Es ist halb zehn am Abend, die Sitzung läuft seit zwei Stunden, und niemand weiß so recht, ob eben etwas beschlossen wurde oder nicht. Solche Abende kenne ich, und ich kenne einen Grund dafür: Ein Gremium, das nicht weiß, wie es zu Entscheidungen kommt, zermürbt seine Leute, so engagiert sie auch sein mögen. Ich stehe im Beruf wie im Ehrenamt in der Verantwortung und bin überzeugt: Hier kann die Kirche von der Wirtschaft etwas über Führung lernen. Aber nicht alles lässt sich einfach übertragen.
Beginnen wir mit dem Handwerk. Wer gelernt hat, Teams aufzubauen, Konflikte zu moderieren oder Entscheidungen vorzubereiten, kann dieses Wissen auch in der Gemeinde einsetzen. In kirchlichen Gremien fehlt mitunter, was in Unternehmen oft selbstverständlicher ist: Klarheit darüber, wer was entscheidet. Nachvollziehbare Wege zu einem Beschluss. Ein offener Umgang mit Fehlern und Konflikten. Rückmeldungen, die weiterhelfen.
Gute Organisation ist kein Gegensatz zum Geistlichen. Sie kann ihm Raum schaffen. Wenn Zuständigkeiten geklärt sind und Sitzungen zu Ergebnissen führen, bleibt mehr Kraft für die Menschen und Aufgaben, um die es eigentlich geht.
Diese Offenheit hat ein Fundament. "Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus" (1. Korinther 3,11). Auf diesem Grund sollen wir Gemeinde bauen. Dafür dürfen wir den Verstand nutzen, der uns von Gott gegeben ist. Schon die Reformatoren nutzten den Buchdruck für die Verbreitung ihrer Botschaft. Die Technik stand im Dienst des Evangeliums. Auch bei Führungsmethoden kommt es darauf an, welchem Zweck sie dienen.
Wie hilfreich gutes Handwerk sein kann, zeigt sich am Umgang mit Fehlern. Wer befürchten muss, wegen eines Fehlers bloßgestellt zu werden, wird beim nächsten Mal womöglich keine Verantwortung mehr übernehmen. Deshalb hilft es, zunächst nachzufragen: Was ist passiert? Waren die Absprachen klar? Welche Unterstützung wäre gewünscht gewesen? Das schließt Verantwortung nicht aus, ermöglicht aber ein Gespräch, bevor ein Urteil fällt.
Eine einfache Gesprächsform kann dabei helfen: erst die Wahrnehmung – was habe ich konkret gesehen oder gehört? Dann die Wirkung – was hat das ausgelöst? Schließlich der Wunsch – was wünsche ich mir für die Zukunft? So wird aus einem allgemeinen Vorwurf eine Rückmeldung, mit der das Gegenüber etwas anfangen kann.
Ich habe das selbst erlebt, allerdings auf der anderen Seite. Einmal habe ich eine Entscheidung voreilig getroffen, ohne sie mit der Leitung einer Gruppe in unserer Gemeinde abzustimmen. Die Verantwortlichen konnten die Entscheidung in der Sache mittragen, hätten sie aber etwas anders aus gestaltet; nun mussten sie sie einfach übernehmen. Dass ich sie vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, ärgerte sie zu Recht. Sie haben mir das offen zurückgemeldet und darum gebeten, künftig vorher gehört zu werden. Seitdem achte ich genauer darauf, dass Betroffene sich einbringen können, bevor entschieden wird. Das wurde mir inzwischen mehrfach positiv zurück gemeldet. An diesem Beispiel zeigt sich: Was ich selbst anwende, gilt auch für mich.
Gute Leitung bereitet Entscheidungen vor
Die Gemeinde arbeitet allerdings unter anderen Bedingungen als ein Unternehmen. Ehrenamtliche schenken ihr Zeit und übernehmen freiwillig Verantwortung. Auch für sie gelten Absprachen und je nach Aufgabe verbindliche Vorgaben. Doch auf eine arbeitsvertragliche Weisungsbefugnis kann sich die Leitung ihnen gegenüber nicht stützen. Sie muss Menschen für Aufgaben gewinnen und Vertrauen aufbauen.
Warum sollte jemand sein freies Wochenende, seinen Feierabend und seine Energie hier investieren? Sinn, Gemeinschaft, persönliche Entwicklung und Wertschätzung sind dafür entscheidende Elemente. Wer Menschen zutraut, eigenständig mitzugestalten, gibt ihnen einen Grund, sich einzubringen. Dazu gehören klare Absprachen ebenso wie die Freiheit, eine Aufgabe anders zu lösen, als die Leitung es selbst getan hätte.
Hinzu kommt die gemeinsame Verantwortung kirchlicher Gremien. Ein Kirchengemeinderat muss beraten, unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen und Entscheidungen gemeinsam tragen. Gute Leitung bereitet diese Entscheidungen vor und sorgt dafür, dass anschließend klar ist, wer sie umsetzt. Beteiligung und Verbindlichkeit gehören zusammen.
Wo sich die Gemeinde bei Führungsmodellen bedient, muss sie deshalb prüfen, was zu ihr passt. Ein Beispiel ist die "dienende Führung", in der Managementliteratur als Servant Leadership bekannt. Ihr Grundgedanke: Wer leitet, setzt seine Position dafür ein, dass andere ihre Aufgaben gut erfüllen können.
Was kann ein Mensch gut?
Für mich hat diese Haltung einen theologischen Kern. "Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein", sagt Jesus (Markus 10,43). Leitung dient den Menschen und dem gemeinsamen Auftrag. Im folgenden Verszusammenhang spricht Jesus davon, sein Leben hinzugeben (Markus 10,45). Damit reicht das Dienen über eine Methode guter Zusammenarbeit hinaus.
Eine Führungsmethode kann diese Haltung unterstützen, aber nicht ersetzen. Dienende Führung bedeutet dabei keineswegs, Entscheidungen zu vermeiden oder es allen recht zu machen. Auch schwierige Konflikte müssen angesprochen und Grenzen gesetzt werden. Entscheidend ist, wem die Leitung damit dient.
Ähnlich lässt sich nach den Stärken der Mitarbeitenden fragen. "Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat" (1. Petrus 4,10): Dieser Gedanke lädt dazu ein, Aufgaben nicht nur nach freien Stellen zu verteilen. Was kann ein Mensch gut? Was möchte er lernen? Welche Unterstützung braucht er? Dabei muss auch ein Nein möglich sein. Nicht jede Fähigkeit verpflichtet dazu, sie jederzeit für die Gemeinde einzusetzen.
Der entscheidende Maßstab bleibt der Auftrag. Wirtschaftliche Verantwortung ist auch für eine Gemeinde notwendig. Ihr Erfolg lässt sich aber nicht allein an Einnahmen, Mitgliederzahlen oder gut besuchten Veranstaltungen ablesen. Sie dient einem Auftrag, den sie sich nicht selbst gegeben hat. Deshalb gehört neben die Frage "Was wollen wir erreichen?" immer auch die Frage: "Wozu hat Christus uns gesandt?"
Methoden helfen, Gespräche zu ordnen, Abläufe zu verbessern und blinde Flecken sichtbar zu machen. Sie beantworten jedoch nicht, wozu Gemeinde da ist; das sagt das Evangelium. Außerdem bringen sie Vorstellungen darüber mit, was als Erfolg gilt und was von Menschen erwartet wird. Diese Vorstellungen muss eine Gemeindeleitung prüfen. Ein Verfahren, das Abläufe effizienter macht, ist noch kein Gewinn, wenn dabei Menschen überfordert oder ausgeschlossen werden.
Ja, die Wirtschaft kann der Kirche etwas über Führung beibringen. Die Kirche muss dabei selbst klären, welche Werkzeuge ihrem Auftrag dienen. Gute Leitung nimmt Organisation ernst, behält den Menschen im Blick und baut auf den Grund, der gelegt ist: Jesus Christus. Dann wissen am Ende einer Sitzung nicht nur alle, was beschlossen wurde. Sie wissen auch, warum es die gemeinsame Arbeit wert war.
Dr. Benjamin Kutz ist Autor des Buches "Gemeinde gestalten – Kirchengemeinderat und Gemeindeleitung".



