In den Himmel kommen nicht nur Muslime

Islamischer Religionsunterricht

Foto: epd-bild/Barbara Frommann

Lehrer Bernd Ridwan Bauknecht erteilt islamischem Religionsunterricht in der Andreasschule in Bonn.

In den Himmel kommen nicht nur Muslime
Die Bonner Grundschule mit 200 Schülern aus 20 Nationen gehört zu den ersten 44 in Nordrhein-Westfalen, die das neue reguläre Fach für ihre muslimischen Schüler anbieten. Ein Schulbesuch.

Montagmorgen an der Bonner Andreasschule. Hinter einer Klassentür hört man Kinder singen. Mit ihrem Mottolied "Salam, as salam aleikum. Islam bedeutet Frieden. Lasst uns Frieden machen" beginnen sie ihre islamische Religionsstunde.

"Was bedeuten eigentlich die Glaubenssätze des Islam für Euch Schüler?", fragt Lehrer Bernd Ridwan Bauknecht, der hier bereits Islamkunde unterrichtet hat und nun den neuen islamischen Religionsunterricht erteilt. Die Dritt- und Viertklässler schauen ihn verdutzt an. "Ja, was heißt das: ein Gewissen zu haben?" hakt Bauknecht nach. "Dann weiß ich, dass ich Gutes tun soll", kommt zögerlich von Deniz. "Dann mache ich alles von Herzen", fügt Mohammed hinzu. Und dann sei man friedlich miteinander.

Islam bedeute auch "Hingabe in Frieden an Gott", erläutert Bauknecht. Und nur ein gottergebener Mensch sei ein guter Muslim. Aber das heiße nicht, dass nur Muslime ins Paradies gelangten, sagt der Sozial- und Islamwissenschaftler. "Den Lohn können auch andere Gottergebene vom Herrn erhalten. Das werden wir bald im Koran nachlesen", macht Bauknecht die Kinder neugierig.

Reflexion, Pluralität, Offenheit

Der 46-jährige deutsche Muslim, der 1993 zum Islam konvertierte, hat nach einer Zusatzqualifikation seit acht Jahren den Schulversuch Islamkunde an drei Bonner Grundschulen sowie an einer Hauptschule aufgebaut. Die Aufwertung als ordentliches deutschsprachiges Fach in Nordrhein-Westfalen empfindet das Mitglied der Deutschen Islamkonferenz als längst überfällig: "Religionsunterricht, sei er nun katholisch, evangelisch oder islamisch, ist ein sehr hohes Gut an Schulen."

Man biete eine Innenperspektive der Religion, fordere die Schüler aber auch zum Perspektivwechsel auf, erläutert Bauknecht. Es gehe also bei dem neuen Fach um Reflexion, Pluralität und Offenheit auch im innerislamischen Diskurs. "Und hier in der Schule kann Religion ja, anders als meist in Familien und Gemeinden, auch kritisch betrachtet werden."

Eigentlich unterscheide sich dieser Religionsunterricht inhaltlich zunächst nicht von der bisherigen "Hilfsbrücke" Islamkunde, betont Bauknecht. "Die Lehrkraft musste und muss weiter muslimischen Glaubens sein, und die Themen sind parallel zum christlichen Religionsunterricht angelegt." Es ging und gehe also um Gott als Schöpfer, die Moschee, die Familie, den Umgang miteinander und das Leben Mohammeds.

Exkursionen in Kirchen, Synagogen und Moscheen

Jetzt würden aber auch Bitt- und Ritualgebete gesprochen. Man werde natürlich auch interreligiös arbeiten, über andere Religionen sprechen und gemeinsam mit den christlichen Unterrichtsgruppen Exkursionen in Kirchen, Synagogen und Moscheen unternehmen oder gemeinsam Feste feiern, betont Bauknecht. Auch in der Religionspädagogik sollte man gemeinsam mit den evangelischen und katholischen Kollegen arbeiten, wünscht sich der Lehrer, der mit Schulrektorin Dorothea Paschen das Islamkunde-Buch "Die schöne Quelle" herausgegeben hat.

Jetzt geht es mit seinen 28 Schülern aber erst einmal um das Thema "Vom Streit zur Versöhnung". Konzentriert vertiefen sich die Kinder in eine Geschichte aus ihrem Schulalltag. "Das eine Mädchen ist eifersüchtig, es will seine Freundin nicht verlieren", deutet Iliaz den Streit.

Eigentlich seien die Streitpunkte ja Kleinigkeiten, meint Emine nachdenklich. "Ja, und was würdet ihr den Mädchen im Text empfehlen?", fragt der Lehrer nach. "Einfach wieder miteinander spielen", schlägt Tarik vor. "Vielleicht erst mal in Ruhe drüber reden", sagt Yasmin und findet Zustimmung von allen Seiten.  

Bauknecht will in den kommenden Stunden die entscheidenden unterschwelligen Konfliktpunkte im Fall sammeln, mit den Kindern über ihre eigenen Auseinandersetzungen sprechen und mit ihnen Streitregeln aufstellen. "Und dann werden wir natürlich auch schauen, was der Koran dazu sagt und was das Grundgesetz", kündigt er an.

Der islamische Religionsunterricht in deutscher Sprache, unter deutscher Schulaufsicht und mit in Deutschland ausgebildeten Lehrkräften, wird als bundesweite Premiere derzeit in Nordrhein-Westfalen schrittweise eingeführt. Begonnen wird an 44 Grundschulen, an denen es bereits ein Fach Islamkunde gab oder an denen sich ein Islamkundelehrer bereiterklärt hat, den Unterricht zu erteilen. In Nordrhein-Westfalen leben knapp 1,5 Millionen Muslime, darunter mehr als 320.000 Schüler.