Marokko: Des Königs kleine Nomaden

Marokko: Des Königs kleine Nomaden
Sie schlafen auf der Straße, müssen betteln, werden oft verjagt und selten satt. Sie ziehen durchs Land, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Lage der Straßenkinder im Königreich Marokko hält jedoch wenig bereit, was dieser Hoffnung Nahrung geben könnte.

Aioub lebt auf einer kleinen Verkehrsinsel in Casablanca. Eine vertrocknete Wiese und ein welker Baum. Der Fünfzehnjährige hat sonst nur das, was er am Körper trägt. Schmutzige Kleidung, Badeschlappen und einen Silberring, den hat ihm seine Schwester zum Abschied geschenkt. Tagsüber geht der schmächtige Junge zum Busbahnhof Oulad Zian, um etwas Essen und ein paar Dirham zu erbetteln. Sein Vater wollte nach Europa und seine Mutter kann sich nicht mehr um ihn kümmern, zu viele Geschwister. Sie schickte Aioub zum Betteln.

Brachte er am Abend nicht genügend Geld, bestrafte sie ihn. Er geht seit zwei Jahren nicht mehr nach Hause, lieber behält er das Geld für sich. Aioub entschied sich für ein Leben auf der Straße. Sein damaliger einziger Freund Mohammed schlug ihm vor einiger Zeit das linke Auge aus. Seitdem ist er allein.

Ein Platz für Kinder in Not

In Marokko geschieht es oft, dass Eltern ihre Kinder aus Armut auf die Straße schicken. Mitunter sind es uneheliche Kinder, von den Eltern verstoßen. Wirtschaftliche Not und die zunehmende Trockenheit zwingen zudem immer mehr Familien vom Land in die Städte, manche schicken nur ihre Kinder. Verlässliche Angaben über die wahre Zahl der Straßenkinder gibt es nicht. Wenige haben Geburtsurkunden oder Identitätskarten. Staatliche Institutionen können die Kinder nur schwer erfassen, privaten fehlt der Gesamtüberblick.

Auch dem Kinderhilfswerk Unicef sind keine genauen Zahlen bekannt. Ahmed Muhtaram, Sozialarbeiter der Organisation Bayti erzählt: "Niemand weiß genau, wie viele Kinder und Jugendliche in Marokko auf der Straße leben, unsere Erhebungen laufen ins Leere. Es werden jedenfalls mehr und sie wechseln ständig den Ort – wie kleine Nomaden".

Bayti bedeutet "mein Platz" und wurde 1994 in Casablanca als erstes marokkanisches Projekt für Kinder in Not gegründet - Straßenkinder, Kinder mit Flüchtlingshintergrund, misshandelte Kinder. Heute hat die Nichtregierungs-Organisation außer in Casablanca Häuser in Kenitra, Meknes und Essaouira. Sie holen
die Kinder von der Straße, geben ihnen zu essen, einen Platz zum Schlafen. Sozialarbeiter, Lehrer und Psychologen treffen eine Auswahl, welche Kinder zur Schule geschickt werden können und bei welchen die Möglichkeit besteht, sie wieder mit ihren Familien zusammenzuführen.

Seit der Gründung vor 15 Jahren konnte so mehr als 5.000 Kindern durch verschiedene Projekte geholfen werden. So kamen 250 Kinder zurück zu ihren Familien und etwa 200 Kinder erhielten die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren. Ein weiteres wichtiges Ziel von Bayti ist, Identitätskarten für die Kinder zu erstellen. "So können wir besser mit den Behörden zusammenarbeiten und die Kinder werden von der Polizei zu uns gebracht - nicht mehr geschlagen und in Gefängnisse gesperrt", wie Muhtaram zufrieden erklärt. Finanziert wird Bayti von Privatpersonen und gemeinnützigen Organisationen aus dem In- und Ausland. Doch das Geld reicht längst nicht.

Mit den Touristen kommen die Kinder

Alarmierend ist der Zustand in Essaouira, der zweitärmsten Stadt Marokkos. Innerhalb der letzten fünf Jahre hat sich die Einwohnerzahl von rund 45.000 auf 80.000 nahezu verdoppelt. Grund dafür ist unter anderem der Tourismus, der stetig weiter zunimmt. Hassan El Kadiri, Direktor von Bayti in Essaouira behauptet: "Mit den Touristen kommen auch die Kinder – sie wissen, dass Touristen viel Geld haben und oft sehr großzügig sind".

Kadiri sieht darin ein Problem, Statistiken über die tatsächliche Zahl der Straßenkinder in Marokko zu erheben. "Bettelei ist für viele Kinder zum Beruf geworden, auch für solche, die eigentlich nicht betteln müssten – manche gehen abends wieder zurück zu ihren Familien, manche ziehen weiter in die nächste Stadt, und jeden Tag kommen neue." Viele Kinder verdienen durch Bettelei
mehr als manch berufstätiger Erwachsene. Es sei nicht gut, wenn Touristen den Kindern Geld schenkten. "Sie sollten ihnen dann besser etwas zu essen kaufen", fügt er hinzu.

Khalid hat ein kleines Lebensmittelgeschäft in Essaouira. Er verteilt oft das Nötigste an die Kinder, unten an der weißen Hafenmauer. Auch ihm fällt auf, dass immer mehr kommen. "Besonders im Sommer, wenn viele Touristen hier sind – im Winter ziehen sie dann in die großen Städte Casablanca, Marrakech oder Tanger." Khalid, selbst Vater dreier Kinder, meint: "Lange kann ich das nicht mehr machen – eigentlich sollte sich die Regierung oder unser König um sie kümmern."

Sie werden jünger

Ein Drittel der marokkanischen Bevölkerung ist jünger als 14 Jahre. Nur fünf Prozent sind älter als 65 Jahre. Damit liegt Marokko sogar noch unter dem Durchschnitt des afrikanischen Kontinents. In den vergangenen Jahren hat sich die Situation der Straßenkinder zudem sehr verändert. Said Benkquia, Direktor der muslimischen Wohltätigkeits-Organisation Association de bienfaisance Sidi Bernoussi in Casablanca klingt traurig, wenn er darüber spricht: "Früher waren es fast nur Jungs im jugendlichen Alter, doch sie werden jünger und es kommen auch immer mehr Mädchen hinzu. Diese erleiden oft sexuellen Missbrauch, werden schwanger und so entsteht eine neue Generation von Straßenkindern".

Untersuchungen zeigen, dass etwa ein Drittel der Straßenkinder Mädchen und zwei Drittel Jungen sind. Trotz Spenden, kirchlicher und staatlicher Unterstützung fehlt das Geld auch hier. Laut Benkquia kann die Organisation damit "etwa 60 Prozent der Kosten tragen, den Rest müssen wir mit Krediten decken". Der vollbärtige Mann senkt den Kopf und äußert: "Eigentlich ist Marokko ein reiches Land."

Abdel-Mougoud und Mustafa leben in Casablanca auf der Straße, nahe des Busbahnhofs Oulad Zian. Von Bayti haben die beiden fünfzehnjährigen noch nie gehört. Sie kennen auch sonst niemanden, der ihnen helfen könnte. Sie sind erst kürzlich aus dem "Gefängnis" weggelaufen, wie sie sagen. Dort seien sie geschlagen worden und hätten immer schlechte Träume gehabt. Die beiden wollen jetzt in den Norden, in die Hafenstadt Tanger. Sie haben gehört, man könne von dort nach Europa schwimmen und dass da alles besser sei.