Syrien: "Auch Christen sind Teil und Träger der Revolution"

Pater Paolo Dall'Oglio

Foto: laif/Bryan Denton

Pater Paolo Dall'Oglio im Juni 2012 im Jesuitenkloster in Beirut, nach seiner Ausweisung aus Syrien.

Er klagte die Regierung Assad wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit an, dafür wurde er ausgewiesen: Der italienische Jesuitenpater Paolo Dall’Oglio, Neugründer eines interreligiösen Klosters in Syrien, lebte seit 1982 in Syrien. Seit seiner Ausweisung 2012 arbeitet er mit der belgischen Hilfsorganisation "Relief & Reconciliation for Syria" zusammen. Jetzt berichtete Pater Dall'Oglio in Berlin über die Lage und die Rolle der Christen in Syrien.

Pater Paolo Dall’Oglio lebt seit gut drei Jahrzehnten in Syrien und gilt als intimer Kenner des Landes. Vor gut 20 Jahren gründete er in dem mittelalterlichen Wüsten-Kloster Mar Musa seine eigene ökumenische Ordensgemeinschaft. Dort will der Pater den friedlichen Dialog im Land vorantreiben. Christen, Juden, Drusen, Jesiden, Alawiten, Schiiten, Sunniten, alle Glaubensgruppen und Ethnien in Syrien sind an dieser Stätte des Friedens willkommen. Aber sein Kloster hat auch den Krieg erlebt.

"Wir wurden bereits vier mal angegriffen. Aber Gottlob hatten wir weder Verletzte noch Tote zu beklagen. Wir pflegen in Syrien seit Jahrhunderten eine gute Nachbarschaft zwischen Juden, Christen und Muslimen, früher allerdings unter der Oberhoheit des Sultans beziehungsweise des Kalifen. Jetzt haben wir es in der Revolution mit einer echten Demokratiebewegung zu tun. Es ist eine moderne soziale islamische Bewegung und Selbstermächtigung des Volkes. Die Leute wollen sich nicht mehr von oben beherrschen lassen", berichtet Dall’Oglio.

Wenn allerdings auch in westlichen Medien berichtet werde, dass die bewaffnete Opposition vor allem von Islamisten, Salafisten und Muslimbrüdern beherrscht werde, so seien das bewusst gestreute Propagandalügen des Assad-Regimes, um die demokratische Bewegung zu diskreditieren. Die Revolution sei eine echte Volksbewegung, in der Christen wie Alawiten, Sunniten wie Schiiten engagiert seien, sagt Dall'Oglio.

"Dass sein eigenes Volk protestiert, sieht Assad nicht"

Der Jesuit setzt sich nicht nur für den friedlichen Dialog in seinem Kloster ein, sondern unterstützt auch die Proteste gegen das Assad-Regime. Denn es seien gerade die liberalen und demokratischen Kräfte gewesen, die vor gut zwei Jahren gegen den syrischen Potentaten auf die Straße gegangen seien. Erst seit die friedliche Revolution brutal zusammengeschossen wurde, sei sie zu einer bewaffneten Bewegung geworden, sagt der Pater. Der Katholik protestierte von Anfang an gegen die brutale Unterdrückung der freien Meinungsäußerung und wurde dafür im Juni 2012 vom Assad-Regime ausgewiesen.

Vor wenigen Wochen erst ist Pater Paolo aus seinem irakischen Exil nach Syrien zurückgekehrt, um zumindest die Orte zu besuchen, die momentan unter der Kontrolle der syrischen Befreiungsarmee stehen.

"Dass da sein eigenes Volk gegen ihn protestiert, sieht Assad gar nicht", sagt Pater Paolo Dall’Oglio."Die sozialistische Baath-Partei hat der Sehnsucht des Volkes nach Frieden und Demokratie nichts außer Waffen, Folter, Unterdrückung, Gefängnis und ihren ganzen Sicherheitsapparat entgegenzusetzen. Die Assad-Partei ist nur noch eine leere ideologische Hülle. Sie hat jeglichen Kontakt zur Realität verloren." Assad fühle sich von allen bedroht, und verbreite diese Botschaft ständig über seine Medien. Dall'Oglio berichtet davon, dass die Revolution für den syrischen Diktator nur eine Allianz der arabischen Golfstaaten, der USA, der Zionisten, Frankreichs, der Al-Kaida und der Islamisten sei. Die Revolutionäre seien von außen bezahlte Söldner.

Christliche Vertreter stehen zu Assads Regierung

Leider würden gerade auch hohe christliche Vertreter in Syrien diese Sicht des Regimes verbreiten. Nicht wenige, weil sie vom syrischen Geheimdienst massiv unter Druck gesetzt werden, erzählt Dall'Oglio: "Das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Damaskus ist Teil des syrischen Systems. Es ist nicht frei. Auch das maronitische Patriarchat im Libanon ist nicht frei, sondern steht unter dem Druck des Regimes, das mit der libanesischen Hisbollah paktiert. Diese Kirchenoberhäupter verbreiten die Agenda des Regimes, als wäre die Revolution eine Bedrohung für das Ur-Christentum in Syrien. Und leider sehr viele Medien weltweit verbreiten diesen Unsinn. Dabei sind doch gerade auch Christen Teil und Träger der Revolution", sagt der Pater. Das vatikanische Radio sei da objektiver. Der katholische Nuntius in Damaskus habe von Anfang an klar und präzise gesagt, dass die Revolution nicht die islamistische Verfolgung von Christen in Syrien bedeute.

Aber wie soll es weitergehen in Syrien? Pater Paolo Dall'Oglio hat ein paar Ideen dazu: Die Revolution müsse man "zu einem raschen Ende" bringen. Die Opfer und die Menschen in den Flüchtlingscamps bräuchten schnell humanitäre Hilfe, internationale Flugverbotszonen könnten gegen die Übermacht der syrischen Luftwaffe helfen. Der Jesuiten-Pater ist sich sicher, dass die Revolutionäre in Syrien entweder bis zum Tod kämpfen oder der internationale Druck auf das Assad-Regime so groß wird, dass es zusammenbricht. Sorgen macht sich Dall'Oglio aber darüber, was nach dem Sturz Assads passieren wird.

"Wir brauchen die Kultur der Alternative zur Gewalt, sonst haben wir hier bald ein neues Somalia. Wir brauchen dringend Hilfe zum Aufbau der Demokratie und bei der Versöhnung. Wir brauchen Hilfe zur Durchsetzung des internationalen Rechts", fordert er. Die Menschen seien des Kämpfens und Blutvergießens müde, aber Syrer bräuchten Hilfe, um eine ihre Zivilgesellschaft wieder aufzubauen - Hilfe, die Jesuitenpater Paolo Dall'Oglio auch von der Bundesregierung einfordert, "mit ihrem demokratischen Know-How".