Beten kann tödlich sein

Beten Somalia

Foto: Getty Images/Photononstop RM/Pascal Deloche

Beten kann tödlich sein
Ahmed Abdi ist konvertierter Christ und somalischer Flüchtling in Kenia - eine doppelte Minderheit, die gefährlich lebt. Im Islam gelten Abtrünnige als Todsünder, in Kenia gelten Somalier als Terroristen.

Das Buch in Ahmed Abdis Händen sieht fast aus wie ein Koran. "Dann erkennt man nicht direkt, was es ist", erklärt der 38-Jährige. Nur die Aufschrift ist eine andere. "Die Bibel" steht in somalischer Sprache auf dem Deckel.

Ahmed Abdi heißt nicht wirklich so, das Gespräch konnte nicht bei ihm zu Hause stattfinden. Die Glaubensschwester, die er mitbringen wollte, kam nicht. Sie hatte doch zu viel Angst, ihre Geschichte öffentlich zu machen.

Abkehr vom muslimischen Glauben gilt als Todsünde

Im November wurde sie überfallen und schwer am Kopf verletzt. Nachbarn alarmierten Abdi, der die junge Frau ins Krankenhaus brachte. Dann organisierte er ihren Umzug und beschaffte ihr eine neue Telefonnummer. Später fand er heraus, dass die Täter im Auftrag ihrer Familie gehandelt hatten.

Abdi und die junge Frau wohnen im somalischen Viertel der kenianischen Hauptstadt Nairobi, in Eastleigh. Fast alle Somalier sind Muslime. Im Islam gilt die Abkehr vom muslimischen Glauben als eine Todsünde. Auch Abdi wird deshalb von seiner Familie verfolgt. "Meine Familie fühlt sich von mir verraten", versucht er den Hass zu erklären.

Abdi hat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. "Aber in unserer Kultur wirst du so eng mit der Familie groß, dass du ohne sie gar nicht sein kannst", schildert er sein Dilemma. Die Einsamkeit, die seinen Alltag begleitet, steht dem fast erschreckend hageren Mann plötzlich ins Gesicht geschrieben, gemischt mit dem Ausdruck tiefer Traurigkeit.

"Haben die Menschen im Islam einen unterschiedlichen Wert?"

Alles fing im Sommer 2005 mit ein paar Fragen an, die er plötzlich nicht mehr los wurde. "Warum kann ich als Somalier nicht in meiner Muttersprache beten, sondern muss arabisch sprechen?", war eine davon. Oder: "Warum dürfen Männer vier Frauen heiraten, aber Frauen nicht vier Männer? Haben die Menschen im Islam einen unterschiedlichen Wert?" Weil ihm niemand antworten konnte, suchte er im Internet. Dort las er immer mehr über das Christentum und stieß schließlich auf eine Seite somalischer Christen.

Nachdem er eingehend überprüft worden war, wurde er schließlich an einen christlichen Prediger in Nairobi verwiesen. "Alle Internetseiten somalischer Christen werden aus dem Ausland geführt", erzählt Abdi. Erst wenn den Betreibern ein Suchender glaubwürdig erscheint, vermitteln sie den Kontakt. Alles andere wäre zu gefährlich. Auch danach hängt das Leben der Gläubigen davon ab, dass sie im Untergrund bleiben und möglichst keine Fehler machen, durch die sie sich als Christen verraten.

"Wir können nicht in Kirchen gehen, sondern treffen uns immer in Privathäusern", erzählt Abdi. Es gebe in Kenia etwa 100 somalische Christen, schätzt er. Aber die Andachten finden immer nur in kleinsten Gruppen statt. "Und wir müssen immer leise sprechen, auch wenn wir beten oder singen", ergänzt er. "Denn die Wohnungen sind hellhörig, und niemand darf mitbekommen, was wir tun." Selbst an Weihnachten könne er seiner Freude über Christi Geburt nicht lautstark Ausdruck verleihen.

"Die beiden verwarnten mich, statt mich direkt umzubringen"

Abdis Familie muss über Hörensagen von seinem neuen Glauben erfahren haben. Im November 2011 studierte er in der kenianischen Stadt Eldoret an einer christlichen Hochschule Theologie, er war im zweiten Semester. Seiner Familie hatte er nichts davon erzählt. Dennoch standen sein Vater und sein jüngerer Bruder eines Morgens in seinem Zimmer. Sie sahen seine Bibel, durchsuchten dann sein Handy und fanden Nachrichten christlichen Inhalts.

"Ich hatte noch unheimliches Glück", sagt Abdi. "Die beiden verwarnten mich, statt mich direkt umzubringen." Abdi brach das Studium sofort ab, zog am nächsten Tag um, wechselte die Telefonnummer. Sein größter Wunsch ist jetzt, Kenia zu verlassen und sein Studium anderswo fortzusetzen. In einem Land, in dem keine Somalier leben.

Bis dahin muss er wohl oder übel in Eastleigh bleiben. "Ich kann in kein anderes Viertel ziehen", sagt er. "Weil ich Somalier bin, hält mich jeder Kenianer für einen Terroristen." Die radikale somalische Al-Schabaab-Miliz verübt auch in Kenia immer wieder Anschläge. Bisweilen fällt der Mob dann willkürlich über irgendeinen Somalier her. Dass sich daran auch Christen beteiligen, macht Ahmed noch einsamer, als er ohnehin schon ist.