Lauter Ruf nach Europa in der Katastrophe vor Lampedusa

Lampedusa

Foto: dpa/Claudio Peri

Lauter Ruf nach Europa in der Katastrophe vor Lampedusa
Wieder ist es vor Europas Küste zu einer Katastrophe gekommen: Bei einem Brand auf einem Flüchtlingsschiff vor der italienischen Insel Lampedusa sind mindestens 130 Menschen gestorben. In dem gekenterten Schiff sollen noch Dutzende weitere Leichen liegen. Rund 500 Menschen waren an Bord des Schiffes. Italien fordert mehr Hilfe von Europa, der Papst und der Bundespräsident stimmen zu. Aber eine Verbesserung ist nicht in Sicht.

"Es ist ein Horror", sagt Lampedusas Bürgermeisterin Giusi Nicolini unter Tränen. "Sie bringen immer weitere Leichen." Auf der sizilianischen Insel herrschen Fassungslosigkeit und Trauer. Mehr als 100 Menschen sind bei einer der schlimmsten Flüchtlingstragödien in den vergangenen Jahren vor Lampedusas Küste ums Leben gekommen, als ihr Schiff Feuer fing und kenterte.

"In vielen Jahren der Arbeit hier habe ich noch nie etwas Vergleichbares gesehen", sagt der Arzt Pietro Bartolo der Nachrichtenagentur Ansa. Er will helfen, kann jedoch für die Opfer nichts mehr tun. "Unglücklicherweise brauchen wir keine Krankenwagen mehr, sondern Särge."

Zwei Tage waren die rund 500 Flüchtlinge unterwegs, von der libyschen Hafenstadt Misrata auf dem Weg nach Europa, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Flüchtlinge sollen überwiegend aus Somalia und Eritrea stammen. Berichten von Überlebenden zufolge sollen einige Migranten auf dem Schiff eine Decke angezündet haben, um dadurch ein Fischerboot in der Nähe auf sich aufmerksam zu machen. Das Feuer breitete sich aus, das Schiff war nicht mehr zu retten.

"Wir stehen vor Massakern an Unschuldigen"

Es ist eine große Katastrophe in einer Serie von vielen kleinen. Kurz vor dem Unglück war ein Boot mit 463 Migranten vor Lampedusa angekommen. Noch am Montag waren 13 Menschen vor der italienischen Küste ertrunken. "Die Grenzen zu Europa werden immer weiter abgeriegelt", sagte der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt. Solange die EU Grenzstaaten wie Italien, Griechenland, Malta und Zypern mit der Flüchtlingsfrage allein lasse, würden sich solche Tragödien wiederholen.

Mit Blick auf das EU-Innenministertreffen in der kommenden Woche in Luxemburg appellierte Burkhardt an Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und seine Amtskollegen, die gängige Asylpraxis umgehend zu ändern. "Vor allem die Bundesregierung muss ihre Blockadehaltung gegen eine Aufteilung der Verantwortung für die Flüchtlingsaufnahme aufgeben", sagte Burkhardt. Zudem sprach sich der Asyl-Experte für einen gemeinsamen europäischen Rettungsdienst für das Mittelmeer aus. Eine "Politik des Wegschauens" helfe nicht.

Auch Italiens Regierung forderte mehr Hilfe von der EU. "Wir stehen jetzt vor Massakern an Unschuldigen, weshalb man sich nicht mehr um die absolute Notwendigkeit von Entscheidungen und Aktionen der internationalen Gemeinschaft und vor allem der EU herumdrücken kann", sagte Staatspräsident Giorgio Napolitano. Innenminister Angelino Alfano, der selbst nach Lampedusa reiste, sagte: "Wir hoffen, dass die EU Notiz davon nimmt, dass es nicht nur ein italienisches, sondern ein europäisches Drama ist." Präsident Napolitano forderte außerdem, Gesetze, die eine Aufnahmepolitik verhinderten, zu überprüfen.

Die EU-Kommission äußerte Bestürzung: "Es ist wirklich eine Tragödie, ganz besonders, weil auch Kinder betroffen sind", erklärte EU-Regionalkommissar Johannes Hahn in Brüssel. "Es ist etwas, über das Europa wirklich traurig sein muss und wir sollten sehen, wie wir die Lage verbessern", sagte er.

Papst und Bundespräsident für mehr Menschlichkeit

Papst Franziskus warnte angesichts der Katastrophe vor Gleichgültigkeit vor der Not anderer Menschen. "Heute ist ein Tag des Weinens", sagte er am Freitag bei einer Begegnung mit Armen in Assisi. Für Unglücke wie den Untergang des Flüchtlingsschiffes sei ein "Geist der Weltlichkeit" verantwortlich, der in seinem Stolz und Interesse an Geld jede Form der christlichen Spiritualität töte.

In eindrücklichen Briefen an die EU berichten Asylsuchende von ihren Wegen durch Europa und von ihrem Leben in jahrelanger Ungewissheit, wo sie ein Zuhause finden dürfen.

Bundespräsident Joachim Gauck sprach sich für einen menschenwürdigen Umgang mit den Neuankömmlingen aus. "Wegzuschauen und sie hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte", sagte Gauck laut Redemanuskript anlässlich der Verleihung von Verdienstorden der Bundesrepublik am Freitag in Berlin. "Leben zu schützen und Flüchtlingen Gehör zu gewähren, sind wesentliche Grundlagen unserer Rechts- und Werteordnung." Die Tragödie von Lampedusa zeige, dass Flüchtlingen besonders verletzliche Menschen seien, die geschützt werden müssen.

Das ist das mindeste, was die europäischen Regierungen tun können. Aber die Grenzschutzagentur Frontex und Abschiebelager auf Inseln wie Lampedusa sind weit entfernt von einer menschenwürdigen Behandlung der Flüchtlinge. Und solange Krieg, Hunger und Armut in ihren Heimatländern die Menschen weiter nach Europa treiben, werden auch weiterhin überladene Schiffe voller Menschen vor Europas Küste dutzende und hunderte Flüchtlinge in den Tod reißen.