Auch im Kabarett wird's an Heiligabend feierlich

Auch im Kabarett wird's an Heiligabend feierlich
Weihnachten ist das Fest der Familie. Während aber die meisten von uns mit der Verwandtschaft zu Hause unterm Weihnachtsbaum Geschenke auspacken, den Festtagsbraten genießen oder Weihnachtslieder singen, kann man den Heiligen Abend auch ganz anders verbringen: im Theater zum Beispiel oder im Fitness-Studio.

Im Berliner Kabarett Anstalt-Theater, BKA, beginnt die Vorstellung zur besten Bescherungszeit. Ab 18 Uhr führen "Caspar und Bianca" durch einen Abend mit Biss: das Kabarettistinnen-Duo präsentiert eine weihnachtliche Abwandlung ihres Programmes "Kerle wie wir, von der sie versprechen, dass sie "tannengrün" und "lichterloh" wird und "Banales zum Leuchten bringt". Dazu gibt es für die Besucher der Vorstellung am Heiligen Abend ein kleines Büfett.

In dem Theater mit seinen 258 Plätzen unter dem Dach eines Altbaus im Stadtteil Kreuzberg haben die Vorstellungen am Heiligen Abend schon Tradition. Seit Jahren bietet die kleine Bühne im fünften Stock ihrem Publikum diesen besonderen Service: "Das lief bisher immer richtig gut", erzählt Bettina Exner vom BKA. Es gäbe auch schon "Weihnachtsstammgäste" - Leute, die in den vergangenen Jahren bereits dabei gewesen seien und auch in diesem Jahr für den Heiligen Abend schon Karten reserviert hätten. Die Vorstellung am 24. ist mittlerweile schon gut verkauft.

Eigene Familie kommt einfach mit

Exner zufolge gibt es gerade in Großstädten einen Bedarf für solche Weihnachtsveranstaltungen. Menschen, die auf Gans, Christbaum und Bescherung keine Lust haben oder einfach einsam sind, kommen ins Theater, essen gemeinsam und schauen sich die Vorstellung an. Auch für die Mitarbeiter und Künstler ist der 24. Dezember kein Tag wie jeder andere. "Das ist hier nicht business as usual", sagt die Frau vom Theater, "man spürt schon etwas Besonderes, Feierliches an diesem Tag". Aber es mache auch Spaß zu arbeiten, wenn andere feierten, denn auch die Gäste brächten diese besondere Stimmung mit. "Es ist ruhiger als sonst, friedlicher", resümiert sie. Die Feier mit der Verwandtschaft muss allerdings zurückstehen: "Die eigene Familie kann man drum herum arrangieren", meint Frau Exner, "oder man nimmt sie einfach mit und schaut sich gemeinsam die Aufführung an".

"Geschlossen? Nee, wieso denn, ich gehöre doch zum arbeitenden Teil der Bevölkerung", witzelt Ingo Millnitz. Der Fitnesstrainer aus Hamburg ist ein gesprächiger Typ, der selten um einen flotten Spruch verlegen ist. Nach Millnitz’ Schätzung kommen durchschnittlich 100 bis 150 Leute am Tag zum Training in sein Studio. Am Heiligen Abend sind es weniger, so um die 30 Besucher. Trotzdem sei es wichtig, auch an so einem Tag da zu sein. Zum Beispiel für Leute, die am 24. Dezember allein sind und zum Training kommen, auch um mit anderen zusammen zu sein und sich ein bisschen unterhalten zu können.

Fitnesstrainer als Sozialarbeiter

"Einige wissen nicht, was sie am Wochenende oder an den Feiertagen machen sollen. Die kommen dann hierher zum Trainieren", sagt Millnitz. Ob einer arm oder reich sei, spiele dabei keine Rolle. Zu ihm ins Studio kämen Besucher aus allen sozialen Schichten. "Wer grummelig reinkommt, muss nach vorne gebracht werden. Es ist die Aufgabe eines Studioleiters, die Stimmung aufzurichten, nicht nur am Heiligen Abend", erklärt Ingo Millnitz. Ein guter Fitnesstrainer ist zugleich auch Psychologe und Sozialarbeiter. Für Millnitz ist der persönliche Kontakt das A & O in dem Gewerbe.

Das beweisen dem Chef des Studios gerade die Kunden, von denen man es am wenigsten erwarten würde: "Auch die Leute, von denen man glaubt, die nehmen einen gar nicht wahr, registrieren genau, ob ich im Studio bin oder nicht. Wenn ich nicht da bin, dann heißt es gleich: Wo ist Ingo?" Und dann seien da noch die echten Freaks, die immer kämen - gleichgültig, zu welcher Tages- und Nachtzeit. "Es gibt Leute, die wohnen ja schon fast hier", bemerkt Millnitz amüsiert. Die trainierten natürlich auch an den Weihnachtstagen.

Lebkuchen und Kerze in der Muckibude

Seit dreißig Jahren arbeitet er in der Branche, und mittlerweile kommen Kunden, deren Eltern er schon trainiert hat. Eigene Kinder haben er und seine Frau, die als Krankenschwester feiertags auch oft arbeiten muss, nicht. Aus Weihnachten mache er sich nichts, das sei nur noch Kommerz. Und auch bei Verwandtenbesuchen zum Fest winkt er ab: "Wenn einmal im Jahr alle zusammenkommen gibt's oftmals richtig Zoff. Da komme ich gut ohne aus", erklärt der Fitnesstrainer.

Ganz ohne Weihnachten geht es am Ende aber auch in Millnitz' Fitness-Studio nicht: "Heiligabend zünde ich ein paar Kerzen an und lege Lebkuchen und Spekulatius hin." Für die Biker unter seinen Kunden habe er einen motorradfahrenden Weihnachtsmann aufgestellt und einen Weihnachtsbaum gebe es auch, der sei aber nur vier Zentimeter hoch und stehe auf dem Tresen am Empfang.


Thorsten Börnsen ist freier Journalist und lebt in Hamburg.