Beweist eine "Sauklaue" Luthers Thesenanschlag?

Beweist eine "Sauklaue" Luthers Thesenanschlag?
Schwer zu lesen, aber umso aufschlussreicher: Handschriften des Luther-Vertrauten Georg Rörer (1492-1557) sind für Reformationshistoriker eine Fundgrube. Vielleicht beweisen sie sogar den berühmten Thesenanschlag von 1517. Die jüngst wieder aufgefundenen Dokumente und Drucke Rörers sind Gegenstand eines Kolloquiums sowie einer kulturgeschichtlichen Ausstellung in Jena.

Die Aufzeichnungen sind eine Zumutung. Direktor Joachim Ott von der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena bezeichnet die Handschrift des Luther-Assistenten Georg Rörer unumwunden als "Sauklaue", die "selbst dessen Zeitgenossen nicht zu entziffern wussten". Gleichwohl werden die fast unleserlichen Aufzeichnungen seit zwei Jahren von Jenaer Bibliothekaren und Kirchenhistorikern systematisch erforscht und digitalisiert.

Erste Ergebnisse der Erschließung wollen Fachleute ab Mittwoch auf einem zweitägigen Kolloquium in Jena diskutieren. Dabei interessierte sich für die 35 handschriftlichen Dokumente und drei Drucke Rörers in den dortigen Beständen lange Zeit kaum jemand. Das änderte sich schlagartig, als der Kirchengeschichtler Martin Treu von der Stiftung Luther-Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt vor drei Jahren in Jena eine Rörer-Notiz zum Thesenanschlag Martin Luthers entdeckte.

In einer Lutherbibel versteckt

Rörers unscheinbarer, in einer Lutherbibel von 1540 versteckter Dreizeiler lautet: "Im Jahr 1517 am Vorabend von Allerheiligen sind in Wittenberg an den Türen der Kirchen die Thesen über den Ablass von Doktor Martin Luther vorgestellt worden." Seit Bekanntwerden der Notiz streiten die Gelehrten, ob es sich bei dieser "Handschrift der Reformation" um eine Bestätigung des Thesenanschlags handelt - oder aber nur um einen weiteren anekdotischen Mosaikstein für eine erst später gestrickte Legende.

Zum Hintergrund: Ende Oktober 1517 verfasste Luther die berühmten 95 Thesen und sandte sie an seinen Landesherrn , Bischof Albrecht von Brandenburg. Ob der Reformator den Protest gegen den florierenden Ablasshandel auch persönlich an die Wittenberger Schlosskirche nagelte, ist dagegen unsicher. Luther selbst hat dies nie erwähnt. Als frühester Beleg galt bisher eine Bemerkung Philipp Melanchthons (1497-1560) aus dem Todesjahr Luthers. Rörers Notiz ist älter und authentischer, weil er sich im Gegensatz zu Melanchthon bereits 1517 in Wittenberg aufhielt.

Zahlreiche Mitschriften überliefert

Für das Jenaer Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft steht jedoch ein anderer Aspekt im Vordergrund. Als einer der bedeutendsten Wegbegleiter von Martin Luther sei Rörer zugleich der Autor zahlreicher Ab- und Mitschriften der Texte von Melanchthon - dessen 450. Todestag in diesem Jahr begangen wird -, Johannes Bugenhagen (1485-1558) und anderen Zeitgenossen, erläutert Bibliotheksdirektor Ott. So sei es seiner gründlichen Arbeit zu verdanken, "dass uns die Werke der Reformatoren bis heute in diesem Umfang erhalten geblieben sind".

Auch der Wittenberger Kirchenhistoriker Treu bezeichnet Rörer als "unheimlich fleißig und akribisch" - und das mit dem "bewundernden Blick von unten auf den Meister". Der einzige Altbayer an der Seite des Reformators stammte aus Deggendorf und studierte ab 1511 in Leipzig, bevor er im April 1522 nach Wittenberg wechselte. Drei Jahre später wurde er durch Luther ordiniert, 1526 heiratete er Johanna Bugenhagen, die Schwester von Luthers Beichtvater.

Beim Marburger Religionsgespräch dabei

1529 begleitete Rörer den Wittenberger Reformator zum Religionsgespräch mit Huldrych Zwingli (1484-1531) nach Marburg. Für die exakten Mitschriften von Predigten und Tischreden entwickelte er eine eigene Kurzschrift, die spätere Forscher ebenso vor immer neue Herausforderungen stellte wie seine Handschrift. Nach der Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 gelangte Rörer über Dänemark nach Jena, wo er ab 1553 noch vier Bände der neuen Luther-Ausgabe veröffentlichte.

Die in diesem Umfeld entstandenen Schriften seien nunmehr zu einem großen Teil wissenschaftlich erschlossen, berichtet Ott. Bereits beendet sei die Digitalisierung, die der Jenaer Bibliotheksdirektor gern auf Rörer-Bestände etwa in Braunschweig und in Hamburg ausweiten möchte. Auch die Wissenschaftler des dortigen Forschungsprojekts wollen die "Handschrift der Reformation" in ganz Deutschland weiter verfolgen. Und die kostbaren Jenaer Originale werden ab Mittwoch in einer Ausstellung erstmals öffentlich gezeigt.

Die Ausstellung "... damit nichts umkomme" in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena ist bis 8. April dienstags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 16 bis 18 Uhr geöffnet. Näheres auch auf der Internetseite der Bibliothek.

epd