Predigen in der Fastenzeit: "Was heißt: Gott ist Liebe?"

Ohne große Worte

Foto: Getty Images/iStockphoto/Patipat Rintharasri

Predigen in der Fastenzeit: "Was heißt: Gott ist Liebe?"
Die Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur zur vieldiskutierten Fasteninitiative "Ohne große Worte"
"Absurd", "Unfug", "Die haben einen Knall": Das Zentrum für evangelische Predigtkultur in Wittenberg hat ordentlich Kritik für seine diesjährige Fasteninitiative einstecken müssen. Den Geistlichen wird darin empfohlen, in der Zeit vor Ostern auf Schlagworte zu verzichten, aus denen die Inhalte "längst ausgewandert" seien. Dazu zählen auch Begriffe wie Gott, Jesus, Auferstehung und Gnade.
21.02.2014
Bernd Buchner
evangelisch.de

Mit der Initiative soll an das diesjährige Motto der evangelischen Fastenaktion "Selber denken - sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten" angeknüpft werden. Die Leiterin des Zentrums, Kathrin Oxen, äußert sich im Interview mit evangelisch.de über das Ansinnen der Aktion sowie die öffentlichen Reaktionen darauf. Neben dem Bekenntnis müsse jede Predigt auch Fragen und Zweifel zulassen, so die Theologin. Und: Ohne Einfühlungsvermögen und Emotionalität geht es nicht.

Frau Oxen, die Aktion "Ohne große Worte" hat ein beträchtliches Echo ausgelöst. Waren Sie überrascht?

Kathrin Oxen: Wir waren einerseits erfreut – grundsätzlich ist es gut, dass es so viel Aufmerksamkeit gibt. Wir haben schon alle 1.500 Postkarten verschickt, die gedruckt wurden. Auf der anderen Seite waren wir erschreckt über die ablehnenden Reaktionen. Vieles war undifferenziert. Offenbar ist es nicht ganz gelungen, unser eigentliches Anliegen zu kommunizieren.

Was genau hat Sie an der Berichterstattung gestört?

Oxen: Unsere Grundidee war, dass es sehr viele Begriffe gibt, die in Predigten wie Platzhalter funktionieren, ohne dass ihre konkrete Bedeutung erläutert wird. Insgesamt nennen wir ja 49 Begriffe. Das wurde dann auf "Gott" und "Jesus" zugespitzt, aber diese Begriffe stehen gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Uns geht es darum, Begriffe wie "Gnade", "Hoffnung" oder "Barmherzigkeit" zu hinterfragen, die gerne am Ende von Predigten im Modus der Behauptung verwendet werden. Da möchte man doch manchmal nachfragen: Was soll das jetzt für mich persönlich heißen, dass Gott die Liebe ist? Und auch für Predigerinnen und Prediger ist es ganz gut, mal zu überlegen: Glaube ich mir das eigentlich gerade selbst? Inspiriert wurden wir dabei auch von dem Spiel "Tabu": Da geht es darum, Dinge sehr genau zu beschreiben, ohne das eigentliche Wort dafür zu benutzen.

Sie orientieren sich an dem französischen Soziologen Bruno Latour. Er sagt, der Sinn für große Worte sei uns abhanden gekommen. Wie begründet er das?

Oxen: Latour fragt, wie man es schafft, das Vertraute und Wohlbekannte neu zu sagen. Ein gutes Beispiel ist eine Liebesbeziehung, in der man ja auch nicht immer mechanisch auf die Frage "Liebst du mich?" - "Ich liebe dich" antworten kann, sondern herausgefordert ist, das neu zur Sprache zu bringen, damit es der andere glauben kann. Dies war das Bild, das wir im Kopf hatten: das, was jeder weiß, noch einmal neu zu sagen.

"Wenn man keinen mehrheitlich christlichen Kontext mehr voraussetzen kann, ist die Herausforderung größer, verständlich zu sprechen"

Wäre es nicht gerade Aufgabe der Prediger, den Sinn der Worte wieder neu zu schärfen?

Oxen: Genau darum geht es ja. Hier in Wittenberg beobachten wir im ostdeutschen Kontext, dass man zum Beispiel "Auferstehung" sagen kann, aber noch lange nicht alle wissen, was damit gemeint ist. Das ist häufig so, wenn man keinen mehrheitlich christlichen Kontext mehr voraussetzen kann. Da ist die Herausforderung größer, verständlich zu sprechen – und präzise zu sagen, was man meint, auskunftsfähig zu sein. Da ist man schon als Kind oder Jugendlicher gefragt, etwa wenn man als einziger aus dem Jahrgang zur Konfirmation geht.

Kritik an der Aktion kam vor allem aus eher evangelikal geprägter Richtung. Tut sich da eine Bruchlinie im deutschen Protestantismus auf?

Oxen: Das ist schwer zu sagen. In der Tat ist es so, dass es von landeskirchlicher Seite und von der Zielgruppe, die wir ansprechen wollten, nämlich Pfarrerinnen und Pfarrer, kaum Kritik gab, sondern viel Begeisterung. Dahinter stecken sicherlich auch unterschiedliche Arten zu glauben. Eine Richtung setzt vor allem auf Bestätigung, die andere hinterfragt eher. Im angloamerikanischen Sprachraum unterscheidet man zwischen "confession belief" und "question belief", bekennender Glaube und fragender Glaube. Ich finde: Jede Predigt sollte beide Aspekte enthalten. Man darf sich doch nicht von vornherein abschließen gegenüber den Fragen und Zweifeln, die Menschen haben.

"Im evangelischen Bereich werden eher ethische Forderungen erhoben, anstatt die eigene Berührung auszudrücken"

Sie attestieren Papst Franziskus, er habe eine sehr gute Predigtsprache. Gibt es auch Beispiele auf evangelischer Seite?

Oxen: Der Sprachkritiker Wolf Schneider hat ja neulich geschimpft über die "Imponiervokabeln"  von Kirchenoberen. Natürlich gibt es eine sehr gute Predigtsprache auch auf evangelischer Seite. Aber je staatstragender es wird, desto mehr setzt man auf Begriffe. Emotionen anzusprechen, gelingt dann meistens nicht. Was den Papst angeht, hat mich sehr beeindruckt, wie jemand ein Thema wie das Schicksal von Flüchtlingen auch einmal emotional anspricht. Im evangelischen Bereich werden dann eher ethische Forderungen erhoben, anstatt die eigene Berührung auszudrücken.

Was wäre also Ihr Wunsch an die evangelischen Prediger?

Oxen: Wir dürfen es nicht bei Betroffenheit und Behauptung belassen, sondern müssen sehen, Themen so zu beschreiben, dass die Menschen nicht kaltgelassen werden. Wie schaffe ich es, dass sie mir zuhören? Es geht um Einfühlungsvermögen und Emotionalität, die man schärfen kann. Natürlich gibt es viele Beispiele engagierter Predigt, keine Frage. Aber nach solchen, die mich wirklich berühren, halte ich Ausschau.