Penetrante Promis im Fernsehen nerven am meisten

Fernseh-Verdrossenheit

Foto: Thinkstock/iStockphoto/Christopher Ingram

Deutschland spricht 2019
Penetrante Promis im Fernsehen nerven am meisten
Eine aktuelle Studie zu Themenverdrossenheit zeigt: Die immer gleichen Berühmtheiten und endlos wiedergekäute politische Themen gehen Fernsehzuschauern auf den Geist.

Dauerthema Boris Becker: Was der frühere Tennisheld mit der ausgeprägten Vorliebe für peinliche Auftritte mal wieder so anstellt, ist permanent Gegenstand der Berichterstattung im Fernsehen. Oder Heidi Klum: Die Moderatorin taucht mit schöner Regelmäßigkeit nicht nur in ihrer Show "Germany’s next Topmodel", sondern auch in den einschlägigen Boulevardmagazinen der Sender auf. Das Problem: Viele Fernsehzuschauer sind genervt von den immer gleichen Prominenten, die den Bildschirm bevölkern, wie eine Studie über Themenverdrossenheit herausgefunden hat.

"Zu viel Prominenz" zählt laut der Untersuchung demnach zu den Hauptgründen, warum TV-Zuschauer von Themen genervt sind und hektisch zur Fernbedienung greifen, um so schnell wie möglich wegzuschalten. Doch auch endlos wiedergekäute politische Themen mit wenig Neuigkeitswert, eine geringe subjektive Betroffenheit, fehlende Relevanz, eine allzu effekthascherische Aufmachung oder auch ein Übermaß an Information können dazu beitragen, dass Menschen vor dem Fernseher genervt aufstöhnen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die in der aktuellen Ausgabe der vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg herausgegebenen Fachzeitschrift "Medien & Kommunikationswissenschaft" (Ausgabe 1/2014) vorgestellt wird.

Männer nervte die Eurokrise, Frauen die Wulff-Debatte

Themenverdrossenheit ist Christoph Kuhlmann und den anderen beiden Verfassern der Studie zufolge ein weitverbreitetes Phänomen, unter dem viele Fernsehzuschauer leiden. Die drei Forscher vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Ilmenau befragten im Sommer 2012 mehr als 350 Personen, ob es Themen gebe, von denen sie nichts mehr sehen und hören wollten.

Jeder Zweite konnte sofort ein Thema aus den vorangegangenen Monaten nennen, zum Zeitpunkt der Befragung waren das vor allem die Euro-Krise und die Affäre um Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Wurde der Zeitrahmen erweitert, vergrößerte sich der Kreis der Genervten sogar noch um einige Prozent. "Damit ist als erster zentraler Befund festzuhalten, dass Themenverdrossenheit ein weitverbreitetes Phänomen ist: 60 Prozent der Befragten wussten ein Thema zu nennen, von dem sie nichts mehr sehen und hören wollten", heißt es in der Studie. Dabei zeigte sich, dass Männer besonders von der Eurokrise und Frauen von Wulff genervt waren.

Zudem erwies sich, dass vor allem Menschen mit mittlerer Bildung anfällig für Themenverdruss sind. Geringer Gebildete sind den Beobachtungen der Forscher zufolge in vielen Fällen so wenig an politischen Vorgängen interessiert, dass sie von den entsprechenden Themen gar nicht erst erreicht werden – und folglich auch nicht genervt sind, wenn sich etwas permanent wiederholt. Doch auch überdurchschnittlich gebildete, aber stark an politischen Entwicklungen interessierte Zuschauer leiden weniger unter Themenverdrossenheit als Menschen mit mittlerer Bildung, weil sie sich sowieso mit bestimmten Themen stark auseinandersetzen, was sie in gewisser Weise immun gegen Frustgefühle macht.

Trotzdem:  Penetrante Promis und sich permanent wiederholende politische Themen gehen vielen Fernsehzuschauern auf die Nerven, und wenn die Berichte dann noch als komplex, aufbauschend und manipulativ wahrgenommen werden, ist der Verdruss umso größer.

"Alter, nicht schon wieder diese Laberköppe!"

Doch wie reagieren Fernsehzuschauer, wenn sie dauerpräsente Prominente sehen oder von den immer gleichen Bildern über altbekannte Vorgänge genervt werden? Auch damit haben sich die Ilmenauer Forscher beschäftigt und mehrere längere Interviews geführt, die über die üblichen Befragungen hinausgingen. Ihr Fazit: Viele Zuschauer wie der befragte Matthias zappen einfach weg. "Jetzt ist Schluss. Jetzt schalte ich um", offenbarte der 46-Jährige im Gespräch seine Vermeidungsstrategie. Der 52-jährige Markus gab sogar zu Protokoll, er verlasse bei drohendem Überdruss fluchtartig den Raum, während der impulsive Volker seinem Ärger lieber Luft macht und auch andere Mitzuschauer daran teilhaben lässt: "Als erstes hab ich gesagt: Alter, nicht schon wieder diese Laberköppe! Mensch, habt ihr nicht andere Sorgen?", berichtete der 47-Jährige über einen besonders schlimmen Anfall von Themenverdrossenheit vor dem Bildschirm.

Wieder andere, wie der 75-jährige Hans, finden sich dagegen einfach mit nervenden Promis oder öden Themen ab: "Da mache ich eigentlich gar nichts. Da denk ich eigentlich nur: Ihr könntet uns eigentlich auch mal mit was Erfreulichem erfreuen", verriet der resignierte Rentner den Wissenschaftlern.