"So haben die Synagogen ausgesehen"

Die Synagoge in Celle überdauerte die Zerstörung der Reichspogromnacht von 1938

Foto: epd-bild/Harald Koch

Die um 1740 erbaute Celler Fachwerk-Synagoge ist die älteste noch bestehende Synagoge in Niedersachsen.

"So haben die Synagogen ausgesehen"
Die Nationalsozialisten zertrümmerten und verbrannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November Hunderte Synagogen. Nur wenige jüdische Gotteshäuser sind erhalten. Sie sind Zeugen einer zerstörten Kultur.

Dorit Schleinitz zeigt auf Verzierungen hinter dem Thora-Schrein: "So haben die Synagogen früher ausgesehen", erklärt die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Celle einer Gruppe von Jungen und Mädchen, die über die barocke Pracht staunen. Die um 1740 erbaute Celler Fachwerk-Synagoge ist die älteste noch bestehende in Niedersachsen. Die jüdischen Mädchen und Jungen aus Hannover, die heute zu Gast sind, kennen nur den modernen Neubau ihrer eigenen Gemeinde. Die Celler Rarität hinter einer schlichten Fassade überdauerte die größte Zerstörung jüdischen Kulturguts in Deutschland: die NS-Pogromnacht vor 75 Jahren.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten im ganzen Deutschen Reich die Synagogen. Die Nationalsozialisten zerstörten mehr als 1.400 jüdische Gotteshäuser und Betstuben. Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet und geplündert, Juden öffentlich misshandelt und zu Tode geprügelt. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass mehr als 1.300 Menschen starben.

In Celle demolierten SA-Leute die Synagoge und legten Feuer, wie Zeitgenossen berichten. Doch die Flammen wurden gelöscht, weil eine ganze Häuserzeile in Gefahr geriet. "Die Angst, sonst einen Stadtbrand zu entfachen, hat manche Synagoge bewahrt", sagt der Architekturhistoriker Mirko Przystawik von der Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa Bet Tfila in Braunschweig.

In Berlin verhinderte der Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld einen größeren Brand in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Doch dann wurde sie von den Nazis als Lagerhalle missbraucht und später von britischen Bombern schwer beschädigt. Erst 1988 zum 50. Jahrestag der Pogromnacht wurde in der DDR beschlossen, die einst prächtige Synagoge wieder aufzubauen.

Spätes öffentliches Interesse

In der Nachkriegszeit waren viele Synagogen weiter dem Verfall preisgegeben. An einigen Orten beherbergten sie unmittelbar nach 1945 zwar wieder eine Gemeinde - aber oft nur für kurze Zeit. In Celle versammelten sich Überlebende des nahe gelegenen Konzentrationslagers Bergen-Belsen in dem neu hergerichteten Bau. Aber kaum jemand von ihnen blieb in Deutschland. "Sie wollten so schnell wie möglich das Land der Täter verlassen", sagt Stadtarchivarin Sabine Maehnert.

Erst in den 1980er Jahren stieg das öffentliche Interesse für die Synagogen, erläutert Architekturhistoriker Przystawik. Initiativen entdeckten dabei auch frühere jüdische Bethäuser wieder, die teils schon lange vor der NS-Zeit zu Lagerräumen, Gaststätten oder Wohnhäusern umgebaut worden waren. Sie überdauerten das Pogrom, weil ihre Bestimmung in Vergessenheit geraten war, sagt der Forscher: "Die jüdischen Gemeinden mussten sie schon früher aufgeben".

Mancherorts erinnern heute Gedenktafeln an die historischen Zeugnisse oder es wurden Museen eingerichtet - wie in Mitteleuropas ältester Synagoge in Erfurt, deren älteste Teile aus dem späten 11. Jahrhundert stammen. Dort schenkten zeitweise Gastwirte Bier aus. Nachdem die Erfurter Juden bei den Pestpogromen 1349 ermordet worden waren, wurde das Haus über Jahrhunderte als Lagerstätte und Gasthof genutzt. Bauuntersuchungen brachten dann den kulturhistorischen Wert der "Alten Synagoge" zutage. 1998 kaufte die Stadt das Haus. Es gehört zu einem Ensemble, mit dem sich Thüringen um den Welterbetitel der UNESCO bewirbt - ausdrücklich mit Verweis auf das jüdische Erbe.

"Das, was entsteht, ist etwas Neues"

Heute zählt der Zentralrat der Juden in Deutschland unter seinem Dach wieder 108 jüdische Gemeinden mit rund 120.000 Mitgliedern. "Man geht davon aus, dass noch bis zu 100.000 Juden nicht in den Gemeinden registriert sind", sagt der Münchner Historiker Michael Brenner. Die Zahl der Synagogen und Betsäle schätzt der Professor für jüdische Geschichte und Kultur auf gut 120. Darunter sind vielfach ausgezeichnete Beispiele moderner Sakralbaukunst, die das Stadtbild etwa in München und Dresden mitprägen. Von den erhalten gebliebenen historischen Synagogen jedoch, so schätzt Brenner, bieten kaum mehr als ein Dutzend heute wieder einer jüdischen Gemeinde Heimat.

Mit dem Zuzug Zehntausender Juden aus Osteuropa hat das jüdische Leben in Deutschland seit den 1990er Jahren wieder einen Aufschwung genommen. Doch mit der blühenden jüdischen Kultur zur Weimarer Zeit, die von Persönlichkeiten wie Martin Buber, Franz Rosenzweig oder Leo Baeck geprägt wurde, lasse sich das nicht vergleichen, sagt Brenner. "Die meisten Juden sind heute mehrere Generationen weit von religiöser Praxis und religiösem Wissen entfernt." Viele kämen aus der ehemaligen Sowjetunion, wo ihnen die Religionsausübung faktisch verboten gewesen sei.

In Celle erinnern Gedenktafeln in der Synagoge an die Gemeindemitglieder, die in den KZs umkamen. In den historischen Mauern sei spürbar, dass das Judentum eine mehr als 3.000 Jahre alte Religion sei, sagt die Gemeinde-Vorsitzende Dorit Schleinitz. Auch die jüdischen Kinder aus Hannover, die bei einem Ausflug in der Synagoge zu Gast sind, stammen mehrheitlich aus Zuwandererfamilien und können noch viel über ihren Glauben lernen. "Es ist kompliziert. Es wird nie wie früher", sagt Schleinitz: "Das, was entsteht, ist etwas Neues."