Henning Scherfs Plädoyer für eine bessere Pflege

Henning Scherf bei seinem Besuch im Stiftungsdorf Borgfeld der Bremer Heimstiftung.

Foto: epd-bild/Tristan Vankann

Henning Scherf bei seinem Besuch im Stiftungsdorf Borgfeld der Bremer Heimstiftung.

Henning Scherfs Plädoyer für eine bessere Pflege
Große Altenheime sind ihm ein Gräuel. "Pflegefabriken" nennt Bremens Altbürgermeister Henning Scherf verächtlich Häuser mit 100 oder gar 200 Betten. Mit einem neuen Buch streitet er für einen Wandel: "Heime zu Wohngemeinschaften!"

Er lebt selbst in Deutschlands berühmtester Wohngemeinschaft und ist in Bremen als "Omaknutscher" bekannt, weil er gerne Ältere in den Arm nimmt. Das Alter, das ist das Lebensthema von Henning Scherf, der am Dienstag in seiner Heimatstadt sein neuestes Buch mit einer Lesung vorgestellt hat. "Altersreise" lautet der Titel, unter dem der 74-Jährige von einer ganz besonderen Expedition quer durch Deutschland berichtet. Zwischen 2010 und 2012 hat er acht Pflege- und Demenz-Wohngemeinschaften besucht. Die Einsichten des ehemaligen Bremer Regierungschefs machen Mut.

Alles begann im Bremer Stadtteil Borgfeld. Dort hat die örtliche Heimstiftung eine Pflege-Wohngemeinschaft für demenzkranke Ältere eingerichtet, in der Scherf für 14 Tage einzog. "Ich war zunächst voller Sorge, ob ich diese für mich ungewöhnliche Lebenslage aushalten würde", erinnert sich der mehrfache Großvater. Doch es hat geklappt. Der Buchautor berichtet von beglückenden Begegnungen, die sich andernorts ähnlich wiederholten - in Projekten von Bremen bis zum Bodensee.

Auf der Grenze von Verzweiflung und Einsamkeit

Gebetsmühlenartig wiederholt er dabei die Lehre, die er aus dem Schicksal Älterer zieht, die er in großen Heimen dahinvegetieren sah. Häusern, die von ihm verächtlich "Pflegefabriken" genannt werden: "Lass dich nicht überrollen von der Pflegebedürftigkeit, lass dich nicht überraschen", mahnt er bei der Lesung. "Bewahr dich davor, irgendwohin gebracht zu werden, wo du fremd, orientierungslos und perspektivlos bist. Bereite dich darauf vor. Man muss sein Altersleben gestalten, so lange man es noch kann."

Seine Forschertour durch die Alten-WG's nennt er "eine Erfahrungsreise in eine andere Welt", in der es auch Begegnungen gab, die Scherf nachdenklich stimmten. Zum Beispiel die mit dem dementen Herrn Christensen in Bremen, der nur langsam auftaute, dann aber sogar mit einem Glenn-Miller-Song alle in seinen Bann zog. Er habe auf der Grenze von Verzweiflung und Einsamkeit und immer wieder aufflammender Erinnerung gelebt. Mittlerweile sei er gestorben. "Aber er ist mittendrin gestorben, in einer Gesellschaft, die ihm Freude gemacht hat und die anregend war."

Scherf outet sich einmal mehr als leidenschaftlicher Gegner althergebrachter Pflegekonzepte und befürwortet eine dezentrale ambulante Versorgung, fordert einen Stopp weiterer Heimneubauten. Er führt in seinem Reisebuch ein Wort aus der Abrüstung ein: "Wir brauchen eine Konversion", schreibt er, einen grundlegenden Wandel der Pflegelandschaft. "Heime zu Wohngemeinschaften!" Pflegewohngemeinschaften, die maximal zehn Leute zusammenfassen, egal, ob sie nun privat oder institutionell organisiert werden.

Es kommt bis zum Schluss auf's soziale Umfeld an

Er hat sie kennengelernt, von innen. Bei der Bremer Heimstiftung, in der Stiftung Liebenau am Bodensee, bei der St.-Anna-Hilfe in Ravensburg, im "Haus Wümmetal" im niedersächsischen Lauenbrück. "Ich habe dort miterlebt, wie alte Menschen trotz aller körperlicher und geistiger Nöte würdevoll in vertrauter Umgebung und Gemeinschaft leben", pocht Scherf auf seine Einsichten. Und es seien nicht nur Projekte für Wohlhabende.

Scherf weiß inzwischen von mehr als 900 derartigen Initiativen. "Ihr Prinzip ist immer ähnlich: überschaubar und verbunden mit der Nachbarschaft." Ehrenamtliche, Angehörige und andere Generationen seien eingebunden. "Nicht allein sein, im sozialen Umfeld integriert, und das bis zum Schluss - darauf kommt es an."

Letztlich sieht Scherf die Zukunft in der Nachbarschaftshilfe, egal, ob professionell oder ehrenamtlich organisiert. "Diese Hilfe im Kleinen ist die Antwort auf unsere demografische Entwicklung." Sie biete die beste Möglichkeit, möglichst lange selbstständig wohnen zu können. Aber das gibt es nicht ohne Anstrengung, sagt er immer wieder: "Ich kann nur jedem raten, sich Gedanken zu machen. Je gründlicher ich persönlich über das Altsein nachdenke, mit anderen darüber rede, umso weniger fürchte ich mich davor."