"Fische kann man nicht ausrotten"

Fischfang

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"Fische kann man nicht ausrotten"
Der neue World Ocean Review gibt den Fischen und der Fischerei eine gemeinsame Zukunft
Für unseren Themenschwerpunkt "Wasser" stellt Hermannus Pfeiffer die Frage: Wie geht es eigentlich unseren Weltmeeren und den Fischen darin? Die Vielfalt der maritimen Schöpfung ist erstaunlich, mehr als 30.000 Fischarten gibt es weltweit. Dazu passt noch eine gute Nachricht: "Fische kann man nicht ausrotten." Davon ist jedenfalls Professor Christian Möllmann überzeugt. Die Populationen seien zu groß, lebten zu versteckt und das Meer sei ein gigantischer Flickenteppich. Außerdem hilft ausgerechnet die Ökonomie. Werden Bestände zu klein, wird Fischfang unwirtschaftlich und die industrialisierten Trawler ziehen weiter - der Fischbestand kann sich erholen.

Möllmann und die anderen Autoren des neuen "World Ocean Review 2" stämmen sich der verbreiteten Endzeitstimmung entgegen - ohne Entwarnung zu geben. Wir wollen das "ganze System verstehen", sagt der Meeresbiologe von der Universität Hamburg. Und das bedeute auch, komplizierte Nahrungsketten zu analysieren.

Zum Beispiel: Warum es heute in der Ostsee soviel Dorsch wie noch nie gibt - weil Polen seine Überfischung vor wenigen Jahren aufgrund des politischen Drucks der EU einstellte. Oder: Warum die Überfischung des Thunfisches im Mittelmeer dafür sorgt, dass "andere Arten Überhand nehmen", so Möllmann - was zu weiteren Veränderungen im Nahrungsnetz führt. Zur Erklärung: Thunfische sind Räuber und fressen Massen von kleineren Tieren.

Gigantische Wasserwelt

Politik und Umweltverbände seien da oft zu ungenau in ihren Analysen, kritisieren auch die Mitglieder des "Exzellenzclusters Ozean der Zukunft". Diese wollen ebenfalls wegkommen von einer punktuellen Sicht. Das Exzellenzcluster ist eine deutsch-europäische Denkfabrik der maritimen Wissenschaften - vom Meeresbiologen über Mathematiker bis zu Ingenieuren und Ökonomen. Ihr Ziel ist die Vermessung der gigantischen Wasserwelt: Ein ehrgeiziges Projekt, denn drei Viertel der Erde ist von Wasser bedeckt.

Die industrielle Fischerei habe zwar das labile Gleichgewicht zwischen Mensch und Fisch gestört, doch anders als an Land führe die extensive Jagd im Meer nicht zur völligen Ausrottung einzelner Spezies - Doch möglicherweise beeinflusse die Industriefischerei die Evolution von stark befischten Arten! Politikern, Medien und Profikritikern in den Umweltverbänden werfen die Autoren eine verengte Sicht vor: "Lange wurden wirtschaftlich interessante Fischarten isoliert betrachtet." Man müsse jedoch den gesamten Lebensraum im Blick haben.

Tatsächlich fressen Haie, Rochen oder Sägefische - die im März in das Washingtoner Artenschutzabkommen der Vereinten Nationen aufgenommen wurden - nun mal massenhaft kleinere Lebewesen und können ihrerseits ein Biotop verändern. Überdies beeinflussen nicht allein die Fischerei, sondern auch "veränderte Umweltbedingungen" - vom politischen Hai-Boom bis zur Abwasserverschmutzung - die Größe und Zusammensetzung von Fischbeständen. Zudem haben sich viele Bestände von Nutzfischen nach regulierenden Eingriffen der Politik teilweise in nur fünf Jahren wieder erholt, etwa der Hering in der Nordsee. "Vernetzt denken" lautet daher das an sich unoriginelle Credo der Macher des "World Ocean Review".

Streit in Europa

Der Report erscheint in einer Zeit, in der Europa über seine zukünftige Fischereipolitik uneins ist. Zwischen dem forschen Europäischen Parlament in Straßburg und dem bremsenden Ministerrat der 27 EU-Staaten wird heftig über eine Fischereireform gestritten, die selbst grüne Beobachter als "historisch" loben. Bis Juni will man sich in der EU einigen. Manch Streitpunkt erscheint dabei nur etwas für versierte Bürokraten zu sein: So will das Parlament ein striktes "Rückwurfverbot" - Frankreich, Spanien und andere Staaten mit großen Flotten wollen dagegen den Rückwurf nur schrittweise und auch nicht vollständig einschränken.

Noch werfen im wirklichen Leben Fischer massenhaft Jungfische und andere "nicht vermarktbare" Spezies wieder über Bord, meist tot oder verendend. International soll dieser sogenannte Beifang 40 Prozent eines durchschnittlichen Fangs betragen. Ein Rückwurfverbot würde die Fischer zwingen, den Beifang durch  moderne (teure) Netze und Fangtechniken zu reduzieren. Überfischte Arten könnten sich dadurch zukünftig leichter erholen und die Fischer auf einen "maximalen Dauerertrag" rechnen, meint die Berichterstatterin im Europaparlament Ulrike Rodust (SPD): "Nach Einführung des Rückwurfverbots werden unsere Fischer ihren Fisch als wirklich nachhaltig vermarkten können."

Industrie-Flotten in der Tiefsee

Alles in allem steht es um den Fisch im Meer heute nicht gut. Mehr als ein Viertel der weltweiten Fischbestände sind laut Welternährungsorganisation FAO überfischt oder zusammengebrochen. Andere Berechnungen kommen zu noch erschreckenderen Zahlen. Auf der Suche nach neuen Fanggründen sind die Industrie-Flotten bis in die Tiefsee vorgedrungen. Zusätzlich ausgezehrt werden Bestände durch illegale Fischerei.

"Es ist klar, dass die Überfischung ein ökologisches Fiaskos und eine ökonomische Sackgasse ist", so Martin Visbeck, Sprecher des Exzellenzclusters. Viele Nationen schwenkten deshalb auf eine schonende Fischerei um. In vielen Regionen sei die ungehemmte Jagd auf den Fisch vorbei. Und auch eine umweltschonende Fischzucht in großem Maßstab halten die Verfasser für möglich. Visbecks Fazit: "Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos."

World Ocean Review

Der Report will den Stand der wissenschaftlichen Kenntnisse popularisieren. Zusammengestellt haben den World Ocean Review neben Wissenschaftlern, Mitgliedern des "Exzellenzclusters Ozean der Zukunft" und Fachautoren auch das International Ocean Institut auf Malta, welches 1972 von der maritimen Legende Elisabeth Mann-Borgese gegründet worden war. Publizistischer Kopf des Projektes ist der nach eigener Auskunft dafür ehrenamtlich tätige Verleger Nikolaus Gelpke ("Mare").

Der World Ocean Review kann kostenlos in gedruckter Form bestellt oder aus dem Internet als Datei heruntergeladen werden unter http://worldoceanreview.com.