Huge", "mind-blowing", "Godzilla-level" – Forschende versuchen, in Worte zu fassen, was die nächsten Monate auf die Welt zurollt: ein El Niño, wie er wahrscheinlich noch nie dagewesen ist. Dieses natürliche Wetterphänomen baut sich Ende 2026 aufgrund der menschengemachten Erderhitzung in bisher unbekannten Ausmaßen auf – mit regional extremer Hitze, Dürren und Überschwemmungen, die geschätzt über 450.000 zusätzliche Tote verursachen werden.
Dass solche Skalensprenger-Phänomene in den kommenden Jahren von der Ausnahme zum Normalzustand werden, legt aktuell ausgerechnet einer der bisher einflussreichsten Klimawandelrelativierer nahe: ExxonMobil rechnet in seinem neuesten jährlichen Energieausblick mit einer globalen Erwärmung von 2,5 bis 3 Grad – und zwar nicht erst zum Ende des Jahrhunderts, sondern schon 2050. Die Zeiten, in denen die Beschränkung der Klimaerwärmung auf ein nicht-katastrophisches Niveau noch eine Option gewesen ist, sind offensichtlich vorbei.
Auch jetzt noch bleibt der Kampf um jedes Zehntelgrad sinnvoll und notwendig; denn eine um drei Grad heißere Erde stellt eine andere Katastrophe als eine Plus-fünf-Grad-Welt dar, was das Ausmaß der Zerstörung und die Zahl der Toten, Geflüchteten, kriegerischen Konflikte und vernichteten Arten angeht. Und doch: So oder so stehen wir bereits mit einem Fuß im Kollaps – und müssen uns darauf einstellen. Dass diese Herausforderung allmählich in der Gesellschaft ankommt, zeigen Forschungsprojekte, die Dynamik der entstehenden Kollapsbewegung und auch die aktuelle Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung.
Doch was bedeutet eigentlich Kollaps? Im Gegensatz zur Krise ist ein Kollaps kein vorübergehender Einbruch, nach dem eine Rückkehr zum alten Normal wieder möglich ist. Kollaps ist ein – oft schleichender – Prozess des Zusammenbruchs von ökologischen und gesellschaftlichen Systemen. Kollaps heißt: Es wird nicht mehr wie vorher.
Walter Lechner ist Pfarrer und Referent für Sozialraumorientierung bei der evangelischen Zukunftswerkstatt midi.
Was bedeutet Mission heute? Das ist nicht leicht zu beantworten. Doch mission.de will genau das. Hier kommen Menschen zu Wort, die weltweit in Mission und Ökumene vernetzt und zuhause sind und etwas zu sagen haben. Ein Blog gibt Raum für pointierte Meinungen, aktuelle Themen und Beiträge zu laufenden Diskursen. mission.de ist eine Initiative evangelischer Missionswerke, Verbände und Kirchen unter dem Dach der Evangelischen Mission Weltweit (EMW).
Was bedeutet es, Kirche und Diakonie in der Klimakatastrophe zu sein?
Auch Kirche und Diakonie sind gut beraten, sich strategisch vorzubereiten – nicht aus Fatalismus, sondern aus gelebter Verantwortung gegenüber Gott, den Menschen und der Schöpfung, als "sichtbar gemachte Liebe" (Martin Horstmann). Nur so können sie auch im Klimakollaps als sprach- und handlungsfähige Akteurinnen erlebt werden und Hilfs- und Deutungsangebote machen, die für Menschen lebensrelevant sind.
Dazu müssen sie "beidhändig" agieren lernen: also weiter konsequent Klimaschutz und Klimagerechtigkeit voranbringen – und gleichzeitig mit den eigenen Ressourcen gesellschaftliche Kollapsresilienz stärken. Kirche und Diakonie bringen dafür eigentlich ideale Voraussetzungen mit; sie müssen sie nur zielgerichtet und reflektiert einbringen – auf Augenhöhe mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren und gemeinsam mit ihnen lernend.
Die Kollapsrelevanz kirchlich-diakonischer Strukturen
Kirche und Diakonie sind auch heute noch fast flächendeckend präsent: mit haupt- und ehrenamtlichen Personalressourcen, Gebäuden und Freiflächen. In aller Regel sind sie im Sozialraum mit Kommunen, Schulen, Vereinen und Initiativen gut vernetzt und verfügen über eine regionale, landes- und bundesweite Koordinations- und Kommunikationsstruktur.
All das stärkt schon heute die Widerstandsfähigkeit von Sozialräumen und lokalen Gemeinschaften und kann unter Kollapsbedingungen noch relevanter werden – etwa wenn Kirchen, wie in Graz, Teil eines Netzes von "Katastrophenschutz-Leuchttürmen" werden. Als staatsanalog aufgebaute Institution und zugleich als Nichtregierungsorganisation mit Vereins- und (zum Teil) Bewegungslogik kann Kirche in Kollapsszenarien außerdem als Vermittlerin zwischen staatlichen Strukturen und bewegungsförmigen Hilfsangeboten fungieren.
Für all das gilt es, die aktuellen Rückbauprozesse und Strukturreformen nicht nur von Kirche und Gemeinde, sondern auch von der Zivilgesellschaft her zu denken: Welche Bedeutung haben (landes)kirchliche Strukturen für gesellschaftliche Resilienz?
Diakonie als Krisenexpertin
Diakonie verfügt über reiche Erfahrung und Kompetenz in der Stärkung von Krisenresilienz – auf individueller wie struktureller Ebene. Besonders die Expertise der Diakonie Katastrophenhilfe im Inland und international ist von unschätzbarem Wert. Diakonische Verbände und Unternehmen sind mittlerweile hoch sensibilisiert für die Auswirkungen der Klimakatastrophe auf ihre Arbeit und ihre Klient*innen, die oft am meisten unter den Klimafolgen zu leiden haben. Und Aktionen wie #wärmewinter haben gezeigt, wie auch gemeinde- und kreisdiakonische Angebote in gesellschaftlichen Krisensituationen schnell, vernetzt und engagiert zur sozialen Stabilisierung beitragen können.
Solche Erfahrungen muss Diakonie flächendeckend fruchtbar machen – und zugleich ihr Eintreten für Klimaopfer weltweit und in Deutschland sowie ihre Klimaanpassungsbemühungen kommunikativ konsequent mit Lobbyarbeit für Klimagerechtigkeit und Kollapsbewusstsein verbinden.
Seelsorge multidimensional leben
Der drohende Klimakollaps stellt nicht nur eine physische Bedrohung, sondern auch eine enorme psychische Herausforderung dar. Kirche und Diakonie können daher mit ihren seelsorglichen Kompetenzen gesellschaftliche Krisenresilienz fördern.
Voraussetzung hierfür ist, Seelsorge nicht nur auf Beratungs- und Gesprächskontexte zu verengen, sondern Räume für den – auch kollektiven – Umgang mit belastenden Klima- und Kollaps-Emotionen anzubieten. Dafür braucht es ein multidimensionales Seelsorgeverständnis, das gesellschaftskritische Haltungen, prophetische Momente und eine solidarische Praxis miteinander verbindet.
Apokalyptisch hoffen?
Das Eingeständnis, dass beim Klima nicht "alles gut wird", ist eine Zumutung – auch für eine Kirche, die sich gern als "Hoffnungsagentur" versteht. Zugleich bietet die biblische Tradition starke Impulse für ein tieferes Verständnis von Hoffnung über (Zweck-)Optimismus und positives Denken hinaus. Die Kollapserfahrungen der Zerstörung Jerusalems und des babylonischen Exils oder des Kreuzestodes von Jesus machen im Rückblick erfahrbar: Gott kann auch in der Katastrophe und durch sie wirken. Diese Überzeugung verdichtet sich in der biblischen Apokalyptik. Diese zelebriert nicht den Weltuntergang, sondern ermöglicht Hoffnung im und durch den Kollaps hindurch: durch Systemkritik, Aufwertung der Opfer und Stärkung des Gottvertrauens inmitten der Katastrophe.
Angesichts drohender Biosphären-Kollapse stehen Kirche und Diakonie vor fundamentalen theologischen Fragen: Was bedeutet dann die Rettung durch Jesus? Wie lässt sich von Schuld angemessen reden? Wie verändert es Kirche, wenn Teile des Leibs Christi bereits heute massiv unter Folgen des Klimakollapses leiden? Und wie können christliche Akteur*innen apokalyptische Weltdeutungen und die Hoffnung auf das Reich Gottes sachgerecht und konstruktiv in Kollapsdiskurse einspielen?
Lösungen gemeinsam entwickeln
Um Kollapsbewusstsein in Kirche, Diakonie und Theologie voranzubringen, hat sich die AG Kirche und Theologie im Klimakollaps gebildet. Anfang November lädt sie zum Barcamp "Zwischen Klimaanpassung und Klimakollaps. Christliche Beiträge zu kollektiver Krisenresilienz" nach Berlin ein. An diesem innovativen Resilienzort werden Menschen aus unterschiedlichsten kirchlichen, diakonischen und zivilgesellschaftlichen Bereichen gemeinsam hilfreiche Ansätze und Lösungen kennenlernen und neu entwickeln.
evangelisch.de dankt der Evangelischen Mission Weltweit und mission.de für die inhaltliche Kooperation.




