Gaza-Krieg: Hunderte leben noch in Zelten

Gaza-Krieg: Hunderte leben noch in Zelten
Es ist ein grauer, nasskalter Dezembertag im Gazastreifen. Barfuß springen kleine, ziemlich verwahrlost aussehende Kinder immer wieder in eine tiefe Regenpfütze. Die Eltern in den umliegenden Zelten kümmert das wenig. Wer in der Zeltstadt von Al-Atatra gestrandet ist, hat die unterste Sprosse auf der sozialen Leiter erreicht: Keine Wohnung, kein Geld, keine Hoffnung.

Genau zwölf Monate nach Beginn des Gaza-Kriegs leben Menschen immer noch behelfsmäßig in der Zeltstadt von Al-Atatra. Etwa Saleh Abu Laila. Er vegetiert auf diesem unwirtlichen Flecken Erde mit zwei Frauen und 20 Kindern seit nunmehr knapp einem Jahr. Während des Gaza-Krieges sei sein Haus in Beit Lahija von israelischen Kampfeinheiten zerstört worden, sagt der 52-Jährige. "Meine Kinder gehen nicht mehr zur Schule, sie haben das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Warum sollen sie lernen? Sie verdienen ein besseres Leben. Warum müssen sie leiden?", fragt der gebrochen wirkende Mann.

Folgen von Israels Blockade des Gaza-Streifens sind verheerend

"Die Zelte sind sehr kalt im Winter und unerträglich heiß im Sommer. Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll. Ich bete, dass sich alles bald ändert", sagt der Familienvater. Seine Wut richtet sich nicht nur auf Israel, sondern auch auf die im Gazastreifen herrschende Hamas-Organisation. "Ich bedaure noch immer, dass ich Hamas gewählt habe", sagte Abu Leila. "Ich erinnere mich noch an die Tage, als wir in Israel gearbeitet haben und tausende Dollar jeden Monat verdient haben."

Mit seinem Elend ist Abu Leila im Gazastreifen nicht allein. Hunderte Familien hausen nach Angaben der Vereinten Nationen ein Jahr nach Kriegsbeginn noch in Zelten. Obwohl die Lage im Grenzgebiet so ruhig wie seit zehn Jahren nicht mehr ist, hält Israel an seiner Blockade des Gazastreifens fest. Erst soll die radikal-islamische Hamas den im Juni 2006 entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit im Zuge eines Gefangenenaustausches freilassen.

Die Folgen sind verheerend: Wegen der israelischen Sanktionen sind Importe von Zement, Holz oder Glas für den Wiederaufbau tausender zerstörter oder beschädigter Häuser nicht möglich. Möbel, Matratzen und sonstiger Hausrat? Fehlanzeige. Und das wenige, was durch Schmugglertunnel kommt, reicht nicht aus und ist zu teuer.

Medizinische Hilfe ist unbezahlbar

Knapp elf Monate hat Marwan al-Attar mit seiner Familie im Zelt verbracht. Ein Fernseher auf einem Hocker, ein Kühlschrank sowie durchgelegene Matratzen auf dem Boden - die ganze Habe der zehnköpfigen Familie. "Eine Panzergranate ist in unserem Haus eingeschlagen. Wir haben alle gedacht, wir sterben", erinnert sich der 36-Jährige an die schicksalhafte Nacht im Januar.

Da nahm die Katastrophe nämlich ihren Lauf. Auch der Esel wurde getötet. Al-Attar hatte mit Kleintransporten auf dem Eselskarren die Familie gerade so über Wasser gehalten. "Ein neuer Esel kostet 1.000 Dollar (690 Euro)", sagt Attar und wirkt dabei wie ein Häufchen Unglück. "Weil ich halbblind bin, bekomme ich alle drei Monate 1.000 Schekel (182 Euro) von der Europäischen Union über die hiesige Sozialbehörde ausgezahlt."

"Alle meine Kinder haben psychologische Probleme. Die jüngsten können nicht einschlafen. Die älteren können sich beim Lernen nicht konzentrieren. Meine Töchter haben Hautkrankheiten. Ich kann sie nicht einmal zum Arzt schicken, weil ich absolut kein Geld habe", sagt al-Attar. Andere, wie sein Bruder, hätten finanzielle Hilfe von der Hamas erhalten. "Wahrscheinlich haben sie mir kein Geld gegeben, weil ich sie nicht unterstütze."

Attars Traum: Meine Kinder sollen eine bessere Zukunft haben

Nachdem Sturm und Regen das Familienzelt unbewohnbar gemacht haben, ist die Familie in die Ruinen ihres alten Hauses gezogen. Einen Raum hat Vater Marwan notdürftig repariert. Beim letzten Besuch Anfang Juli hatte er noch ausgeschlossen, sein Haus jemals wieder aufzubauen. "Ich glaube nicht mehr an die Zukunft. Wenn ich mein Haus wieder aufbaue, gibt es in zwei bis fünf Jahren wieder Krieg und mein Haus wird wieder zerstört", sagte er damals.

Jetzt wirkt er völlig desillusioniert. "Ich möchte eine bessere Zukunft für meine Kinder, ich möchte, dass sie wie andere Kinder auf der Welt leben. Aber es sieht so aus, als ob mein Traum nie wahr wird. Seit einem Jahr hat sich nichts verändert. Im Gegenteil, es ist alles nur noch schlechter geworden."