"Carbon Bubble": Die falschen Sorgen der Klimakiller

Aus wirtschaftlichen Gründen solle der CO2-Ausstoß nicht begrenzt werden, fordert die Initiative "Carbon Tracker".

Foto: dpa/Patrick Pleul

Aus wirtschaftlichen Gründen solle der CO2-Ausstoß nicht begrenzt werden, fordert die Initiative "Carbon Tracker".

"Carbon Bubble": Die falschen Sorgen der Klimakiller
Eine junge Lobbyorganisation in Großbritannien warnt vor einem globalen Finanzcrash durch die Energiewende: Die fossilen Rohstoffe der Konzerne würden wertlos, sorgt sich "Stern-Report"-Autor Nicolas Stern. Eine unbegründete Sorge, sagt der Direktor des Westfälischen Energieinstitutes Heinz-J. Bontrup.
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Die "Klimakiller" machen sich Sorgen - um die Stabilität der Finanzmärkte: Die taufrische britische Lobbyorganisation Carbon-Tracker warnt vor dem Platzen einer Kohlenstoff-Blase infolge einer konsequenten Klimapolitik. Sie malt ein wirtschaftliches Schreckensbild an die Wand: Durch die Klimapolitik würden alle fossilen Brennstoffe in den Bilanzen der Unternehmen entwertet. Infolge einer radikalen Energiewende ständen viele Konzerne aus Rohstoffwirtschaft, Industrie und Banken vor dem Aus. Der Weltwirtschaft drohe dann der Kollaps.

Die Carbon-Tracker-Initiative ist erst seit zwei Jahren "auf Sendung" - als Blogger, im Internet, mit Studien und auf Veranstaltungen in Großbritannien, Australien und Südafrika. Noch kennen in Deutschland nur wenige Fachleute die potente Lobbytruppe. Das könnte sich allerdings bald ändern, denn Carbon-Tracker verfolgt einen globalen Anspruch. Dafür sorgen schon der internationale Unterstützerkreis: Die britisch-asiatische HSBC, eine der größten Banken der Welt; die ebenfalls vom Finanzstabilitätsrat als "systemrelevant" eingestufte amerikanische Citigroup sowie die seit dem Ausbruch der Banken- und Finanzkrise 2007 in der Öffentlichkeit umstrittene Ratingagentur Standard & Poor's. Alle drei Multis betreiben auch hierzulande ihre Geschäfte.

Die Carbon-Tracker verweisen auf Forschungen des Grantham Research Institutes in London. Vorsitzender des "Forschungsinstituts für Klimawandel und Umwelt" ist kein Geringerer als Lord Stern of Brentford. Der frühere Weltbank-Ökonom wurde international bekannt als Nicholas Stern und Autor des nach ihm benannten "Stern-Reports". 2006 hatte Professor Stern den 650 Seiten starken Report im Auftrag der britischen Regierung erstellt, in dem die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung im Mittelpunkt stehen.

Firmeninvestitionen als Wirtschaftsrisiko?

Der Stern-Report war von vielen Umweltaktivisten und Politikern zum Kronzeugen ihrer Anklage erhoben worden, ohne die Zweischneidigkeiten in Sterns Argumentation zu beachten. Zunächst profitierten davon die Kernenergie-Befürworter - wenn Klimarettung ganz oben auf der Agenda stehe, argumentieren sie, gäbe es keine Alternative zur "Zwischenlösung" Atomstrom.

Jetzt wandeln die Carbon-Tracker in den Spuren des Stern-Reports. Die monetären Kosten einer Klimaerwärmung mögen immens sein, aber die Kosten einer schnellen und konsequenten Klimarettung wären unbezahlbar, argumentieren sie. Allein im vergangenen Jahr hätten die globalen Top-200-Unternehmen 674 Milliarden Dollar für die Suche und Erschließung neuer Lagerstätten von Kohle, Öl und Gas ausgegeben, und bis zu 60 Prozent des Börsenwerts der Energiekonzerne würden sich quasi in Luft auflösen, wenn infolge der Energiewende die Vorräte an Energierohstoffen in den Unternehmensbilanzen auf nahe null abgeschrieben werden müssten.

Das Platzen dieser "Carbon Bubble" würde Billionen Dollar vernichten, sagen die Industrie-Lobbyisten, es würde die Börsen in ihren Grundfesten erschüttern und könnte angesichts der Dimension der Energie- und Rohstoffbranche eine Weltwirtschaftskrise auslösen. "Die Finanzkrise hat gezeigt, was passieren kann, wenn angehäufte Risiken nicht beachtet werden", warnt Nicholas Stern. Das Finanzmarkt-Risiko einer Energiewende sei heute "sehr groß".  

Finanzexperte: "Völliger Unsinn"

Das Risikopotential bewertet der deutsche Finanzexperte Heinz-J. Bontrup gänzlich anders. Der  Direktor des Westfälischen Energieinstituts an der Hochschule in Gelsenkirchen hat für evangelisch.de die Argumentation von Nicolas Stern und seinen Carbon-Trackern unter die Lupe genommen. Bontrup: "Mein Befund: Völliger Unsinn!"

Bilanztechnisch hätten die Entwicklungen, um die sich die Carbon-Tracker sorgen, überhaupt keine Auswirkungen, ist Bontrup sicher: "Die heute im Vermögen aktivierten Rohstoffbestände werden allemal bis zum Verbrauch nicht von strengeren CO2-Regeln berührt." Wertberichtigungen in den Bilanzen finden demnach heute nicht statt und sie seien auch nicht zu befürchten.

Und in Zukunft? Auch da bleibt Professor Bontrup optimistisch. Sollte durch den Ausbau regenerativer Energien zukünftig weniger auf nicht-regenerative Energieträger wie Kohle und Atom zurückgegriffen werden, so könnte dies möglicherweise zu dem von den Carbon-Trackers befürchteten Preisrückgang bei den fossilen Rohstoffen führen. "Dies hätte dann aber ebenfalls keine bilanziellen Auswirkungen", sagt der Finanzexperte.

Der Grund: Zukünftige Einkäufe von Rohstoffen würden mit den entsprechend niedrigeren Preisen in den Bilanzen notiert. Gefährliche Wertberichtigungen durch einen Preisverfall seien daher von vornherein ausgeschlossen. Stabile Bilanzen bieten aber keinen Anlass für einen Kursrutsch an der Börse - Crash und Kollaps der Weltwirtschaft bleiben aus.

Kohle, Öl und Gas werden auch zukünftig gebraucht

Professor Bontrup nennt auch einen realwirtschaftlichen Grund für die bilanzielle Unbedenklichkeit einer raschen Energiewende. So werde das Verbrennen von fossilen Rohstoffen wie Kohle, Öl und Gas auch in Zukunft "unverzichtbar sein". Das gelte auch bei strengeren und strengsten CO2-Regeln, wie sie von Umweltaktivisten gefordert werden. Insofern betreiben die angelsächsischen Carbon-Tracker Panikmache.

Sie finden sich damit auf einer Argumentationslinie mit Energiekonzernen in Deutschland. Die lehnen den menschengemachten Klimawandel auch nicht mehr als unbelegte These ab. Den CO2-Ausstoß nutzen die Konzerne selbst als Argument - aber gegen die Energiewende. So äußerte kürzlich Eon-Chef Johannes Teyssen selbst im intimen, 1912 gegründeten Industrie-Club in Düsseldorf: "Wir stehen vor einer Struktur, in der die Hauptziele der Energiepolitik verfehlt werden." Die Energiewende habe zu steigenden Preisen, weniger Versorgungssicherheit und zu einem wachsenden Ausstoß des Klimagases CO2 geführt, weil Gas- und Atomkraftwerke von erneuerbaren Energien und Kohle verdrängt würden.

Energieexperte Bontrup ist dagegen optimistisch, dass es dank verbesserter Technik in den Kraftwerken gelingen wird, den CO2-Ausstoß entscheidend zu reduzieren. Um dies zu erreichen, müsse aber politischer Druck auf die Energiewirtschaft ausgeübt werden - durch Vorgaben, Gesetze und auch Verbote. So müssten die Umweltkosten "endlich in die Kalkulationen der Unternehmen eingehen" und damit "internalisiert" werden. Das wäre ein wirklichkeitsnaher bilanztechnischer Ansatz - den die Bilanz-Strategen der Klimakiller unbedingt vermeiden wollen.