiert mehr mit Sinn und Verstand und nach handwerklichen Kriterien die Themen nach ihrer Relevanz. Mir kommt das vor, als würden wir uns, statt zum Friseur zu gehen, alle gegenseitig die Haare schneiden. Das kann ja ganz sympathisch sein – aber würden wir uns auch von einem Bürgerchirurgen den Blinddarm entfernen lassen?" (epd 54/09)

Mit den Bloggern, die bei D’Inka anklangen, ist das übrigens so eine Sache. Ich glaube, wir Journalisten sind mit den Bloggern ungleich mehr beschäftigt als die mit uns. Sie verunsichern uns über die Maßen. Unsere Einbildung ist, sie würden uns den Rang ablaufen, unsere Funktionen ersetzen, den Lesern, erreichen ohne die zwischengeschaltete Zeitung auf Papier.

Ein Trugschluss ist das, weil den allermeisten Bloggern das universale Interesse an Welt fehlt, das Journalisten eigen ist. Selbst für hochqualitative Experten-Blogs, die es ja auch gibt, wie etwa "ScienceBlogs" oder die der Pharmakritik gewidmete "Stationäre Aufnahme" oder die politikkritischen "Nachdenkseiten", für sie alle gilt, dass ihre Macher inhaltlich jeweils ein Spezialinteresse verfolgen. Vom Fachjournalismus abgesehen, ist dem allgemein informierenden Journalismus aber ein universaler Anspruch zu eigen gewesen, über die Welt im Ganzen zu informieren.

"Warnung vor Überschätzung"

Das ist kein Blogger-Bashing, sondern nur eine Warnung vor Überschätzung. Dem wird oft entgegengehalten: Viele Blogs böten echten Journalismus. Stimmt. Aber: Eine Spezialseite wie "blogmedien.de" – mit medienkritischer Schwerpunktsetzung – stellt ein interessantes Angebot dar, wird aber erstellt eben nicht von einem Blogger im eigentlichen Sinn eines publizistisch aktiven Laien, sondern von einem professionellen Journalisten, Horst Müller, der zudem an der FH Mittweida Medienprofessor ist.

Niggemeier, auch so ein Fall, wurde schon erwähnt. Er ist einer der bekanntesten Blogger – aber eben primär ein Journalist, der sein Handwerk gelernt hat (und es konsequent praktiziert). Ebenso ist der Fall beim landespolitischen Blog "Wir in NRW" gelagert: Hier schreiben Profis über das, was in quasi offiziellen Medien des Landes, von WDR bis WAZ, nicht mehr oder nur gefiltert, gemildert vorkommt. Enthüllungen waren schon darunter, wie beispielsweise ein Report über die Rolle von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers bei der "Entsorgung" kritischer Journalisten.

"Geprüfte publizistische Inhalte"

Dass von den "Wir in NRW"-Machern nur einer mit seinem Namen auftritt, die anderen aber anonym schreiben, spricht für sich und gibt einen beschämenden Einblick in die Toleranzkultur deutscher Medienhäuser: So grenzenlos kann die grundgesetzlich verbürgte Freiheit des deutschen Journalismus also nicht sein. Allein Alfons Pieper ist das Gesicht von "Wir in NRW". Der langjährige Stellvertretende Chefredakteur der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", der zuletzt als Chefkorrespondent im WAZ-Hauptstadtbüro aus Berlin berichtet hatte, kann es sich leisten: Er ist in Rente, kann nicht mehr mit Kündigungsdrohungen oder ähnlichem sanktioniert wird.

Ein Trugschluss ist die These von der zukünftigen Entbehrlichkeit des professionellen Journalismus auch deshalb, weil auch die Blogger – wie zunehmend die professionelle Presse – ihr Aufmerksamkeitsproblem haben. Denn sie müssen im Internet erst mal aufgefunden werden, sonst ist ihre Resonanz gleich null. Und ihr Beitrag zur Meinungsbildung ebenso.

Schätzungen zufolge gibt es mindestens 30 Milliarden frei zugängliche Websites, Suchmaschinen wie Google haben davon nur 15 bis 20 Mrd. indexiert, können also die real verfügbaren Inhalte nur zur Hälfte bis zu zwei Dritteln auffinden. Das deutschsprachige Web umfasst über zwölf Millionen Domains. Die wenigsten davon aber bieten geprüfte publizistische Inhalte.

"Spiegel Online", inzwischen die stärkste Informationsmarke im deutschsprachigen Netz, ist erst seit 1994 online. Wir haben es also historisch betrachtet mit einer noch sehr jungen Medienentwicklung zu tun. Wir können bisher nur ahnen, was das für die Kommunikationskultur unserer Gesellschaft bedeuten wird.

"Kampfbegriff der Ewiggestrigen"

Nun kam auch noch Twitter hinzu, und ernstzunehmende Journalisten machten sich ernsthafte Gedanken, ob der 140-Zeichen-Kurznachrichtendienst den Journalismus ersetzen werde. Mittlerweile sollte dieses Konsens sein: Twitter-News können eine Quelle für Nachrichten sein, aber eben unbedingt eine, die man doppelt und dreifach nachprüfen muss.

Währenddessen wird getwittert, was das Zeug hält, auch auf Journalistentagungen, so am 21. November bei "Besser Online" in Mainz, wo ein gewisser Hildwin meinte bemerken zu müssen: "Qualitätsjournalismus ist ein Kampfbegriff der Ewiggestrigen aus dem Print- Bereich."

Projiziert wurde das live auf eine Display-Wand hinter dem Podium. Was sofort weitere Kommentare auf Twitter hervorrief, von Leuten, die im Saal saßen und eigentlich den Referenten hätten zuhören sollen. Jemand qualifizierte den "Kampfbegriff"-Nonsens als "beste Bemerkung", was vor allem einen Entwicklungsbedarf in journalistischen Berufsdebatten anzeigt.

"Kategorischer Imperativ"

Lassen wir uns nicht verunsichern: Eine Kernfunktion des Journalismus, gleich in welchem Medium, wird zunehmend gebraucht: Gegen den Trend zur gesellschaftlichen Segmentierung, zur Verspartung der Interessen, zur Abschottung der kommunikativen Parallelwelten hat er das Große und Ganze, das Gemeinwesen, die Interessen der Allgemeinheit im Auge zu behalten. Was ehedem nur ein Programmauftrag für den öffentlichrechtlichen Rundfunk war, nämlich für Integration zu sorgen, sollte mehr und mehr ein kategorischer Imperativ für alle Medien werden.

Übrigens vor allem für die Onlinemedien, denn die sind es, die – allen relevanten Studien zufolge – die jüngeren Generationen vor allem erreichen. Die, die die Zeitung nicht mehr lesen und die "Tagesschau" auch nicht mehr sehen. Sie aber müssen erreicht und nicht zuletzt für die Demokratie gewonnen werden.

Kommen wir zurück zur "Qualität unter Druck", wie das mir vorgegebene Vortragsthema sagt. Ist das so? Ist die Qualität unter Druck? Ist es nicht eher so, dass Intendant und insbesondere Zeitungsverleger allerorten sehr gerne den Wertbegriff "Qualitätsjournalismus" im Munde führen? Und so tun, als sei dergleichen im Wachsen begriffen?

"Personelle Abbauprozesse"

Ja, das ist so. Doch handelt es sich um das, was ich eine ideologische Rede nenne. Mit dem vorgegebenen Ideal "Qualitätsjournalismus" werden gleichzeitig vielerorts personelle Abbauprozesse in den Redaktionen kaschiert. Während sich der Medienkonsument fragt, ob Qualitätsjournalismus nicht ein Pleonasmus sei und Qualität eigentlich das, was er legitimerweise von jeglichem Journalismus erwarten dürfe.

Blicken wir noch kurz aufs Fernsehen, wo die Zeiten des "Redakteursfernsehens", in denen allein zählte, was der Radio- oder Fernsehmann (tatsächlich: mehrheitlich Männer) darstellen wollte, seit langem vorbei sind. Wir leben in einer neuen Phase der Medienentwicklung: Nie hat das Publikum stärker über Medieninhalte und ihre Gestaltung mitbestimmt.

Das hat sein Gutes, weil es demokratisch ist und Journalismus ganz ohne Leser, Hörer und Zuschauer rein gar nichts bewirkt. Es ist aber auch nicht ganz unproblematisch, weil es zum aufklärerischen Journalismus gehört, der Gesellschaft auch Wahrheiten nahezubringen, die sie nicht oder noch nicht hören will.

Und doch herrscht in vielen Medienhäusern und Redaktionen geradezu eine Angst vor dem Publikum. Eine 2009 erschienene Journalistenbefragung von Michael Meyen und Claudia Riesmeyer von der Universität München trägt denn auch den vielsagenden Titel "Diktatur des Publikums".

Damit will ich noch mal ein bisschen Publikumsbeschimpfung wagen, wie sie vorhin schon bei der "Geizist- geil"-Mentalität anklang. Was bisher nur im Fernsehen möglich war: die sekundengenaue Quotenmessung, die den Programmverantwortlichen prompt am nächsten Morgen nach der Sendung serviert wird, was dann zu Absetzungen eines bestimmten Programms führte oder zu hoch dotierten Vertragsverlängerungen, je nachdem, diese Quotenmessung ist bekanntermaßen auch beim Onlinejournalismus technisch möglich – und sie wird alle Viertelstunden oder noch kurzfristiger in den Redaktionen praktiziert.

"Politisches Interesse wecken"

Konkret bedeutet das: Das Publikum kann abwählen, was eine ambitionierte Redaktion auf der Startseite auf Platz eins in einer Auswahlliste setzte, weil sie z.B. ein politisches Thema wichtig fand. Was aber, wenn das gnadenlose Onlinepublikum davon nichts hören will? Wir sehen: Die neue Kundenorientierung darf nicht grenzenlos sein, denkt man an den gemeinwohlverpflichteten Programmauftrag. Guter Journalismus bedeutet insofern auch: politisches Interesse mit raffinierten Darstellungsformen neu zu wecken.

Wir bemühen uns alle weiterhin um unsere Leser, Hörer und Zuschauer. Und dennoch, so meine ich, darf es beizeiten auch ein wenig Publikumsbeschimpfung geben. Fehlt doch weiten Teilen des Publikums die Wertschätzung für journalistische Arbeit. So wie manche Verleger gute journalistische Arbeit nicht mehr anständig bezahlen wollen, Honorar- und Tarifdumping betreiben, so will es auch das zahlende Publikum nicht – nicht als Zeitungskäufer und zunehmend auch nicht als Gebührenzahler.

Für die Autoren, Fotografen und anderen Kreativen geht davon ein schlimmes Demotivationssignal aus: Will diese Gesellschaft unsere Arbeit überhaupt noch? So müssen wir uns fragen.

"Wertebewusstsein"

Positiv gewendet: Es geht um eine zivilgesellschaftliche Entwicklungsaufgabe auch im Interesse der Demokratie, die gute Zeitungen und gute Onlinemedien braucht. Wahrgenommen wird diese Entwicklungsaufgabe z.B. durch Akademietagungen wie diese hier.

Das Publikum muss zurückfinden zu einem Wertebewusstsein – zu der Einsicht, dass die Produktion guter Medien kostet, dass hochqualitative Inhalte mit Nutzwert ihren Preis wert sind. Die meritorischen Güter sind im Wortsinne verdienstvoll, aber das bleibt blasse Theorie, wenn ihr Verdienst von der Mehrheit nicht mehr anerkannt wird.

Die Brötchen beim Bäcker an der Ecke gibt es nicht umsonst, das wissen wir alle. Nachrichten im Internet aber schon, oder? Was sollte so etwas wert sein? Digitale Pixel, die nicht mal stofflich sind! Das Kännchen Kaffee für 3,20 Euro – na, wenn’s denn sein muss, ist ja alles teurer geworden, der Euro halt. So denken wir. Aber die Regionalzeitung für 1,60 Euro – zu teuer? Ich frage Sie: Stimmt da noch unsere Wertehierarchie?


Volker Lilienthal (geb. 1959) ist Professor für "Praxis des Qualitätsjournalismus" an der Universität Hamburg. Zuvor leitete er vier Jahre lang den Fachdienst "epd medien".

Link: Evangelische Akademie Tutzing

Weitere geplante Beiträge in der Reihe "Journalismus im Netz":

Mittwoch: "Der Charme der Reichweite" von Volker Herres (ARD-Programmdirektor)

Donnerstag: "Mehrwert für Nutzer" von Vera Lisakowski (Grimme Online Award)

Freitag: "Fit für die Zukunft" von Ulrich Brenner (Leiter Deutsche Journalistenschule)