EKD sollte eine neue politische Rolle spielen

Porträt von Karl-Hinrich Manzke
epd-bild/Jens Schulze/Jens Schulze
2024 wurde Karl-Hinrich Manzke, bis dato schaumburg-lippischer Landesbischof, in den Ruhestand verabschiedet.
Früherer Landesbischof Manzke
EKD sollte eine neue politische Rolle spielen
Der frühere evangelische Landesbischof Manzke fordert von seiner Kirche einen Kurswechsel im Umgang mit gesellschaftlicher Polarisierung. Statt eine bestimmte politische Haltung zu zeigen, müsse sie stärker vermitteln.

Der evangelische Theologe Karl-Hinrich Manzke erwartet von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Debatte über ihre gesellschaftspolitische Rolle. Die zunehmende Polarisierung besonders in politischen Debatten mache eine neue Vermittlungsrolle der Kirche dringlich, sagte der frühere schaumburg-lippische Landesbischof. "Es gibt in der Gesellschaft eine gefährliche Tendenz zur Verunglimpfung anderer Positionen." Die Kirche sei gefragt, dieser Entwicklung aktiv entgegenzuwirken und zu helfen, einen gesellschaftlichen Diskurs über die großen politischen Streitfragen zu ermöglichen.

Die Kirche habe sich in den vergangenen Jahren zu sehr darauf konzentriert, eher aus einer Beobachterrolle öffentlich Position zu beziehen und Haltung anzumahnen. Sie müsse sich darüber hinaus wie früher wieder stärker auf ihre vermittelnde und versöhnende Aufgabe besinnen.

Für einen solchen Kurswechsel sei zunächst eine grundlegende innerkirchliche Debatte nötig. Manzke, der bis April der Beauftragte der EKD für die Bundespolizei-Seelsorge war, ist Co-Autor des Buches "Mitten drin statt außen vor! - Zur Rolle der evangelischen Kirche in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft". Der Zustand der Demokratie ist auch Schwerpunktthema bei der diesjährigen Synode der EKD vom 6. bis 11. November in Würzburg.

Mehr Realismus statt Idealismus

"Demokratieförderung ist mehr als Plakate malen und Positionen benennen", sagte Manzke. Es gehe darum, in Städten und Dörfern Menschen mit gegensätzlichen politischen Überzeugungen miteinander ins Gespräch zu bringen und so zur Meinungsbildung beizutragen. Die Kirche sei in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus präsent und habe deshalb besondere Möglichkeiten, Verständigung zu fördern.

Oft seien politische Forderungen der Kirche derzeit geprägt von einem gesellschaftlichen Idealbild. "Der Protestantismus war immer in der Lage, die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen und trotzdem eine Perspektive für diese Gesellschaft zu sehen", sagte Manzke. Das fehle derzeit.

Der Theologe monierte, dass die EKD zum Beispiel in der Migrationsdebatte andere politische Positionen sehr schnell moralisierend verunglimpfe und skandalisiere. Die Kirche habe seit 2015 in ihren Äußerungen notwendige Fragen nach Innerer Sicherheit und der Regulierung von Zuwanderung nicht ausreichend berücksichtigt.

Nicht moralisieren und skandalisieren

Die evangelische Kirche dürfe berechtigte Fragen zur Sicherheit und zur Regelung von Zuwanderung nicht pauschal als unbarmherzig oder menschenrechtsfeindlich verurteilen. "Das ist eine Moralisierung und Skandalisierung, die die evangelische Kirche nicht hätte tun sollen und die sie beenden sollte", sagte der 68-Jährige. Denn damit habe sie gerade nicht durch eine notwendige Debattenoffenheit Demokratie gefördert, sondern gesellschaftliche Polarisierung vertieft.

Der frühere Landesbischof plädierte dafür, auch mit Menschen ins Gespräch zu kommen, deren politische Überzeugungen der Kirche zunächst fremd seien. Das gelte ausdrücklich auch für Wählerinnen und Wähler der AfD und der Linken - sowie für gesprächsbereite Mitglieder der beiden Parteien. Die Kirche müsse und dürfe dabei ihre klare Abgrenzung gegenüber rassistischen, antisemitischen und extremistischen Positionen natürlich nicht aufgeben. Sie solle aber "auch denen zuhören, die deutliche Kritik an den politischen Grundentscheidungen der letzten Jahre äußern", ohne deren Anliegen sofort zu skandalisieren.