"Der heilige Geist lehrt keine Physik"

Galileo Galilei lehrt an der Universität zu Padua

Foto: epd-bild/akg-images/De Agostini Picture

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"Der heilige Geist lehrt keine Physik"
Kämpfer gegen alte Weltbilder: Vor 450 Jahren wurde Galileo Galilei geboren
Der italienische Mathematiker und Astronom Galileo Galilei (1564-1642) war ein exakter Beobachter. Mit einem selbst umgebauten Fernrohr betrachtete er die Himmelskörper und war sich sicher: Das, was die Menschen seit jeher geglaubt hatten, war falsch. Die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt.

Vielmehr dreht sie sich gemeinsam mit anderen Planeten um die Sonne. 1633 zwang die Kirche ihn, die These zu widerrufen. Erst 1992 rehabilitierte sie ihn formal.

Vor 450 Jahren, am 15. Februar 1564, wurde Galileo Galilei in Pisa geboren. Nach seinem Widerruf vor der Inquisition soll er im Hinausgehen gemurmelt haben: "Und sie (die Erde) bewegt sich doch". Doch für den berühmten Ausspruch gibt es keinerlei Belege. Er ist wohl auch nicht gefoltert worden, und seine Haft bei den Glaubenswächtern der Inquisition war nur kurz. Er hat sich in etlichen Behauptungen geirrt und seine Gegner sehr unklug provoziert.

Mathematik, Mond und die Milchstraße

Aber das Leben des Galileo Galilei erschüttert die Menschen noch heute. Schon früh begeisterte er sich für die Mathematik, wurde Professor für Mathematik in Padua, erfand den Proportionszirkel, einen Vorläufer des Rechenschiebers. Seine astronomischen Erkenntnisse ließen ihn schließlich berühmt werden. Er beobachtete die Milchstraße, die Oberfläche des Mondes - und sah, wie Monde den Jupiter umkreisten.

Damit war klar: Es dreht sich nicht alles im Universum um die Erde. Auf Basis des Weltbildes von Nikolaus Kopernikus (1473-1543) kam Galileo Galilei zu dem Schluss, dass die Sonne im Mittelpunkt steht. Die Kirchenoberen aber wollten die - von Gott geschaffene - Erde im Zentrum sehen, auf der die Papstkirche ihre von Gott verliehene Macht ausübte.

1633 dann war es soweit: Galilei wurde festgenommen und von der Inquisition verhört. Eine Kardinalskommission verurteilte - keineswegs einstimmig - sein Weltbild. Unter diesem Druck widerrief der Forscher  und stand bis zu seinem Tod am 8. Januar 1642 nahe Florenz unter Hausarrest. Dort konnte er sein Lebenswerk vollenden, die "Discorsi", die zur Grundlage für die Gravitationslehre Newtons werden und den letztgültigen Beweis für Kopernikus erbringen sollten.

"Wir sollten nicht von der Autorität der Bibeltexte ausgehen"

Galilei wurde fortan zur Legende, zum Heiligen der verweigerten Meinungsfreiheit, zum Symbol des beschämenden Triumphs der Macht über die Argumente. Dabei ist er alles andere gewesen als ein skeptischer Atheist und Rebell gegen die Lehrautorität der Kirche. Und seine mit dem Fernrohr gemachten Entdeckungen faszinierten auch Kirchenleute: Als er 1611, schon ein gefeierter Gelehrter, in Rom eintraf, ließen sich zahlreiche Kardinäle von ihm mit astronomischen Beobachtungsinstrumenten versorgen. 

Aber im Gegensatz zu vielen Kirchenoberen beharrte Galilei darauf, die göttliche Offenbarung in der Natur sei an strenge Gesetze gebunden und erfordere exakte Beobachtung - nicht den Rückzug auf Bibelsätze. "Mir scheint", erklärte er 1615, "wir sollten in der Diskussion von Naturproblemen nicht von der Autorität der Bibeltexte ausgehen, sondern von der Sinneserfahrung und von notwendigen Beweisführungen. (...) Natürlich ist es nicht die Absicht des Heiligen Geistes, uns Physik oder Astronomie zu lehren oder uns zu zeigen, ob sich die Erde bewegt oder nicht."

Doch die Kirchenoberen fürchteten sich vor den Naturgesetzen und klammerten sich an die Bibel als zuverlässige Autorität in sämtlichen Fragen. Denn: Musste mit der Fehlbarkeit der Bibel bei naturwissenschaftlichen Themen nicht das ganze Glaubensgebäude zusammenstürzen? Auch der Reformer Martin Luther hatte sich über den "Narren" Nikolaus Kopernikus entrüstet, der "die ganze Kunst Astronomiae umkehren" wolle.

Erst 1992 wurde Galilei rehabilitiert

Dennoch: Kopernikus' System mit der Sonne im Zentrum und der Erde als kleinem Mitläufer im All wurde in den Jahren nach Galileis Verurteilung überall als Arbeitshypothese verwandt, sogar am römischen Jesuitenkolleg. Heute ist längst klar, dass die Bibel keine naturwissenschaftlichen Lehrsätze enthält, dass die zeitlose Botschaft von der Liebe Gottes etwas ganz anderes ist als die in der Heiligen Schrift enthaltenen zeitbedingten Weltbilder.

Doch erst 1992 rehabilitierte Papst Johannes Paul II. den Gelehrten. "Merkwürdigerweise zeigte sich Galilei als aufrichtig Glaubender weitsichtiger als seine theologischen Gegner", sagte der Papst in einer Rede an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

Unter seinem Nachfolger Benedikt veröffentlichte das Päpstliche Geheimarchiv eine historisch-kritische Ausgabe der Prozessakten und wies wieder einmal darauf hin, dass der damalige Papst Urban VIII. das Urteil gegen Galilei gar nicht unterzeichnet habe. Und der langjährige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone pochte darauf, Galilei habe als gläubiger Wissenschaftler die Natur als ein von Gott geschriebenes Buch betrachtet. Und der Heilige Geist lehre die Menschen bekanntlich, "wie man in den Himmel kommt, nicht, wie der Himmel sich bewegt".