"Die Kühle der Kirchen ist trügerisch", warnte der Kirchenmusiker und Kreiskantor im Kirchenkreis Südharz, Norbert Patzelt, im August dieses Jahres. Was der Mensch als angenehm empfinde, setze Orgeln und Kunstgut bisweilen arg zu. In einigen Kirchen seien Luftfeuchtigkeitswerte von nur 37 Prozent gemessen worden. Bei dauerhaft zu trockener Luft könnten Orgeln und Gebäude Schaden nehmen. Der Kirchenkreis empfahl deshalb, das Raumklima regelmäßig zu kontrollieren.
Das Problem ist nicht neu. Bereits in einer Handreichung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland von 2020 wurde vor den Folgen längerer Trockenperioden gewarnt. Genannt werden unter anderem Rissbildungen, Spannungen im Holz und Schäden an Farbfassungen. Die Landeskirche empfiehlt deshalb, Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit mit automatischen Aufzeichnungsgeräten, sogenannten Datenloggern, zu überwachen.
Manche Gegenmaßnahmen muten bei erster Betrachtung seltsam an. So traf es etwa das 600-Einwohner-Dorf Holzhausen bei Arnstadt schon 2018 besonders hart. Wegen der Trockenheit im Boden sackten Teile des frisch renovierten Kirchenschiffs um einige Zentimeter ab. Im Mauerwerk bildeten sich große Risse. Auch die erst wenige Monate zuvor sanierte Hesse-Orgel drohte Schaden zu nehmen. Ehrenamtliche rückten daher regelmäßig mit der Gießkanne an und wässerten den steinernen Kirchenfußboden. "Das hilft den Orgeln", sagt Patzelt. Gerade Tonfliesen speicherten Feuchtigkeit und gäben sie anschließend über einen längeren Zeitraum wieder ab.
Kühle Zufluchtsorte
Nicht nur Orgeln, auch historisches Kunstgut kann durch anhaltende Trockenheit belastet werden. Besonders empfindlich sind hölzerne Altäre, Schnitzfiguren und andere Holzteile. Durch Feuchtigkeitsverlust kann Holz schwinden und Risse entwickeln, Farbfassungen können sich lösen. Auch Gemälde reagieren auf Veränderungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit.
Für die Kirchengemeinden stellt sich dabei ein zusätzliches Problem: Kirchen sollen bei Hitze zunehmend als kühle Zufluchtsorte für Menschen dienen. Die mitteldeutsche Landeskirche hatte ihre Gemeinden bereits im Sommer 2025 dazu aufgerufen, Kirchen während Hitzeperioden zu öffnen. Seit 2015 gibt es zudem die Initiative "Offene Kirchen". Nach Angaben der Landeskirche sind inzwischen rund ein Drittel der etwa 4.000 Kirchen und Kapellen verlässlich geöffnet.
Auf Raumklima achten
Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wirbt mit dem Konzept "#kühlekirche" dafür, Kirchen und diakonische Einrichtungen bei Hitze als Schutzräume zugänglich zu machen. Beim Lüften müsse jedoch auf das Raumklima geachtet werden: Starke Veränderungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit könnten historische Ausstattung und Orgeln belasten.
Eine landesweite Schadensbilanz der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland fällt am Ende des trockenen und heißen Sommers 2026 jedoch deutlich weniger dramatisch aus als zunächst befürchtet. "Totalausfälle sind mir aus diesem Sommer nicht bekannt", sagte der Referent für Orgeln, Rufus Brodersen, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Einzelne Orgeln könnten Funktionsmängel entwickelt haben. Diese ließen sich bei steigender relativer Luftfeuchtigkeit häufig wieder regulieren. Das bestätigt auch Norbert Patzelt: "Eine unserer Orgeln wird noch beobachtet. Vielleicht müssen wir sie reparieren. Der Rest der Instrumente ist am Ende gut durch den Sommer gekommen."
Und auch bei wertvollen Ausstattungsstücken seien in diesem Jahr keine plötzlichen starken Zustandsveränderungen festgestellt worden, sagte die Referentin für kirchliches Kunstgut, Susanne Pohler. Eher seien allmähliche Veränderungen zu beobachten. Die Kirchengebäude pufferten Klimaschwankungen vergleichsweise gut ab.
Um Schäden vorzubeugen, setzt die mitteldeutsche Landeskirche auf Schulungsangebote. Für das Kunstgut sei zudem ausreichender UV- und Wärmeschutz wichtig. Bei Fensterprojekten werde dieser zunehmend integriert. Auch Rollos oder Spannrahmen mit UV-Schutz-Textilien könnten helfen.




