Bundespräsident Gauck besucht das Evangelische Stift in Tübingen

Bundespräsident Gauck besucht das Evangelische Stift in Tübingen
Geistige Kaderschmiede Württembergs: Im Evangelischen Stift in Tübingen schließt Bundespräsident Joachim Gauck an diesem Donnerstag einen eintägigen Antrittsbesuch in Baden-Württemberg ab. Es ist sein zweiter öffentlicher Besuch dort: Im Februar 1998 hatte er im Stift als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen gefordert, keinen Schlussstrich unter das Unrecht der SED-Diktatur zu ziehen.

Das Stift, in seiner Art einmaliges Wohn- und Studienhaus für evangelische Württemberger, hat die europäische Geistesgeschichte geprägt und in mehr als 450 Jahren als "Pflanzstätte schwäbischen Geistes" namhafte Denker, Dichter und Wissenschaftler hervorgebracht.

Friedrich Hölderlin (1770-1843) und Eduard Mörike (1804-1875) waren Stiftler, so auch die Theologen Johann Albrecht Bengel (1687-1752) und Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782) und die Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Schelling (1775-1854). Auch der Mathematiker und Astronom Johannes Kepler (1571-1630) und der Erfinder Wilhelm Schickhardt (1592-1635), der 1623 die erste funktionierende Rechenmaschine der Welt ersann, verbrachten Studienjahre in dem Stift.

Gegründet wurde das Haus 1536 durch den württembergischen Herzog Ulrich, der zwei Jahre zuvor in seinem Land die Reformation eingeführt hatte. Ulrich brauchte eine einheitlich und gut ausgebildete Pfarrer- und Beamtenschaft. Das Stift hat dann auch maßgeblich dazu beigetragen, dass das kleine Württemberg rasch in eine führende Stellung unter den protestantischen Reichsständen hineinwuchs.

Die Räume eines ehemaligen Augustiner-Eremitenklosters bevölkern heute bis zu 185 Studenten, die zumeist das evangelische Pfarramt oder das Lehramt an Gymnasien anstreben. Wer ins Stift will, muss sich dafür mit einem überdurchschnittlich guten Abitur qualifizieren. Selten sind alle "Stiftler" gleichzeitig im Haus, denn viele absolvieren auch Auswärtssemester.

Die Stipendiaten wohnen für neun Semester im Stift, sie werden verpflegt und von derzeit acht "Repetenten" - so heißen die wissenschaftlichen Begleitkräfte - begleitet, betreut und auch gefordert: Neben ihren universitären Verpflichtungen haben sie regelmäßig zusätzliche Arbeiten vorzulegen.

Die Stiftler empfanden sich häufig als Speerspitze des Fortschritts, sie fielen immer wieder durch ihre Aufmüpfigkeit auf. Der frühe Pietismus hatte dort bereits eine Heimstätte, als er noch als revolutionäre Untergrundbewegung gesehen wurde. Später wurden hier - zum Verdruss der Obrigkeit - die Schriften der französischen Revolution begeistert gelesen. Es soll sogar nach französischem Vorbild ein Freiheitsbaum gepflanzt worden sein.

Autor*in
Keine Autoren gefunden

In den unruhigen 1970er Jahren war das Stift als "linke Kaderschmiede" verschrien und ernsthaft in seinem Bestand bedroht. 1973 billigte die damalige evangelische Landessynode mit nur drei Stimmen Mehrheit die zum Weiterbestehen notwendigen Gelder.

Nun freut sich das Stift auf den prominenten Gast. "Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren", verrät Küchenleiter Michael Breit. Er erinnert sich noch an Joachim Gaucks Besuch 1998, aber auch an die Visite durch den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau 2004. Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist bis heute Kuratoriumsmitglied des Stifts.

Meldungen

Top Meldung
Predigt schreiben braucht viel Zeit
Einen anderen Umgang mit kirchlichen Ressourcen fordert der evangelische Theologieprofessor Heinzpeter Hempelmann. Der größte Teil der personellen Ressourcen - nämlich die Pfarrer:innen - werde zur Versorgung eines immer kleiner werdenden Teils der Kirchenmitglieder eingesetzt.

Serie weiterlesen

Vorheriger Beitrag
Artikel
10.04.2012
Nächster Beitrag
Artikel
24.04.2012