"Der Camino gibt keine Antworten. Er stellt bessere Fragen"

Peter Kirchmann steht an Wein-Fontäne auf dem Jakobsweg.
Peter Kirchmann
Peter Kirchmann ist begeisterter Pilger und Mitherausgeber der größten deutschsprachigen Studie zum Jakobsweg.
Neue Studie zum Jakobsweg
"Der Camino gibt keine Antworten. Er stellt bessere Fragen"
Peter Kirchmann ist seit über dreißig Jahren auf dem Jakobsweg unterwegs. Gemeinsam mit dem Umfrage-Experten Andreas Braun hat er fast 800 Pilger für eine wissenschaftliche Studie befragt und dabei ein überraschendes Ergebnis gefunden: Der Weg verändert die wenigsten grundlegend, aber er hilft, die richtigen Fragen an sich selbst zu stellen. Im Gespräch erzählt Kirchmann, was die Studie sonst noch zutage gebracht hat, warum ihn der "Camino-Blues" bis heute nicht loslässt und was sein persönlicher Geheimtipp fürs Gepäck ist.

evangelisch.de: Ihr habt fast 800 Pilger für eine wissenschaftliche Studie zum Jakobsweg befragt. Wie kam es dazu?

Peter Kirchmann: Ich betreibe seit 2015 eine Community rund um den Jakobsweg. Zunächst als Blog, dann kamen sehr viele E-Mail-Anfragen. Daraufhin habe ich einen Newsletter-Format entwickelt. Dann kam der Jakobsweg-Podcast dazu und schließlich eine Community auf der Plattform Skool, die inzwischen rund 2.000 Mitglieder hat. Dort habe ich Prof. Dr. Andreas Braun von der BSP Business and Law School Berlin kennengelernt. Ich mache alle zwei Jahre eine kleine Umfrage in meiner Community. Aus dem Austausch darüber entstand die Idee zu einer großen wissenschaftlichen Studie. Zwischen November 2025 und Februar 2026 haben wir dann fast 800 Personen befragt, davon 588, die den Camino bereits gelaufen sind.

Gab es ein Ergebnis, das dich überrascht hat?

Kirchmann: Ja! Die Kernbotschaft für mich ist: Viele gehen den Weg in der Hoffnung, dass er sie verändert und sie mit fertigen Antworten nach Hause kommen. Das trifft aber nur auf sehr wenige zu. Viel häufiger ist der Effekt, dass der Camino einem hilft, die besseren Fragen zu stellen und zu klären, wer man eigentlich ist.

Warum hat der Camino diese Kraft, uns mit der Frage nach uns selbst zu konfrontieren?

Kirchmann: Ganz einfach: weil wir dort die Zeit dafür haben. Es ist nicht der Weg selbst, der das schenkt, sondern die Zeit, die man in dieser Umgebung verbringt. Man könnte das genauso auf dem Münchner oder dem badischen Jakobsweg erleben. Der Unterschied beim spanischen Camino ist dieses Gefühl, auf einem tausend Jahre alten Pilgerweg unterwegs zu sein, mit einer Ruhe und Kraft der Natur, die ich fast als Präsenz des Göttlichen bezeichnen würde.

Ich bin 1993 mit 29 Jahren zum ersten Mal den Camino Frances gelaufen, damals war der Weg noch völlig unbekannt. Ich ohne Handy, mit einem dicken analogen Reiseführer im Gepäck. Anfangs aus kulturellem Interesse. Später kam sportlicher Ehrgeiz dazu, dann die Sehnsucht nach Gemeinschaft und erst in den letzten Jahren die eigentliche Sinnsuche. Jeder Camino und jede Lebensphase hat mir dabei ein Stück mehr Klarheit über mich selbst gebracht – und genau das zeigt die Studie eben auch bei vielen anderen.

Peter Kirchmann ist in der Jakobsweg-Community eine Koryphäe: Er hostet unter anderem einen Podcast über den Camino. Seine Community hat mehr als 2.000 Mitglieder.

In der Studie sprecht ihr auch von unterschiedlichen "Pilgertypen". Welche gibt es?

Kirchmann: Das war eines der Dinge, die uns selbst überrascht haben: dass sich Menschen tatsächlich in bestimmte Typen zusammenfassen lassen. Etwa der Krisenläufer, der spirituell Suchende, der Entschleuniger, der Gemeinschaftspilger oder der Wiederholungspilger. Ich finde mich da selbst in mehreren Typen wieder, je nachdem, in welcher Lebensphase ich gerade war. Und für viele, die den Weg noch nicht gegangen sind, ist es hilfreich zu sehen: Die Ängste, die ich habe, haben andere Pilger vor ihrem ersten Camino auch. Selbst ich habe nach über dreißig Jahren auf dem Camino noch Respekt, wenn ich aus dem Flieger steige. Das gehört dazu.

Ihr habt in der Studie auch den sogenannten "Camino-Blues" untersucht. Was ist das genau?

Kirchmann: Das ist die Sehnsucht nach dem Weg, wenn man ihn gelaufen ist – das kennen viele. Mich hat das von Anfang an gepackt: Ich bin im Jahr nach meinem ersten Camino gleich wieder gelaufen, und seitdem hat mich der Weg eigentlich nie mehr losgelassen.

"Wir sind ja alle irgendwo Pilger auf unserem Lebensweg – nicht nur auf dem Jakobsweg, sondern auf unserer ganzen Lebensreise, wenn man genau hinschauen möchte"

Kennst du das Gefühl heute noch – zum Beispiel jetzt, nachdem ihr gerade vom Camino Primitivo zurückgekommen seid?

Kirchmann: Ich kenne es immer noch. Das Geheimrezept, um damit umzugehen, ist, nicht mehr zwischen Camino und Alltag zu unterscheiden. Wir sind ja alle irgendwo Pilger auf unserem Lebensweg – nicht nur auf dem Jakobsweg, sondern auf unserer ganzen Lebensreise, wenn man genau hinschauen möchte. Ein großer Teil davon ist das "Buen Camino"; dieser Wunsch, dass jemand einen guten Weg hat. Den kann man in den Alltag mitnehmen, indem man Menschen, die man trifft, einfach anlächelt. Das ist eine stille Begrüßung, die man auf dem Camino ständig erlebt, und ich merke, dass sie nicht nur dem anderen guttut, sondern auch mir selbst. Oft kommt das Lächeln ja auch zurück.

Was wolltet ihr mit der Studie erreichen?

Kirchmann: Wir wollten ein allgemeines Bild des Caminos für Menschen zeichnen, die den Weg noch nicht gelaufen sind und ein besseres Verständnis dafür schaffen, was einen dort eigentlich erwartet. Am Ende soll die Studie anderen helfen, den Jakobsweg besser zu verstehen und den Mut zu finden, loszulaufen.

Zum Schluss: dein Top-Geheimtipp fürs Gepäck?

Kirchmann: Keine Wäscheklammern, sondern Nähklammern. Die sind klein, stark, leicht, und ein Zehnerpack reicht für den ganzen Camino, um gewaschene Wäsche aufzuhängen. Mein aktuelles Gepäck wiegt übrigens nur fünfeinhalb Kilo, inklusive Kamerastativ und Tagebuch.

Hier geht es zu den Ergebnissen der neuen Jakobsweg-Studie.