"Floppenhagen" – und was jetzt?

Deutschland spricht 2019
"Floppenhagen" – und was jetzt?
Aus Kopenhagen wurde "Floppenhagen": Nach dem fehlgeschlagenen Weltklimagipfel scheint sich im Netz und in den Foren der Klimaschützer und Globalisierungsgegner nicht viel zu tun. Ist das wirklich so?

Einige Wochen nach dem großen Klimagipfel von Kopenhagen ist auf den Internetseiten, in den Foren und Blogs der großen Umweltschutzgruppen und globalisierungskritischen Organisationen oberflächlich nicht viel zu sehen. Noch stehen die Berichte, derjenigen, die da waren, online. Voller Euphorie, wenn es um NGOs, Nicht-Regierungs-Organisationen und Aktionen der Klimaschützer geht, zunehmend ernüchtert und schließlich resigniert, was die Weltpolitik betrifft.

Abschließende Statements wie etwa beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sprechen von einer "Ohrfeige für das Weltklima und die ärmsten Staaten der Erde". Bei Greenpeace finden sich im Kopenhagen-Blog lediglich einige Atomkraftbefürworter in den Kommentaren wieder, die aus unerklärlichen Gründen der Ansicht sind, hier neue Anhänger zu finden. Immerhin gibt es aber auch hübsche Bilder der um Jahre gealterten Spitzenpolitiker zu sehen, die sich für ihr Versagen damals in Dänemark entschuldigen - auch eine Art, seine Meinung kundzutun.

Ein Trick der Werbebranche

Bei der Grünen Jugend, die ebenfalls mit vielen Teilnehmern in Kopenhagen vertreten war, macht sich Enttäuschung breit. Es wird darüber nachgedacht, ob und wie eine Gesellschaft, die auf ständiges Wachstum ausgerichtet ist, überhaupt mit Klimawandel und schrumpfenden Ressourcen umgehen kann. Auch in social networks wie Facebook oder Myspace war vor dem Gipfel viel los. Gruppen wie "Hopenhagen" schwollen in kürzester Zeit auf mehr als 50.000 Mitglieder an. Jetzt finden sich dort nur noch einige wütende Kommentare und Werbepostings.

Vielen Mitgliedern dürfte indes gar nicht klar gewesen sein, dass "Hopenhagen" auf eine Initiative der International Advertising Association zurückgeht, also der Werbebranche. Diese stellte Ressourcen und Praktikanten zur Verfügung, um UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zu helfen, "genug Bewegung zu erzeugen, um gute Ergebnisse in Kopenhagen erzielen zu können". Dementsprechend ist auch auf der Hopenhagen-Webseite nicht von einem Ende der Wachstumsgesellschaft, sondern von der Hoffnung auf neue Verdienstmöglichkeiten durch notwendigen Wandel die Rede. Es ist eben nicht alles Engagement, was danach aussieht, auch wenn man dem Werbernachwuchs keine schlechten Absichten unterstellen muss.

Lange nicht so viele Mitglieder hat die Gruppe "Floppenhagen", der es dafür aber tatsächlich einzig und allein darum geht, durch Mitgliedschaft ihr Missfallen am Ausgang auszudrücken. Wut ist auch aus den Berichten auf den Blogs von Attac herauszulesen, allerdings eher kämpferisch gestimmte: "Wie aus Enttäuschung, Scham und Zorn Bewegung entsteht", ist dort ein Beitrag übertitelt. In den Onlineforen des Netzwerks scheint sich allerdings generell eher wenig abzuspielen, nicht nur zu Kopenhagen ist wenig zu finden. Bedeutet das, dass tatsächlich allgemeine Resignation nach dem fehlgeschlagenen Klimagipfel herrscht?

Die Bewegung ist breiter geworden

"Nein", sagt Alexis Passadikis von der AG Energie Klima Umwelt (AG EKU) bei Attac, "man kann nicht von Resignation sprechen. Zumindest bei uns und auch nicht bei den Leuten, die sich in Deutschland zum Klimabewegungsnetzwerk zusammengeschlossen haben." Im Gegensatz zu vielen Umweltverbänden, meint er, hätte bei ihnen und auch im internationalen Verband "Climate Justice Action" keiner damit gerechnet, dass brauchbare Ergebnisse zustande kommen.

Stattdessen, so Passadikis, haben sich aber an Kopenhagen gezeigt, dass die Bewegung breiter geworden sei. Viele linke Gruppen hätten das Thema Klimagerechtigkeit jetzt für sich entdeckt, die vorher in dieser Richtung nicht so aktiv waren. Auch mit vielen Vertretern aus den südlichen Ländern seien neue Kontakte entstanden. Auffällig dabei sei, dass die Verknüpfung mit sozialen Fragen stärker in den Vordergrund trete. Climate Justice Now, ein weiteres Netzwerk mit vielen NGOs aus südlichen, aber auch aus nördlichen Ländern, sei in dieser Hinsicht besonders interessant. "Da entsteht etwas, das ich Klimagerechtigkeitspolitik nennen würde."

Folgekonferenz beginnt Ende Mai in Bonn

Wenn oberflächlich im Netz nicht viel an Aktivität zu sehen sei, bedeute das wenig, so Passadikis. Bei Attac wie bei anderen Organisationen laufe die meiste Kommunikation über die Mailinglisten, und da sei zurzeit eine Menge los. Die Vorbereitungen für die nächste Konferenz in Bonn vom 31. Mai bis 11. Juni hätten bereits begonnen, viele neue Mitglieder seien dazu gekommen. Auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Umweltverbänden hält er für möglich. Vor Kopenhagen habe man beispielsweise bereits gemeinsam mit dem BUND Busse für die Fahrt organisiert. National wie international entstünden neue Kooperationen. "Das ist alles noch ganz frisch, was da zusammenkommt", sagt er, "aber es gibt, glaube ich, einiges an Wut und Energie, dass es mit diesem Thema weitergehen muss."