Afghanische Jugendliche schlafen unter Pariser Brücken

Afghanische Jugendliche schlafen unter Pariser Brücken
Sie sitzen am Kanalufer im Kreis und halten die Hände zum Feuer. Der Rauch stinkt nach verbranntem Plastik. Auf dem zugefrorenen Kanal liegt das Gerippe eines Weihnachtsbaums. Der 16 Jahre alte Abdullah ist vor ein paar Wochen in Paris angekommen. Seine Reise von Afghanistan hat sieben Monate gedauert.

"Iran, Türkei, Griechenland, Italien, Frankreich", zählt er so selbstverständlich auf, wie ein anderer Jugendlicher Stationen einer Radtour nennen würde. Er war allein unterwegs, die Reise per Lastwagen kostete 7.000 Euro. "Meine Eltern haben mir das Geld gegeben", sagt der Junge, der noch Pubertätspickel im Gesicht hat.

AbdullahIn Kabul war Abdullah Sohn eines gut verdienenden Vaters. In Paris haust er bei Minusgraden unter einer Brücke nahe der Metrostation Jaurès. "Es gibt ein paar Zelte, aber die Schlafsäcke reichen nicht für alle", sagte er. Deswegen sitzt Abdullah oft bis tief in die Nacht mit den anderen ums Feuer. Er trägt die Kapuze seiner Steppjacke über der Mütze und hat einen Schal umgewickelt. Die Kleidungsstücke hat er von einer Hilfsorganisation bekommen.

Keine Ausbildung, keine Arbeit

Entlang des Pariser Kanals St. Martin bilden sich bei Einbruch der Dunkelheit mehrere Gruppen um kleine Lagerfeuer. Die einen sprechen Paschtun, die anderen Persisch, je nach ihrer Herkunftsregion in dem Kriegsland. Eines eint sie alle: Sie wollten weg aus dem Land, das ihnen keine Zukunft bietet. "Es gibt keine Ausbildung, keine Arbeit, und außerdem bedrohen uns die Taliban", sagt Abdullah, der zur Volksgruppe der Hazara gehört. "Sie meinen, für uns ist kein Platz in Afghanistan, weil wir Schlitzaugen haben wie die Chinesen."

Ein anderer aus dem Kreis mischt sich in das Gespräch. Er hat seine Wollmütze bis zu seinen aneinandergewachsenen Brauen hinuntergezogen, seine braunen Augen leuchten im Schein des Feuers. "So viele Länder schicken Soldaten nach Afghanistan. Sie sagen, dass sie das Land von den Taliban befreien wollen. Aber wenn wir aus demselben Grund nach Europa kommen, dann schicken sie uns zurück. Wer soll das verstehen?" sagt er und lacht bitter.

Strafbar, Ausländern zu helfen, die keine Papiere haben

Frankreich ist seit Jahren eine Anlaufstation für afghanische Flüchtlinge. Viele wollen nach Großbritannien weiter, weil sie eher Englisch als Französisch sprechen und oft schon Verwandte dort haben. Anderen ist es gleich, in welchem europäischen Land sie bleiben - Hauptsache, sie können dort Geld verdienen und brauchen nicht ständig Angst vor der Polizei zu haben.

"In den vergangenen Jahren hat die Zahl immer mehr zugenommen, und es sind immer mehr Minderjährige unter ihnen", sagt Augustin Legrand von der Hilfsorganisation Les Enfants de Don Quichotte. Die Regierung schließe die Augen, weil sie sich den Kampf gegen die illegale Einwanderung auf die Fahnen geschrieben habe. Lediglich einige freiwillige Helfer kümmern sich um die jugendlichen Flüchtlinge.

Das alternative Kulturzentrum Comptoir Général, wo Legrands Organisation ihren Sitz hat, lässt seit einigen Tagen etwa 80 Afghanen in seinem Veranstaltungssaal auf Isomatten übernachten. Freiwillige teilen heiße Suppe aus. "Damit machen wir uns strafbar, weil wir Ausländern helfen, die keine Papiere haben. Das ist doch absurd", sagt Legrand. Seine Organisation fordert einen Abschiebestopp für Afghanen, so wie für Flüchtlinge nach dem Krieg in Ex-Jugoslawien in den 90er Jahren.

"Ein heißer Tee wäre jetzt gut"

Die französische Regierung hat im vergangenen Herbst erst ein Flüchtlingslager in Calais geräumt und dann zum ersten Mal seit 2005 wieder Afghanen in ihre Heimat abgeschoben. "Die Herkunft aus einem Kriegsland reicht als Asylgrund nicht aus", betont Einwanderungsminister Eric Besson. Viele Afghanen stellen allerdings gar keinen Asylantrag, weil sie wissen, dass sie kaum Aussicht auf Anerkennung haben - vor allem nicht, wenn sie zuerst in Griechenland oder Italien per Fingerabdruck registriert wurden.

Am Kanal St. Martin treffen unterdessen immer mehr Afghanen ein, um dort die Nacht zu verbringen. Viele von ihnen haben einen vollgestopften Tagesrucksack dabei, aus dem sie seit Monaten leben. "Ein heißer Tee wäre jetzt gut, aber wir haben weder Wasser noch Teebeutel", meint Abdullah. "Sonst hätten wir unserem Besuch natürlich einen Tee angeboten", fügt er hinzu und lächelt freundlich.

dpa