Furcht vor der Rückkehr der Warlords am Hindukusch

Furcht vor der Rückkehr der Warlords am Hindukusch

Foto: dpa/S. Sabawoon

Furcht vor der Rückkehr der Warlords am Hindukusch
Afghanistan steht vor einer ungewissen Zukunft. Einst mächtige Männer lassen wieder die Muskeln spielen, während die NATO ihren Truppenabzug einleitet. Und die Taliban schwächen die Karsai-Regierung weiter mit tödlichen Anschlägen.

"Nein", sagt Mohammad Scherin und schüttelt den Kopf. Parlaments- oder Präsidentenwahlen erwartet der Mann mit dem winzigen Kleiderladen in Kabul so bald nicht. "Ich glaube nicht, dass wir jemals wieder eine Wahl haben werden", sagt der 38-Jährige. Nach dem Abzug der NATO-Kampftruppen 2014 befürchtet er große Probleme in Afghanistan. Schon jetzt verschlechtere sich die Sicherheitslage von Tag zu Tag. Auch dass die meisten Ausländer Afghanistan verlassen, wertet er als schlechtes Zeichen.

Die NATO ist dabei, sich nach elf Jahren westlicher Truppen-Präsenz am Hindukusch zu verabschieden. Der von langer Hand vorbereitete, schrittweise Abzug erschien in den vergangenen Monaten eher als eilige Flucht. Im Februar 2012 hatte US-Verteidigungsminister Leon Panetta erstmals öffentlich erklärt, dass Amerika sich aus seiner Kampf-Rolle in Afghanistan zurückziehen werde. Und dass die amerikanischen Soldaten das Land bereits Mitte 2013 - also mehr als ein Jahr früher als angekündigt - verlassen.

Präsidentenwahl kurz nach Abzug der NATO

Frankreich hat bereits im November 2012 seine Afghanistan-Mission beendet. Deutschlands Afghanistan-Mandat läuft im März 2014 aus - kurz vor dem Termin, den Staatschef Hamid Karsai für die nächste Präsidentenwahl ansetzte.

Das nahe Ende des Afghanistan-Engagement der NATO weckt am Hindukusch Besorgnis: Die Attentate der radikal-islamischen Taliban reißen nicht ab. Die afghanischen Sicherheitskräfte erscheinen oft hilflos und nicht willens, gegen die Aufständischen vorzugehen. Korruption und Vetternwirtschaft sind alltäglich. Und all die verschiedenen politischen und ethnischen Gruppen scheinen sich bereits auf das Ende der westlichen Präsenz einzustellen.

Prinz Ali Seradsch, ein Nachfahre des letzten afghanischen Königs, ist pessimistisch. Er rechnet wieder mit Bürgerkriegen. Der Norden werde gegen den Süden kämpfen, die einzelnen Gruppen gegeneinander, sagt er. Und es werde noch schlimmer sein als beim letzten Bürgerkrieg in den 90er Jahren. Seradsch: "Es gibt jetzt noch viel mehr Waffen. Jedes Haus ist bis an die Zähne bewaffnet."

Warlords bereiten sich auf Abzug vor

Seradsch hält den angesetzten Wahltermin im April 2014 für unrealistisch. "Es wird sehr, sehr schwierig werden, faire, transparente und glaubwürdige Wahlen abzuhalten." Schlechter hätte man den Termin nicht wählen können, meint er: "Wir haben den Abzug der NATO-Truppen und Wahlen gleichzeitig."

Afghanistans mächtige und einflussreiche Männer bereiten sich auf ihre Weise auf den Abzug der NATO vor. Ismail Khan, ein früherer Mudschaheddin-Kommandeur gegen die sowjetischen Truppen in den 80er Jahren, schlug vor, die alten Kampfeinheiten neu zu beleben. Bei einem Treffen in Herat sagte der weißbärtige Politiker, der früher eine Schlüsselfigur der Nord-Allianz war, die NATO habe darin versagt, das Land zu beschützen. Er arbeite daher mit anderen daran, eine neue Miliz aufzustellen.

Für die meisten Afghanen sind es düstere Perspektiven, dass die alten Mudschaheddin-Warlords wieder an Macht gewinnen wollen. Der Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Fraktionen war so grausam und blutig, dass vielen die Machtübernahme der Taliban 1996 wie ein Segen erschien. Könnte Afghanistan nun nach einem Jahrzehnt Wiederaufbau mit Stärkung einer Zentralregierung nach westlichem Vorbild tatsächlich wieder in den Bürgerkrieg abgleiten?

Taliban schwächen weiter die Regierung

Währenddessen schwächen die Taliban weiter die Karsai-Regierung, indem sie systematisch hohe Funktionäre, Polizei-Kommandeure und wichtige Politiker ermorden. Anfang Dezember versuchte ein Taliban-Attentäter, den mächtigen Geheimdienstchef Asadullah Khalid mitten in Kabul zu töten. Der enge Vertraute von Karsai, der schon fünf Anschläge überlebte, wurde schwer verletzt.

Khalid gilt als Mann fürs Grobe: Ihm werden Verstrickung in den Opium-Handel, Mord, Kidnapping und Folter vorgeworfen. Doch Karsai braucht diesen Schatten-Mann als Vermittler im Süden des Landes, wo die Taliban den Ton angeben.