Fabrikeinsturz in Bangladesch: Bundesregierung fordert Entschädigung

Deutschland spricht 2019
Fabrikeinsturz in Bangladesch: Bundesregierung fordert Entschädigung

Ein Jahr nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Fabrikgebäudes in Bangladesch hat die Bundesregierung die Textilbranche aufgefordert, die zugesagten Hilfen für den Entschädigungsfonds rasch einzuzahlen. "Noch immer warten Opfer und deren Angehörige auf Entschädigungszahlungen - auch von deutschen Firmen", kritisierte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) am Donnerstag in Berlin.

Auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) rief die internationale Wirtschaft auf, Zahlungen an den von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aufgelegten Entschädigungsfonds zu leisten. Zudem sprach sich Nahles für bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken aus. "Leib und Seele müssen am Arbeitsplatz sicher sein - überall auf der Welt", sagte die SPD-Politikerin.

In Bangladesch erinnerten derweil Hunderte Menschen an die Opfer der Katastrophe. Vor der Ruine der Fabrik nahe der Hauptstadt Dhaka zeigten Familien der Opfer Fotos ihrer verstorbenen Angehörigen und forderten die Bestrafung der Verantwortlichen, wie lokale Medien berichteten. Bangladeschs Innenminister Asaduzzaman Khan kündigte zudem an, gegen zwei weitere Personen, die für den Einsturz verantwortlich gemacht werden, werde in Kürze Anklage erhoben. Insgesamt lägen dann vier Anklagen vor, sagte er nach Berichten der "Dhaka Tribune".

"Legalisierte und organisierte Verantwortlichkeit"

Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen in Deutschland forderten verbindliche Gesetze für mehr Unternehmensverantwortung. "Menschen brauchen Rechte und Unternehmen Regeln", sagte die Handelsexpertin der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), Katharina Wesenick. Die Firmen müssten verpflichtet werden, Schadensersatz zu bezahlen.

Wesenick bezeichnete die derzeitigen gesetzlichen Lücken als "legalisierte und organisierte Verantwortungslosigkeit". Firmen könnten für Unglücke nicht haftbar gemacht werden, die Lieferketten seien häufig nicht mehr nachzuvollziehen. Gemeinsam mit der Kampagne für Saubere Kleidung, den Organisationen INKOTA und TIE Exchains sowie Gewerkschaften in Bangladesch hat ver.di die Initiative "Eigentum verpflichtet - für gesetzliche Unternehmensverantwortung" gestartet.

Auch der scheidende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, forderte die Firmen auf, zu ihrer Verantwortung zu stehen. Falls bis Freitag keine Kompensationszahlungen eingingen, werde der DGB die säumigen Unternehmen anschreiben und die Briefe veröffentlichen, kündigte der DGB-Chef an.

Als Reaktion auf das Unglück unterzeichneten zahlreiche Handelskonzerne ein rechtlich bindendes Abkommen für Feuer- und Gebäudesicherheit. Doch von der für Entschädigungen vereinbarten Summe von rund 40 Millionen US-Dollar (rund 30 Millionen Euro) haben die Textilfirmen bislang nur ein Drittel zur Verfügung gestellt.

Beim schwersten Unglück in der Textilindustrie starben mehr als 1130 Menschen, mehr als 2000 wurden teils schwer verletzt. Der Einsturz am 24. April 2013 war zugleich das schwerste Fabrikunglück in der Geschichte Bangladeschs, wo viele Textilfirmen nähen lassen.

Zum Jahrestag der Katastrophe legten Textilarbeiter am Donnerstag Blumenkränze an der Unglücksstelle nieder. Tausende Menschen kamen in Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, zusammen, um der Opfer der Katastrophe zu gedenken.