So langsam wie möglich: In Halberstadt wechselt der Akkord

John-Cage-Orgelwerk

Foto: epd-bild/Frank Drechsler

An der John-Cage-Orgel in Halberstadt spielen kleine Sandsäcke das längste Orgelstück der Geschichte. Der nächste Akkord wird sieben Jahre lang erklingen.

So langsam wie möglich: In Halberstadt wechselt der Akkord
Das längste Orgel-Konzert der Welt wird in der Burchardi-Kirche im sachsen-anhaltischen Halberstadt aufgeführt. Immer, wenn sich in John Cages Komposition etwas ändert, kommt es dort zum "Klangwechsel". Am 5. Oktober ist es wieder soweit. Dann wird sieben Jahre lang ein Fünfklang aus der ehemaligen Kirche klingen.

In Lars von Triers Endzeitfilm "Element of Crime" ist Halberstadt ein Ort, den die Züge besser gleich passieren sollten. Zu Unrecht: Für Musikkenner gilt Halberstadt inzwischen als Fixpunkt der Neuen Musik. Das hat vor allem mit diesem einen durchdringenden Ton zu tun, der aus der Burchardi-Kirche zu hören ist. Er setzt sich hartnäckig im Ohr fest.

Der Zuhörer befindet sich mitten in einem Konzert, das den kryptischen Titel "ORGAN²/ASLSP" trägt und schon über zehn Jahre lang dauert. Seit 2001 erklingt hier rund um die Uhr das Werk des US-amerikanischen Klangkünstlers John Cage. Enden soll es am 4. September 2640. Am 5. Oktober werden die beiden Basstöne c’ und des’, die jetzt zu hören sind, mit den drei neuen Orgelpfeifen dis’, ais’ und e’’ zu einem Fünfklang verschmelzen, der bis zum 5. September 2020 unverändert erklingen wird.

"As SLow aS Possible"

Dieser irritierende Klang ist Teil einer Aufführung des Musikstückes "ORGAN²/ASLSP", das John Cage, der zu den einflussreichsten Avantgarde-Musikern des 20. Jahrhunderts zählt, 1987 geschrieben und mit der Anweisung versehen hat: As SLow aS Possible. Das Orgel-Kunst-Projekt in Halberstadt erwuchs 1998 in Trossingen bei den "Tagen der neuen Orgelmusik" aus der Frage: "Was heißt 'so langsam wie möglich' für ein Orgelstück?

Musikwissenschaftler Philosophen und Theologen sagten: Im Prinzip unendlich langsam. Die Uraufführung von ORGAN²/ASLSP von 1987 dauerte nur 29 Minuten und 14 Sekunden. Die Halberstädter Interpretation dagegen ist angelegt auf 639 Jahre, weil 1361, also 639 Jahre vor dem Startschuss des Projektes, in Halberstadt eine Blockwerkorgel gebaut wurde. Aber, so fragten sich selbst die Organisatoren des Projektes: Wer soll das bloss hören?

Zum Beispiel Rainer Neugebauer. Der langbärtige, hagere Mann ist Kuratoriumsvorsitzender der John-Cage-Orgel-Stiftung. Jeden Tag betritt er die Burchardi-Kirche, um darin die kleine Orgel aufzusuchen, die diesen anhaltenden Ton abgibt. Sie steht in einer fast leeren, ehemaligen Kirche, die einst zu einem Zisterzienser-Kloster aus dem elften Jahrhundert gehörte. Neugebauer schaut auf die Orgel, die aus Blasebalg-Anlage, Windlade und Pfeifen besteht. Kleine Sandsäcke drücken die hölzernen Tasten der Orgel nieder, damit kein Organist dieses Stück je spielen muss.

Rainer Neugebauer fasziniert das Hörerlebnis in dieser Kirche. Je nach dem, wo man gerade steht, verändert sich der Ton. "Manchmal hallt es, dann wieder wummert es wie in einem Maschinenraum. Ich habe neu hören gelernt."

Allein mit dem Klang: "Es ist mystisch"

Rainer Neugebauer ist seit Jahren eine treibende Kraft des spirituell-philosophischen Projektes. Der Professor für Sozialwissenschaften lebt am Domplatz in der früheren Stadtbibliothek zwischen 25.000 eigenen Büchern, darunter auch das ein oder andere Werk über Halberstadt. Dieser etwas abseitige Ort war zu DDR-Zeiten eine Hochburg des Free-Jazz. Für Neugebauer Rainer Neugebauer passt John Cage ganz gut hierher. Der praktizierende Zen-Buddhist sprengte zu Lebzeiten mit Nonchalance die Grenzen des etablierten Kulturbetriebs. Bekannt wurde er mit seinem Stück "4:33", das aus vier Minuten und 33 Sekunden Stille besteht.

Rainer Neugebauer, Kuratoriumsvorsitzender der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt, zeigt die "Zeitleiste" in der Burchardi-Kirche.

Auch Margot Dannenberg steht hinter dem Orgel-Projekt. Sie ist Fremdenführerin und weiss, was die Besucher aus aller Welt in die Burchardi-Kirche zieht. Hin zu einem Werk, das weder Rhythmus und Melodie hat, und das man nicht bis zum Ende hören kann. Neben den Cage-Enthusiasten, die nach Grenzerfahrungen in der modernen Kunst suchen, sind es vor allem spirituellen Sinnsucher und Anhänger des Zen-Buddhismus wie Cage, die zu Margot Dannenbergs Führungen kommen.

Wie heute früh um neun Uhr, wo bereits wieder eine Gruppe still vor der summenden Orgel meditiert. Ab und an ist ein "Om" zu vernehmen. Ansonsten herrscht Schweigen. Kein I-Phone fiept. Was sie  erleben, ist die totale Entschleunigung. Das Tempo des Alltags wird hier radikal gedrosselt. Weil immer mehr Leute hier zum Orgelklang meditieren, wurde eine alte Kirchenbank aufgetrieben und hier reingestellt. Und manche wollen gar in der Kirche übernachten. Margot Dannenberg weiss weshalb: "In der Nacht ist es hier drinnen stockfinster. Da sind die Leute allein nur mit diesem Klang. Es ist mystisch."

"Welchen Stellenwert hat das Warten?"

Neben dem Orgelklang ist vor allem das Thema Zeit das Kernthema beim John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt. Margot Dannenberg ist fasziniert von Menschen, die Werke initierten, deren Bauzeit über ein Menschenleben hinaus gingen und ungewiss war, ob sie es jemals vollendet werden würde. Wie etwa der Kölner Dom, dessen Bauzeit über 600 Jahre währte und der als Miniaturausgabe auch in Rainer Neugebauers Wohnung steht. Quasi als Inspiration.

Margot Dannenberg sagt: "Ich war begeistert, dass es heute noch Menschen gibt, die den Mut hatten, solch ein Projekt zu starten, dass verrückt und zugleich genial-philosophisch ist." Sie wirft Fragen in den Raum: "Was macht ein Musikstück mit uns, das über 600 Jahre dauert? Und: Welcher Stellenwert hat das Warten?"

An den alten Wänden in der Burchardi-Kirche hängt eine "Zeitleiste". Besucher können für 100 Euro ein "Klangjahr" erwerben und werden so Teil des John Cage-Orgel-Kunst-Projektes. Sie übernehmen Patenschaft für ein Jahr, das ihnen persönlich etwas bedeutet. Unter den Spendern ist auch die gebürtige Halberstädterin Wibke Bruns. Die Tafeln hängen in Form von "Klangjahrplaketten" an den Wänden. Oft stehen darauf Sinnsprüche. "Nur die Erinnerung und die Kunst können die Zeit festhalten", steht da unter dem Jahr 2553, oder unter 2078: "The rest is silence." Das Jahr 2640 ist längst verkauft. Mit dem Geld der Klangjahr-Spenden soll eines Tages die kleine Interimsorgel durch die neue John-Cage-Orgel ersetzt werden.

Unter den Klangjahr-Stiftern ist auch die österreichische Filmemacherin Sabines Groschup. Ihre Tafel widmet sie allen unbekannten Personen, die das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt in Halberstadt in die Zukunft tragen. Damit dieser Raum mit seiner einzigartigen Zeit- und Klangerfahrung weiterlebt.

aus dem chrismonshop

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