Washington Junior Costa: "Die Drogenbosse sind noch da"

Washington Junior Costa kritisiert die Polizeieinsätze in den Favelas - und die Berichterstattung darüber

Foto: Isabela Pacini

Washington Junior Costa kritisiert die Polizeieinsätze in den Favelas - und die Berichterstattung darüber

Deutschland spricht 2019
Washington Junior Costa: "Die Drogenbosse sind noch da"
Foul am Zuckerhut - Was die WM 2014 in Brasilien für die Menschen vor Ort bedeutet
In unserer Serie "Foul am Zuckerhut" stellen wir in kurzen Artikeln Menschen vor, die von der Fußball-WM und ihren Auswirkungen betroffen sind, unmittelbar oder mittelbar. Und wir lassen sie zu Wort kommen. Sie berichten mit ihren Stimmen, was die WM für sie bedeutet. So wie Washington Junior Costa aus Rio de Janeiro. Er sagt, die wahren Zustände in den Favelas würden nur verschleiert.

Washington Junior Costa ist in der Favela da Providência, der ältesten Favela Rio de Janeiros, geboren und aufgewachsen. Die Weltmeisterschaft nun hatte bereits im Vorfeld den Effekt, dass die Notwendigkeit der Präsenz sogenannten "Friedenspolizei", der "UPP", in den Favelas der Stadt propagiert wurde. "Die UPP sollte aber von sozialen Projekten begleitet werden und nicht lediglich ein überdimensionaler Polizeieinsatz werden", sagt Washington. Die Regierung pflegt im Ausland das Image, dass Brasilien sicherer geworden ist. Bilder gehen um die Welt, bei denen Touristen zum ersten Mal eine Favela besichtigen, ohne einem bewaffneten Drogenboss zu begegnen. "Aber sie sind noch da und verkaufen weiter. Es ist nur undurchsichtiger geworden", erklärt er.

Der 29-jährige Jurist arbeitet als Assistent von Politikern während ihrer Wahlkampagnen und muss oft zwischen Beamten und Favela-Bewohnern vermitteln. "Die Zusammenarbeit von Bevölkerung und Friedenspolizei sollte das eigentliche Ziel sein", erklärt Washington. Und wütend fügt er hinzu: "Jetzt müssen alle Favelas unter der Brutalität einer überforderten Polizei leiden." Sein Fazit: "Die brasilianischen Bürger unterstützen mit ihren Steuergeldern eine gewalttätige Polizei, die durch Schmiergeldzahlungen zulässt, dass die Drogengeschäfte weiterlaufen."

Diese Problematik ist natürlich viel komplexer als ein einfaches Spiel mit Gut und Böse, sagt er: "Die Polizei ist eigentlich genauso Opfer der Regierung wie wir hier in der Favela." Das Durchschnittsgehalt eines Friedenspolizisten beträgt rund 350 Euro. Zudem sind die Arbeitsbedingungen bei der Polizei oft erschreckend: Gefährliche Einsätze werden häufig ohne Schutzwesten und entsprechende Einsatzfahrzeuge und Ausrüstung durchgeführt.

Regierung, FIFA und Presse halten bei der Berichterstattung über die Favelas und die Friedenspolizei viele Informationen zurück, um den Touristen keine Angst vor einem Besuch in Brasilien zu machen. "Die Kriminalität in der Stadt ist allerdings gewachsen", sagt Washington. "Hinzu kommt die Wut gegen die Regierung und über die Ausgaben für die WM. Und die Gewalt wird noch brutaler." Das sei sogar im Umland inzwischen so, bedauert er.

"Die Wahrheit über das Leben in den Favelas, über die Polizeigewalt, über die steigende Kriminalität, über die Missstände bei der Polizei… - alle diese Tatsachen werden unter den Teppich gekehrt", fasst Washington resigniert zusammen. "Die Presse verkauft weiter das Image der sicheren Favelas in Rio. Wer sich nicht auskennt, glaubt am Ende an den brasilianischen Traum mit der Weltmeisterschaft als Pointe."

Infos zur Serie
Die Fußball-WM 2014 in Brasilien wird begleitet von Protesten und Demonstrationen, von Polizeieinsätzen und den Sorgen der Bevölkerung. Das Geld, das Brasilien für die WM ausgibt, kommt den Falschen zugute, sagen die Kritiker. Wir lassen auf evangelisch.de Brasilianer zu Wort kommen, die ihre Sicht der Dinge zeigen.