Europa zu Gast bei Dänen: Der ESC in Kopenhagen

ESC-Siegerin Conchita Wurst

Foto: dpa/Keld Navntoft

ESC-Siegerin Conchita Wurst grüßt ins Flagenmeer.

Europa zu Gast bei Dänen: Der ESC in Kopenhagen
Vor 13 Jahren erlebte der Grand Prix d'Eurovision de la Chanson in Kopenhagen das betrunkenste und unfairste Publikum. Es pfiff hemungslos alle Wertungen aus, in denen der dänische Beitrag nicht ausreichend gewürdigt wurde. Diesmal sollte alles anders sein.

Zwei Wochen lang war die Eurovisions-Entourage in der dänischen Hauptstadt. Von der ersten Minute an waren die zahlreichen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter bemüht, den Besuchern aus aller Herren Länder freundlich jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Auch wenn in der ausrangierten Schiffswerft "Burmeister & Wain", die vor rund 18 Jahren geschlossen wurde, und den drumherum gruppierten Arbeitszelten manches improvisiert wirkte, war dieses ungewöhnliche Gebäude-Recycling beeindruckend und gleichzeitig programmatisch für das ressourcenbewusste Kopenhagen. Und außerdem schien ja in der ersten Woche durchgängig die Sonne.

Doch in der zweiten Woche begann der Regen. Auf einmal sah man viele Pfützen, die das Leben auf dem wenig befestigten Untergrund kompliziert machten. Im direkten Sinne, aber auch im übertragenen. Wieso brauchte der extra eingesetzte Shuttle-Bus in die Stadt rund eine Stunde - und damit doppelt so lange wie der öffentliche Nahverkehr?

Dänemark ist sich manchmal einfach selbst genug

Wieso durfte man zur öffentlichen Bushaltestelle nicht die schnellen Abkürzungen nutzen, sondern musste zu Fuß einen 25 Minuten langen Umweg wandern? Wieso wurde in Veranstaltungen für die internationalen Eurovisions-Besucher manchmal ausschließlich Dänisch gesprochen?

Die Antwort: Unser nördliches Nachbarland ist sich manchmal einfach selbst genug. Die Nation, die mit viel Respekt vor dem Menschen Integration schafft, wie Kindergarten-Gruppen und Schulklassen im dänischen Alttag und der dänische Eurovisions-Beitrag mit seinen Akteuren in den unterschiedlichsten Hautfarben-Schattierungen beweisen, freute sich über die Eurovisions-Gäste als Besucher. Aber auch nicht mehr.

Die musikalischen Mittagsandachten in der Heiliggeistkirche beeindruckten mit einem famosen Orgelspiel, doch das Vaterunser musste der internationale Besucher schon mit offenen Ohren selbst als Teil der dänischen Andacht indentifizieren. Die beiden Eurovisions-Gottesdienste wurden angeboten, wenn die internationalen Besucher zum größten Teil bei der Generalprobe in der Halle saßen.

Österreich tritt als Gastgeber 2015 in große Fußstapfen

Die zahlreichen Nachmittagskonzerte auf dem Kirchenvorplatz richteten sich ebenfalls hauptsächlich an das dänische Publikum. Und die kleinen Konzert-Programme hätten genauso zu jedem anderen Anlass gespielt werden, zumeist war es nur eine kurze Verbeugung bei den beteiligten Musikanten und Sängerinnen vor der Eurovision, mit einem einzelnen Lied oder einem kleinen Medley. Einzige Ausnahme: die Band "Golden Brass", sie hatte zwei Hände voll Eurovisions Lieder vorbereitet und präsentierte sie trotz Regen und Kälte tapfer und mitreißend unter freiem Himmel vor der Heiliggeistkirche. Und deshalb auch ein besonderer Dank an die organisierende Gemeinde der lutherischen Pfarrkirche mitten in der dänischen Hauptstadt.

Conchita Wurst: Wäre ein Sieg der vollbärtigen Dragqueen auch anderswo so einfach gewesen?

Bei aller Gastfreundschaft blieb stets ein wenig Distanz zwischen den Einhemischen und den Besuchern. Trotzdem: Auch wenn die Dänen dem vielversprechenden Eurovision-Motto "#JoinUs" nicht ganz gerecht werden konnten, so waren sie doch hervorragende und faire Gastgaber.

Auch in diesem Jahr flossen Bier und Wein beim Song Cotest wieder in Strömen, doch die Stimmung wurde nie aggresiv und gebuht wurde diesmal nur bei hohen Punktewertungen für die beiden russischen Sängerinen. Und das waren dann defintiv nicht nur die Dänen, sondern alle Menschen in der Halle, die sowohl die Ukraine- als auch die Anti-Homosexuellen-Politik des russischen Präsidenten Putin kritisch sehen.

Und vielleicht muss man Dänemark noch für etwas ganz Anderes dankbar sein. In vielen anderen Ländern wäre ein Sieg der vollbärtigen Diva Conchita Wurst nicht so einfach gewesen wie in diesem Land, dessen Menschen manchmal sehr verschlossen bleiben, für die Menschenrechte aber eine nicht zu diskutierende Grundlage des menschlichen Zusammenlebens sind. Es sind große Fußstapfen, in die die Österreicher als nächste Eurovisions-Gastgeber treten müssen.

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