Wie kann die Zukunft von Kirchengebäuden gestaltet werden?

Maria Rammelmeier
Friedrich Schmidt
Maria Rammelmeier forscht unter anderem zu Kirchengebäuden und Sakralräumen an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.
Gastbeitrag
Wie kann die Zukunft von Kirchengebäuden gestaltet werden?
Immer mehr Kirchengebäude werden nicht mehr wie bisher gebraucht. Die Sozial- und Regionalwissenschaftlerin Dr. Maria Rammelmeier zeigt anhand ihrer Forschung, warum frühe Beteiligung, kulturelle Nutzungserweiterung und lokale Netzwerke für ihre Zukunft entscheidend sind.

Was passiert mit Kirchengebäuden, wenn sie für Gottesdienste nicht mehr oder nur noch teilweise gebraucht werden? Verkaufen, umnutzen, die Nutzung erweitern – oder ganz neue Wege gehen? Diese Fragen beschäftigen mich als Sozial- und Regionalwissenschaftlerin seit mehreren Jahren in meiner Forschung. Und ich bin überzeugt: Wir sollten sie stellen, solange vor Ort noch Gestaltungsspielraum besteht.

Auf der Tagung des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege "Wie weiter mit unseren Kirchengebäuden und Klöstern?" wurde erneut deutlich, wie vielschichtig die Zukunft von Kirchengebäuden ist. Denn es geht nicht nur um Immobilien, Sanierungskosten oder Leerstand. Kirchen und Klöster sind Orte, mit denen Menschen persönliche Erinnerungen, Ortsgeschichte und Identität verbinden – oft auch dann, wenn sie selbst längst nicht mehr regelmäßig am kirchlichen Leben teilnehmen.

Dass die Diskussion inzwischen an Fahrt aufnimmt, hat mehrere Gründe. Mitgliederzahlen sinken, finanzielle und personelle Ressourcen werden knapper, Gemeinden werden zusammengelegt und Pfarrstellen können nicht mehr überall besetzt werden. Zugleich verändert sich die gesellschaftliche Bedeutung von Kirche. Prognosen zeigen, dass von rund 45 000 Kirchengebäuden schätzungsweise 30 bis 50 Prozent in den kommenden Jahren nicht mehr für Gottesdienste benötigt werden.

In anderen europäischen Ländern, etwa in England oder den Niederlanden, hat die Umnutzung von Kirchengebäuden schon vor Jahrzehnten begonnen. In Deutschland und besonders in ländlichen Gebieten ist diese Entwicklung später angekommen. Doch auch hier mehren sich die Fälle, in denen die Frage gestellt werden muss: Wie geht es mit dem Gebäude und unserer Kirche vor Ort weiter? 

Kulturelle Nutzung von Kirchen: Was Forschung zeigt

Ich forsche zur Transformation und kulturellen Nutzung von Kirchgebäuden aus sozial- und regionalwissenschaftlicher Perspektive und war zuletzt im Projekt "Kultur unterm Kirchturm: Raumwissenschaftliche Zugänge" am Vechta Institute of Sustainability and Transformation in Rural Areas (VISTRA) der Universität Vechta in Kooperation mit der Augustana Hochschule Neuendettelsau tätig. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat.

Meine Forschung zeigt: Für die Zukunft eines Kirchengebäudes ist nicht allein die neue Nutzung entscheidend, sondern vor allem, welche Menschen daran beteiligt sind und welche Netzwerke rund um den Ort entstehen. Der Impuls für das Engagement kommt vorwiegend von außen, das heißt von Kulturschaffenden, Engagierten oder beispielsweise kommunalen Akteuren.

Es sind Menschen, die "ihre" Kirche erhalten wollen, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit. Die untersuchten kulturell genutzten evangelischen Kirchen befanden sich in fünf Bundesländern und in sozioökonomisch schwächeren ländlichen Regionen.

Im Mittelpunkt standen Orte, an denen nicht nur gelegentlich ein Weihnachtskonzert oder eine Osterpassion stattfindet, sondern an denen ein regelmäßiges Kulturprogramm mit Musik, Theater, Literatur, Kunst oder anderen Formaten von Engagierten vor Ort entwickelt wurde. Die Schwerpunkte meiner Arbeit zur Sakralraumtransformation liegen in den Netzwerkanalysen, der Entwicklung von Regionen und ländlichen Räumen und dem kulturellen Engagement. Die Befunde wurden in zahlreichen internationalen und nationalen Magazinen veröffentlicht. 

Jede Gemeinde bringt andere Voraussetzungen mit

Ein Ergebnis ist dabei besonders wichtig: Es gibt nicht das eine Modell, das sich einfach von einem Ort auf den anderen übertragen lässt. Jede Kirche, jede Gemeinde und jede Region bringt andere Voraussetzungen mit. Entscheidend ist vielmehr, wer sich beteiligt und wie offen die Zusammenarbeit gestaltet wird. Bleibt eine kulturelle Nutzung weitgehend im innerkirchlichen Kreis und ist vorwiegend auf Hochkultur ausgerichtet, kann sie trotz guter Absichten exklusiv bleiben. Wo dagegen Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen – aus Kirche, Kultur, Kommune, Regionalentwicklung, Vereinen oder der Bürgerschaft –, entstehen breitere Netzwerke und Beteiligungsmöglichkeiten. Und genau diese Vielfalt kann dazu beitragen, dass ein Kirchenraum wieder stärker im Ort verankert wird.

Das bedeutet auch: Öffnung meint mehr als Ökumene oder zusätzliche kirchliche Angebote. Es geht darum, gesellschaftliche Gruppen einzubeziehen, die bislang vielleicht wenig Berührung mit Kirche hatten. Das können Kulturschaffende sein, soziale Initiativen, Jugendliche, Vereine oder andere Engagierte. Auch Gemeinwesen-orientierte und diakonische Nutzungen gehören dazu, wie niedrigschwellige Angebote, Beratung, Tafeln oder soziale Treffpunkte. Damit verändert sich die Wirkung im Sozialraum: Die Kirche richtet sich nicht mehr nur an diejenigen, die zum Gottesdienst kommen, sondern wird für weitere Gruppen relevant.

Umnutzung oder Nutzungserweiterung?

In meiner Arbeit ist die Unterscheidung zwischen Umnutzung und Nutzungserweiterung wichtig. Nicht jede Veränderung eines Kirchenraums bedeutet automatisch Profanierung oder Verkauf. Nutzungserweiterung kann heißen, dass Gottesdienste weiterhin stattfinden, daneben aber andere Veranstaltungen oder Angebote möglich werden. Auch bauliche Veränderungen – etwa eine flexible Bestuhlung oder eine bessere Beheizung – können neue Nutzungen erleichtern, ohne dass der sakrale Charakter des Gebäudes vollständig aufgegeben wird. Gerade solche hybriden und multifunktionalen Modelle aus Gottesdienst, Kultur und sozialen Angeboten bieten die Chance, frühzeitig auszuprobieren, was an einem Ort funktioniert.

Umgebaute Gebäude und architektonische Lösungen zeigen darüber hinaus, was alles möglich ist. Im ehemaligen Kloster Beuerberg etwa wurden historische Räume neu genutzt, ohne die Geschichte des Ortes einfach zu überdecken. Tagung, Gastronomie, Beherbergung, Ausstellungen und die Auseinandersetzung mit der religiösen Tradition greifen dort ineinander. Solche Beispiele wie sie auch in der Publikation "500 Kirchen – 500 Ideen", herausgegeben 2017 von der EKM und der Internationalen Bauausstellung (IBA), gezeigt werden, verdeutlichen wie weit das Spektrum reichen kann: von der Herbergskirche über Coworking- oder Kletterkirchen bis zu Kultur- und Begegnungsorten.

Die "Phase null": Handeln, bevor die Kirche leer steht

Gleichzeitig sollte das Nachdenken über die Zukunft einer Kirche deshalb nicht erst beginnen, wenn ihr Verkauf oder Umbau bereits beschlossen ist. Besonders wichtig ist die sogenannte "Phase null" – also die Zeit, in der das Gebäude noch regulär genutzt wird, aber bereits absehbar ist, dass sich etwas verändern muss. Genau hier liegen die größten Handlungsmöglichkeiten. Noch kann gefragt werden: Was braucht der Ort? Welche Bedeutung hat die Kirche für die Bevölkerung? Welche Nutzungen fehlen? Wer möchte sich engagieren? Und wer muss an den Entscheidungen beteiligt werden?

Diese Phase ist nicht einfach. Kirchengebäude sind emotional besetzt, und unterschiedliche Interessen treffen aufeinander. Kirchengemeinde, Pfarrperson, Kirchenverwaltung oder Diözese, Kommune, Vereine, Kulturschaffende und Bevölkerung können ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was mit einem Gebäude geschehen soll. Deshalb braucht es nicht nur gute Ideen, sondern auch Aushandlung. Eine externe Moderation kann helfen, solche Prozesse zu begleiten, gerade wenn Konflikte entstehen. Erfolgreich wird ein Prozess eher dann, wenn verschiedene Perspektiven zusammenkommen: die Ideen und Bedürfnisse der Menschen vor Ort ebenso wie die Entscheidungen und Rahmenbedingungen der kirchlichen Ebenen.

Wer muss bei der Zukunft einer Kirche mitreden?

Immer wieder zeigt sich zudem, wie wichtig einzelne Schlüsselpersonen sind, sie heißen in der Literatur auch "first mover". Oft sind das Menschen, die eine Idee "leidenschaftlich" verfolgen, andere mitnehmen und Netzwerke aufbauen. Das kann eine Pfarrperson sein, ein Kulturschaffender, eine Bürgermeisterin, ein engagierter Verein oder jemand, der neu in einen Ort gezogen ist und einen anderen Blick mitbringt. Diese Personen können viel bewegen. Gleichzeitig macht ihre Bedeutung Projekte verletzlich, wenn zu viel Wissen, Motivation und Verantwortung an einzelnen Personen hängen bleibt.

Kultur kann deshalb auch nicht flächendeckend Kirchen "retten". Das wäre aus meiner Sicht eine falsche Erwartung. Finanzierung und Gebäudeunterhalt bleiben Herausforderungen, und nicht überall gibt es Menschen, die dauerhaft Verantwortung für ein Kulturprogramm übernehmen können und wollen.

Bei allen Diskussionen über Kirchengebäude dürfen diejenigen, die in und mit Kirche arbeiten, nicht fehlen. Wenn über die Zukunft dieser Orte gesprochen wird, braucht es Pfarrerinnen und Pfarrer ebenso wie Ehrenamtliche, junge Menschen und Menschen, die bisher wenig mit Kirche zu tun haben. Gerade die junge Generation sollte früh beteiligt werden. Schließlich wird sie in einigen Jahrzehnten mit den Entscheidungen leben, die heute getroffen werden.

Kirchen als mögliche Zukunftsorte für Demokratie

Kirchen können mehr sein als Orte für Gottesdienst oder Kultur. Sie können Räume der Begegnung werden – Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen, miteinander ins Gespräch kommen und Verantwortung für ihren Ort übernehmen. In der Debatte um "Dritte" und "Vierte" Orte, Zukunftsorte, Allzeitorte, Verständigungsorte oder Erfahrungs- und Erprobungsräume liegt deshalb auch eine gesellschaftliche und demokratische Dimension. Gerade in ländlichen Regionen, in denen Treffpunkte verschwinden und öffentliche Räume knapper werden, kann ein offener Kirchenraum eine wichtige Funktion für Demokratie und Resilienz übernehmen. 

Das setzt allerdings voraus, dass eine soziale und institutionelle Öffnung tatsächlich gewollt ist. Wenn Kirche möchte, dass Menschen Verantwortung übernehmen und neue Nutzungen entwickeln, braucht es dafür Vertrauen, Freiräume und Anerkennung. Ehrenamt lebt davon, dass Engagement gesehen und unterstützt wird. Innovative Projekte vor Ort benötigen deshalb nicht nur die Erlaubnis, etwas anders zu machen, sondern auch Rückhalt.

Was Gemeinden jetzt tun können

Die entscheidende Frage lautet am Ende nicht: Was kann man theoretisch alles aus einer Kirche machen? Technisch und architektonisch ist vieles möglich. Entscheidend ist vielmehr und so halte ich es auch in meinem Science Slam (Link siehe unten) fest: Was wollen die Menschen vor Ort – und was braucht der Ort tatsächlich? Nicht jedes Dorf benötigt eine weitere Kleinkunstbühne, nicht jede Kirche eignet sich für Coworking, und nicht jedes Gebäude muss um jeden Preis erhalten werden. Aber solange noch Gestaltungsspielraum besteht, lohnt es sich, diese Fragen gemeinsam zu stellen.

Ein Satz der viel davon auf den Punkt bringt, ist: Es geht nicht um Abwicklung, sondern um Entwicklung. Genau darin liegt die Chance. Nicht erst reagieren, wenn nur noch verkauft oder geschlossen werden kann, sondern frühzeitig überlegen, welche Rolle ein Kirchengebäude künftig für seinen Ort spielen kann. Wenn dieser Prozess offen geführt wird und verschiedene Generationen und gesellschaftliche Gruppen beteiligt sind, kann aus einem drohenden Verlust auch etwas Neues entstehen – ohne dass die Geschichte und Bedeutung des Ortes verschwinden müssen.

Wie Kirche und Kultur zusammengehen, das hat Maria Rammelmeier beim Rural Science Slam an der Andreas Hermes Akademie in Berlin vorgetragen:

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