JS-Magazin: Die Bundeswehr bereitet sich auf einen Landes- und Bündnisverteidigungsfall vor. Was bedeutet das für die Militärseelsorge?
Bernhard Felmberg: Daraus folgt, dass auch wir uns auf den Krisenfall vorbereiten müssen. Wir müssen unsere Strukturen und unsere inhaltliche Ausbildung so ausbauen, dass wir im Ernstfall so fort handlungsfähig sind. Die beiden großen Kirchen haben dafür gemeinsam ein Rahmenkonzept zur Seelsorge im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall erarbeitet. Worum geht es da genau? Um eine enge Verzahnung der zivilen Bereiche, etwa der Krankenhaus- und Notfallseelsorge, mit der Militärseelsorge. So stellen wir sicher, dass alle Betroffenen – ob im Einsatz oder zu Hause – verlässlich betreut werden. Wir müssen im Vorfeld klar definieren, wer im Ernstfall welche Aufgaben an welchem Ort übernimmt.
Wie würde die Militärseelsorge Soldatinnen und Soldaten in einem Verteidigungsfall begleiten?
Felmberg: Wir stehen den Soldaten auch unmittelbar im Krisengeschehen zur Seite. Das umfasst seelsorgerliche Gespräche und die Begleitung von Verwundeten ebenso wie das Feiern von Gottesdiensten. Wir helfen bei der Bewältigung traumatischer Erlebnisse und unterstützen dabei, moralische Konflikte auszuhalten. Wir sprechen hier von Situationen, in denen es keine "richtigen" Entscheidungen mehr gibt, sondern nur noch die Wahl zwischen zwei Übeln – etwa, wenn man eigene Kameraden zurücklassen muss, um einen Auftrag zu erfüllen, der viele andere Leben rettet.
Bereitet sich die Seelsorge auch darauf vor, im Feld gefallenen Soldaten den letzten Segen zu erteilen?
Felmberg: Ja, wir entwickeln auch Standards für die sogenannten Aussegnungen – also dafür, welche Worte und Rituale angemessen sind, wenn ein Soldat gefallen ist. Das gilt auch für die internationale Zusammenarbeit: Wir bereiten uns darauf vor, dass ein evangelischer Geistlicher aus Deutschland auch einem Soldaten aus einer anderen Nation oder mit einer anderen Religion beistehen kann. Da die Zahl unserer Militärgeistlichen – ebenso wie die der katholischen und jüdischen – sehr begrenzt ist, wollen wir christliche Soldatinnen und Soldaten dazu befähigen, ihren Kameradinnen und Kameraden geistlich beizustehen, wenn kein Militärpfarrer vor Ort ist. Was können sie seelsorgerlich füreinander tun? Das Vaterunser oder den 23. Psalm beten, einen Segen zusprechen und erfragen, was ein Verwundeter sich in dieser Situation wünscht, das wäre ein guter Anfang.
Wer würde in einem solchen Fall den Angehörigen die Todesnachricht überbringen?
Felmberg: Da viele Militärgeistliche bei den Soldaten an der Front wären, würden das Pfarrer aus den Ortsgemeinden übernehmen. Also auch die Überbringung von Todesnachrichten und die Trauerbegleitung der Familien.
Wo wäre der Bischof?
Felmberg: Ich würde als Bischof die Verbindung zu den Landeskirchen und zum Verteidigungsministerium halten. Gemeinsam mit dem Militärgeneraldekan im Evangelischen Kirchenamt und den vier Leiten den Dekanen trage ich Sorge dafür, dass die Truppe seelsorgerlich bestmöglich begleitet wird. Zugleich habe ich natürlich eine Fürsorgepflicht für unsere eigenen Militärgeistlichen und deren Angehörige. Für sie alle bin ich selbst als Seelsorger ansprechbar.
Sind die Landeskirchen und zivilen Kirchengemeinden auf ein solches Szenario vorbereitet?
Felmberg: Wir haben hier noch einen langen Weg vor uns. Die etablierten Strukturen der Notfall- und Krankenhausseelsorge müssen weiter auf einen solchen Krisenfall ausgerichtet und ausgebaut werden. Ich hoffe, dass alle Beteiligten erkennen, dass es besser ist, vorbereitet zu sein, statt überrascht zu werden. Das geschieht immer in der Hoffnung, dass dieser Fall nicht eintritt.
Ein Landes- oder Bündnisverteidigungsfall wäre auch für Seelsorgerinnen und Seelsorger eine Extremsituation. Wie können sie sich darauf vorbereiten?
Felmberg: Militärgeistliche sind jetzt schon sehr viel länger auf Übungen als früher. Sie begleiten die Soldatinnen und Soldaten und üben, was jeweils ihre konkrete Aufgabe sein kann. Wir müssen wissen, wie die Einsatzlagen aussehen und wo wir genau gebraucht werden. Die Sanitätsübung "Medic Quadriga 2026" war dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel: Hier haben Militärgeistliche bei der Verlegung und Betreuung von Verwundeten eng mit Ärzten und Sanitätern zusammengearbeitet.
Wichtig ist aber auch, uns innerlich vorzubereiten. Wir können anderen nur Kraft geben, wenn wir uns selbst im Gebet vergewissern, dass Gottes Friede und seine Zuwendung uns tragen – auch wenn um uns herum Furchtbares geschieht. Und dann braucht es im Nachgang auch für uns Militärgeistliche Zeit, um Kraft zu schöpfen und das eigene Handeln zu reflektieren.
Wir danken dem JS-Magazin für diesen Partnerinhalt.
Konzept für den Ernstfall:
Das "Ökumenische Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall" wurde von der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland gemeinsam entwickelt.
Mehr dazu:
tinyurl.com/js-rahmenkonzept




