Testsysteme statt Chimären - Zehn Jahre Stammzellforschung

epd/Jörn Neumann

Kolonie von undifferenzierten humanen embryonalen Stammzellen im Institut für Neurophysiologie der Universität Köln.

Testsysteme statt Chimären - Zehn Jahre Stammzellforschung
Grauenhafte Chimären werden geschaffen, warnten die einen. Etliche Krankheiten können geheilt werden, prophezeiten andere. Zehn Jahre nach Verabschiedung des deutschen Stammzellgesetzes ist klar, dass es vor allem eines gab - und geben wird: viele kleine Schritte.
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Als es gelang, menschliche embryonale Stammzellen im Labor zu züchten, kam Goldgräberstimmung auf. Nah schien das Ziel, nach Belieben Gewebe zu züchten, um Krankheiten zu heilen. Für die Zellen mussten Embryonen zerstört werden. Deshalb mehrten sich die Stimmen, die ein Verbot der Technik forderten. Der Bonner Stammzellforscher Prof. Oliver Brüstle stand lange im Zentrum einer sehr emotional geführten Debatte um Forschungsfreiheit und Schutz des Lebens.

"Insgesamt kann man sagen: Es wurde nicht auf's falsche Pferd gesetzt. Wir haben nicht viel Aufregung durchlebt für nichts", sagt er nun, zehn Jahre nach Verabschiedung des deutschen Stammzellgesetzes am 25. April 2002."Die Sorge vieler ist gewesen, wenn auch zu Unrecht: Wenn erst mal die Therapien stehen, beginnt das große Embryonenschlachten", sagt Prof. Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. "Auch die Chimäre aus Affe und Mensch ist ein theoretisches Modell geblieben", ergänzt Prof. Jürgen Hescheler von der Universität Köln. "Andere Befürchtungen haben sich als ebenso haltlos erwiesen."

Neuer Stichtag für Stammzellgewinnung

Seit Inkrafttreten des Gesetzes zum Import embryonaler Stammzellen vor zehn Jahren haben 70 Forschungsinstitute und Privatunternehmen vom Robert-Koch-Institut eine Genehmigung zur Einfuhr dieser Zellen erhalten. Zwei Anträge seien seit 2002 abgelehnt worden, teilte das Robert-Koch-Institut als zentrale Genehmigungsstelle am Dienstag auf Nachfrage mit. Einen sprunghaften Anstieg der Anträge habe es seit der Stichtagsänderung im Jahr 2008 gegeben.

Die Forschung an embryonalen Stammzellen ist ethisch umstritten, weil dafür Embryos getötet wurden. Die Stammzellgewinnung ist in Deutschland verboten. Mit den in der Vergangenheit liegenden Stichtagen soll das Ziel verfolgt werden, keinen Anreiz zur Herstellung embryonaler Stammzellen im Ausland zu setzen.

2008 wurde der Stichtag im Gesetz verändert, weil Wissenschaftler darüber klagten, dass die alten Stammzelllinien für die Forschung nicht so gut geeignet sind wie die damals neueren. Seitdem dürfen für Forschungszwecke Zellen importiert werden, die vor dem 1. Mai 2007 gewonnen wurden. Zudem machen sich deutsche Wissenschaftler nicht mehr strafbar, wenn sie im Ausland an Zellen forschen, die sie in Deutschland nicht benutzen dürften.

Die katholische Kirche lehnte 2008 eine Verschiebung des Stichtags strikt ab. Der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hielt dagegen eine einmalige Veränderung des Stichtags für verantwortbar.

Die neuen Stammzellen: Kein Töten von Embryonen mehr

Die Forschung hat allerdings einen Verlauf genommen, der 2002 wohl kaum zu erahnen war: Zum einen erwiesen sich die embryonalen Stammzellen (ES) als widerspenstiger denn angenommen, zum anderen veränderte sich die Forschungslandschaft extrem, als die Japaner Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka 2006 eine atemberaubende Alternative präsentierten: induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Die Zellen waren aus Körperzellen in eine Art embryonalen Zustand zurückversetzt worden. Wie die ES-Zellen konnten sie sich zu jedem Zelltyp entwickeln - jedoch ohne ethische Probleme bei der Herstellung.

"Ich habe das Labor damals in weiten Teilen umstrukturiert, weil mir klar war: Das ist eine Revolution, ein neuer Baustein in der Stammzellforschung, auf den man nicht verzichten kann", sagt Prof. Brüstle. Vor allem für Krankheitsmodelle hätten iPS-Zellen entscheidende Vorteile. "Wenn man verstehen möchte, wie sich eine auf mehreren Genveränderungen beruhende Erbkrankheit ausbildet, lassen sich dafür sehr elegant aus einzelnen Haut- oder Blutzellen Stammzellen machen", erklärt Tobias Grimm, Programmdirektor in der Gruppe Lebenswissenschaften bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Die iPS-Zellen haben Brüstle zufolge allerdings auch einen Nachteil: Sie seien genomisch so alt wie der Körper, aus dem sie entnommen wurden. "Wenn sie eine Haut- oder Blutzelle eines 50 Jahre alten Patienten reprogrammieren, dann trägt diese iPS-Zelle alle Mutationen, die sich im Lauf des Alterungsprozesses natürlicherweise während dieser 50 Jahre angehäuft haben." Diese Schäden erhöhten das Risiken etwa für Krebs.

Umwandeln von Zelltypen direkt am Körper

Als Meilenstein wird von der Forschergemeinde ein neues Verfahren gesehen, bei dem Körperzellen direkt - also ohne Umweg über pluripotente Zellen - in einen anderen Zelltyp umgewandelt werden. "Das wird möglicherweise in Zukunft die Methode der Wahl sein", sagt DFG-Experte Grimm. Zusammen mit ES- und iPS-Zellen gehört diese Technik nach Meinung Brüstles zu den drei Gebieten, aus denen sich Wissenschaftler künftig bedienen. Langfristig entwickle sich die direkte Konversion in Richtung von In-vivo-Applikationen - der Umwandlung von Zelltypen direkt im Körper. "Auch da gibt es schon erste Studien", erläutert Brüstle. So habe ein US-Team einen Zelltyp in der Bauchspeicheldrüse in Insulin-bildende Zellen umgewandelt.

Vor allem die Kirchen dürfte diese Entwicklung freuen. Der Vatikan hat wiederholt Regierungen scharf kritisiert, die die Forschung an ES-Zellen fördern. Gewinnung und Verbrauch von Embryonen seien heute genauso abzulehnen wie vor zehn Jahren, an der Einschätzung habe sich nichts geändert, sagt Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz.