Mit der Metro zu archäologischen Fundstätten

U-Bahn Haltestelle Colosseo/Fori Imeriali in Rom.
epd-bild/Almut Siefert
Bis 2033 entsteht in Rom eine Metro-Linie, die entlang archäologischer Fundorte führt.
Neue U-Bahn-Strecke in Rom
Mit der Metro zu archäologischen Fundstätten
So angenehm kann Sightseeing sein: In der italienischen Hauptstadt wird mit der Linie C eine U-Bahn-Strecke gebaut, die direkt zu neu entdeckten archäologischen Stätten fährt. Die Fundorte werden raffiniert in die Haltestellen integriert.

Das Quadrat mit dem weißen M auf rotem Grund zeigt in Rom an, dass an diesem Ort eine Metro-Station liegt. An drei Stationen der neuen römischen U-Bahn-Linie C könnte das M aber auch für Museum stehen. Denn die Haltestellen San Giovanni, Porta Metronia und Colosseo/Fori Imperiali beherbergen außer Bahnsteigen, Gleisen und brausenden Zügen auch archäologische Funde.

Bei Bauarbeiten der dritten Metro-Linie der italienischen Hauptstadt stieß man auf archäologische Überreste. Das ist in Rom nicht Bemerkenswertes. Neu ist aber der Umgang damit. Statt die Funde zu bergen und anschließend in einem Museum auszustellen oder in einem Archiv zu lagern, wurden sie zum prägenden Aspekt der Architektur der neuen U-Bahn-Stationen.

Was ursprünglich als Problem für den Bau der U-Bahn galt - das Vorhandensein von archäologischen Stätten im Untergrund -, wurde von der Stadt in einen Mehrwert umgewandelt. Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri sprach im Dezember vergangenen Jahres bei der Eröffnung der Haltestellen Porta Metronia und Colosseo/Fori Imperiali von einem "historischen und wunderschönen Moment" - sowohl für die Touristen als auch für die Römer.

Besonders attraktiv an den sogenannten Archeostazioni: Für den Besuch braucht man keine Reservierung und muss auch nicht stundenlang anstehen. Die archäologische Reise kann man ganz spontan unternehmen und sie kostet auch nur 1,50 Euro, so viel wie ein 100-Minuten-Ticket für die römischen Verkehrsbetriebe. Auch bei Regenwetter bieten die Metro-Stationen der Linie C eine Alternative zum Touristenprogramm über der Erde.

San Giovanni: landwirtschaftliche Anlage

San Giovanni wurde 2018 als erste Archeostazione eröffnet. Für den Bau der Station wurde bis in eine Tiefe von etwa 15 bis 18 Metern gegraben. Dabei kam eine riesige landwirtschaftliche Anlage zutage, deren Geschichte bis ins dritte Jahrhundert vor Christus zurückreicht.

In der Eingangshalle des Bahnhofs veranschaulichen Tafeln den geologischen Aufbau des Bodens. Auf der Rolltreppe zwischen den ÖPNV-Nutzern stehend entdeckt man quasi mit jedem Meter, den es in den Untergrund hinabgeht, historische Ereignisse oder Veränderungen des Gebiets.

Im Zwischengeschoss sind Fundstücke ausgestellt, die einem landwirtschaftlichen Betrieb aus dem ersten Jahrhundert nach Christus zugerechnet werden. Hier wurden laut den Experten Pfirsiche angebaut - eine Frucht, die damals gerade erst aus Persien nach Rom gelangt war.

Porta Metronia: Kaserne für Soldaten

Nächster Halt: Porta Metronia. Hier wurde bei den Grabungen eine römische Kaserne freigelegt. Sie besteht aus 30 im zweiten nachchristlichen Jahrhundert bewohnten Räumen mit Fresken an den Wänden und Mosaikböden. Der Fund dieses großen Komplexes machte die Einrichtung eines eigens dafür vorgesehenen Museums erforderlich.

Dieses sollte ursprünglich im Februar eröffnet werden, blieb aber bis heute für Besucher geschlossen. Die Museumsräume seien noch nicht vollständig für den Publikumsbetrieb vorbereitet, heißt es von der Stadt. Auch organisatorische und verwaltungstechnische Fragen zur Nutzung und Betreuung der Räume müssten noch geklärt werden.

Teile der Kaserne, die dicken Mauern des Bauwerks, einige Räume und Bodenmosaike, können aber bereits durch eine Glasfront erspäht werden. In den öffentlich zugänglichen Bereichen der Station gibt es außerdem eine Ausstellung mit Fotos und Plänen der Ausgrabungen.

Colosseo/Fori Imperiali: Unter dem Theater

Die archäologische Untergrundreise endet an der Station Colosseo/Fori Imperiali. Unter dem Wahrzeichen Roms, dem antiken Theater, ist eine ganze Etage der vierstöckigen Konstruktion der Präsentation der Ausgrabungen vorbehalten. Neben Krügen, Schalen und weiteren Stücken kam während des Baus des Verbindungsgangs zur bereits bestehenden Metro-Linie B ein Gebäudekomplex zum Vorschein. Er kann auf die späte Republik (133-27 v. Chr.) bis zur frühen Kaiserzeit (bis zweites Jahrhundert n. Chr.) datiert werden. Dazu gehört ein kreisförmiges Bauwerk mit einem Durchmesser von 14 Metern, wahrscheinlich ein riesiger Brunnen.

An der Haltestelle Colosseo/Fori Imeriali können Interessierte Überreste längst vergangener Zeiten bestaunen.

Filme, Modelle, Dioramen und digitale Rekonstruktionen zeigen, wie sich das Areal in Jahrhunderten verändert hat. Auch ein privater Badebereich, ein sogenanntes Balneum, ist bei den Bauarbeiten aufgetaucht. Badewanne und Schwitzraum wurden geborgen, restauriert und in der Station ausgestellt. Mit der Rolltreppe geht es von dort wieder hinauf in die römische Gegenwart: Touristentrubel vor dem mächtigen Kolosseum.

Sechs Museums-Stationen sollen es werden

Am Ende der Bauzeit soll die Linie C sechs Archeostazioni beinhalten. Auf San Giovanni, Porta Metronia und Colosseo/Fori Imperiali sollen in Zukunft Venezia, Chiesa Nuova und Piazza Pia/Castel Sant’Angelo folgen.

Das bereits jetzt schon sichtbarste Projekt ist dabei die Station Venezia. Sie entsteht im historischen Zentrum an der gleichnamigen Piazza, dort, wo die archäologischen Schichten besonders dicht sind. Bauarbeiten laufen seit 2023 und betreffen einen der wichtigsten Verkehrsknoten Roms, was zu erheblichen Verzögerungen im täglichen Bus- und Autoverkehr führt.

Die Fertigstellung der Haltestelle Venezia ist für 2033 geplant. Die gesamte Strecke, die einmal bis zur Farnesina führen soll, dem italienischen Außenministerium direkt neben dem Stadio Olimpico, soll Stand jetzt 2037 in Betrieb genommen werden.