Medizinrechtler: Neues Gesetz hätte Organspende-Skandal nicht verhindert

Medizinrechtler: Neues Gesetz hätte Organspende-Skandal nicht verhindert
Das neue Transplantationsgesetz, das am Mittwoch in Kraft tritt, hätte nach Ansicht des Medizinrechtsexperten Hans-Ludwig Schreiber den aktuellen Organspende-Skandal auch nicht verhindert. "Gegen Betrüger ist man nicht gefeit", sagte der Ehrenvorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer am Dienstag in Hannover dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er empfahl jedoch, bessere Kontrollen einzurichten.
31.07.2012
epd
Corinna Buschow

Es könne helfen, ein Vier-Augen-Prinzip einzuführen, sagte Schreiber. Nach den Unregelmäßigkeiten am Universitätsklinikum Göttingen waren Forderungen laut geworden, wonach künftig ein zweiter Arzt die Befunde des ersten kontrolliert, bevor eine Organspende vonstattengehen kann. Prinzipiell gebe es am deutschen System der Organspende aber nichts auszusetzen, sagte Schreiber.

Der 79-Jährige fürchtet allerdings, dass durch den Skandal die Organspendebereitschaft der Deutschen sinkt: "Die Debatte kommt zum ungünstigsten Zeitpunkt." Im November tritt die Entscheidungslösung in Kraft, nach der jeder Bürger sich für oder gegen eine Organspende bekennen soll. Einen Zwang dazu gibt es jedoch nicht. Derzeit warten in Deutschland rund 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan.

Wenn es Betrug gab, "dann gibt es weitere Fälle"

Von Mittwoch an gelten bereits die Änderungen am Transplantationsgesetz. Jedes Krankenhaus, in dem Organe entnommen werden können, muss dann einen Transplantationsbeauftragten bestellen, der den Organspende-Ablauf koordiniert.

Strafrechtler Schreiber sagte, der jüngste Organspende-Skandal "tut mir weh". In Göttingen sollen Laborwerte von Patienten, die auf eine Spenderleber warten, manipuliert worden sein. Dadurch rutschten sie auf den Wartelisten für Organe nach oben und wurden schneller operiert. Die Staatsanwaltschaften in Braunschweig und Göttingen ermitteln gegen den Leiter der Transplantationsmedizin und den Leiter der Abteilung für Gastroenterologie.

Schreiber lehrte als Professor an der Göttinger Universität und war von 1992 bis 1998 auch deren Präsident. Er habe gute Kontakte zu den Transplantationsmedizinern. "Es sind alles gute Ärzte", sagte Schreiber. Wie der Betrug geschehen konnte, könne er immer noch nicht verstehen. Für ihn steht indes fest: "Wenn das alles stimmt, gibt es mit Sicherheit weitere Fälle in anderen Krankenhäusern."