Schultüte und Seele füllen: Ein Segen zum Schulanfang

Einschulungsgottesdienst

Foto: epd-bild/Thomas Rohnke

Kinder in einem ökumenischen Einschulungsgottesdienst

Schultüte und Seele füllen: Ein Segen zum Schulanfang
Für 151.000 "i-Dötzchen" in den 3000 Grundschulen in Nordrhein-Westfalen beginnt mit der Einschulung der "Ernst des Lebens". Zum Schulstart bieten viele Gemeinden einen Einschulungsgottesdienst an, in dem die Kinder an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt gesegnet werden.

Die riesige Schultüte ist fast genauso groß wie die kleine Chantal, die mit ihrem neuen rosa Ranzen auf dem Rücken an der Hand ihrer Mutter die Kirche betritt. Ein bisschen unsicher, aber auch stolz sitzt sie neben Großeltern, Paten und Eltern in der Kirchenbank in der ersten Reihe. "Wir gehen zwar sonst selten in die Kirche, aber heute beginnt ja etwas ganz Neues", sagt Mutter Claudia Enzo. "Ich bin fast aufgeregter als Chantal. Irgendwie muss man ja sein Kind jetzt aus der Hand geben", sagt sie und wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.

Chantal an ihrem ersten Schultag

Für den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt kennt die Bibel den Segen, mit dem Menschen Gottes Schutz anbefohlen werden. Kraft, Hilfe, Gelingen und Bewahrung durch Gott werden den Gesegneten zugesprochen. Deshalb steht der Segen auch im Mittelpunkt des Einschulungsgottesdienstes, den der Waldbröler Pfarrer Matthias Schippel gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Pfarrer Klaus-Peter Jansen für die Erstklässler der Grundschule Isengarten gestaltet. Zu Beginn erinnert Pfarrer Jansen daran, wie Jesus Kinder gesegnet hat "Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie" (Mk. 10,16).

Dann werden alle Kinder nach vorn eingeladen und stehen im Halbkreis um den Altar. Mucksmäuschenstill wird es in der Kirche, wenn jedes Kind seinen Namen nennt und zugesagt bekommt "Gott ist immer für dich da. Er schützt dich und hilft dir. Er schenke dir in der Schule Freunde und Freude."

"Voll Wärme und Licht"

Für Pfarrer Matthias Schippel ist es wichtig, dass Gottes Segen für alle gleichermaßen und ohne irgendeine Voraussetzung gilt. Deshalb segnet er gerne und selbstverständlich auch Kinder, deren Eltern nicht zur Kirche gehören. "Der Segen macht an den Grenzen von Glaube oder Unglaube, Konfessionen und Religionen nicht halt, deshalb habe ich auch schon muslimische Kinder gesegnet", erklärt er.

Wichtig ist für Pfarrer Matthias Schippel auch, dass jedes Kind die Zuwendung und Liebe Gottes im Segen "handgreiflich" zu spüren bekommt. Seine Hände ruhen deshalb beim Segnen einen Moment lang auf dem Kopf jedes einzelnen Kindes und schweben nicht distanziert über den Kinderköpfen.

Chantal strahlt, als sie nach dem Segen zurück zu Mama und Papa geht. Die haben das Liedblatt zum Einschulungsgottesdienst in der Hand und versuchen einzustimmen. "Bewahre uns Gott, behüte uns Gott, sei mit uns in allem Leiden. Voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten." "Das Lied hebe ich mir auf", sagt Claudia Enzo auf dem Weg zur Kirchentür. Draußen wartet Chantals Klassenlehrerin. Die Schule kann beginnen.

Den Segen bewahren

Mit dem Mutmachsegen im Rücken fängt für Chantal und alle anderen tatsächlich ein neuer Lebensabschnitt mit vielen neuen Anforderungen an. "Sie müssen pünktlich sein, sich im Gebäude zurechtfinden, sich auf die Lehrer einstellen, sich nach einem Stundenplan richten, müssen lernen, still zu sein und still zu sitzen, müssen sich melden, den Lernstoff begreifen, ihren Ranzen schleppen, Hausaufgaben machen", zählt die langjährige Grundschullehrerin Gerlinde Jakobs die vielen Aufgaben für die Erstklässler auf.

Weil der Segen aber keine magische Handlung ist, die Erfolg und Gelingen herbeizaubert, sollten Eltern fragen, wie sie denn dazu beitragen können, dass ihrem Kind die Zuversicht und Freude erhalten bleiben, mit der sie in die Schulzeit starten. Familientherapeut Hans-Jürgen Lücking arbeitet in der der Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe-, Familien-, und Lebensfragen des Evangelischen Kirchenkreises An der Agger.

Für die Kinder ist es nach seiner Erfahrung "ein Segen", wenn Eltern den Leistungsgedanken nicht in den Vordergrund stellen und keinen Druck machen. "Ermutigen Sie das Kind, das ihm Mögliche zu erreichen. Akzeptieren Sie, dass es in seinen Grenzen Erfolg haben darf", rät Lücking. Denn Segen heißt nach seinem Verständnis auch: "Du bist gewollt - so wie du bist."

Ehe Eltern zu hohe Anforderungen stellen, sollten sie sich klarmachen, welche eigenen Erfahrungen sie mit der Schule gemacht haben. Unbewusst übertragen sie oft eigene schulische Misserfolge oder Aversionen auf das Schul-Erleben ihres Kindes. Hans-Jürgen Lücking regt Eltern an, sich zu fragen: "Muss mein Kind Leistungen erbringen, die ich selbst nicht erreicht habe? Was ist, wenn mein Kind nicht zu den Besten gehört?"

"Du bist gut genug!"

"Kinder sind das Beste, was unser Herrgott geschaffen hat", hat die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren einmal gesagt. Das gilt auch für Schulkinder, die nicht zu den Leistungsstarken gehören. "Das Wichtigste, was Eltern für ihr Kind tun können, ist seinen seelischen Tank mit Zuwendung und Liebe aufzufüllen und ihm zu vermitteln: Wir haben dich lieb, egal, was passiert", sagt Hans-Jürgen Lücking.

Ein Grund-Satz des christlichen Glauben laute: "Wir leben nicht von unserer Leistung, sondern von der Liebe Gottes." Diesen Satz gelte es durchzubuchstabieren – auch für den Umgang mit den ABC-Schützen. Es könne nicht darum gehen, Kinder mit Wissen "abzufüllen". Es gehe darum, fröhliche Kinder auf dem Weg ins Leben zu begleiten, sie zu fördern und ihnen zu vermitteln: "So wie du bist, bist du gut genug."

Und wenn dennoch die anfängliche Freude auf die Schule schon bald der Unlust oder gar Ängsten weicht? "Suchen Sie das Gespräch mit der Lehrerin, wenn Sie sie bei Ihrem Kind Angst, Blockaden und Mutlosigkeit spüren", rät Hans-Jürgen Lücking. Bei dauerhaften Problemen sollten Eltern sich nicht scheuen, auch fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein Segen, dass es diese gibt. Zum Beispiel in vielen Beratungsstellen in kirchlicher Trägerschaft.

Der Segen wird in vielen Religionen praktiziert. Nach jüdischer, christlicher und muslimischer Auffassung verweist der Segen unmittelbar auf Gott: Nicht der Mensch spendet den Segen, sondern Gott selbst. Wer einen anderen segnet, bittet mit dieser Handlung also Gott um Hilfe für eine andere Person. Das Wort "Segen" leitet sich vom lateinischen "signum" ab, was Zeichen bedeutet. So werden Segenshandlungen im Christentum oft in Form eines Kreuzes ausgeführt. (epd)