Pilgertagebuch: So war mein Jakobsweg

Pilgerpass mit Stempel
evangelisch.de/Sarah Neder
Der erste Stempel von vielen: Unsere Redakteurin hat den Camino del Norte ab der spanischen Stadt Irún bestritten.
Unterwegs auf dem Camino del Norte
Pilgertagebuch: So war mein Jakobsweg
Redakteurin Sarah Neder ist zwei Wochen auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen. Sie hat das Baskenland und Kantabrien durchquert, Menschen aus aller Welt und sich selbst getroffen. Für evangelisch.de berichtet sie, wie es ist, 350 Kilometer zu laufen und warum eine Pilgerreise kein Urlaub ist.

Ankommen in San Sebastián. Mit Rucksack, aber irgendwie noch kein richtiger Pilger. Oder doch? Es fühlt sich jedenfalls nicht an wie ein normaler Städtetrip. Eine Amerikanerin, die mit ihrer Familie auf Restauranttour ist, spricht mich an: "Ihr lauft den Jakobsweg? Wie cool!". Nein, ich bin hier wirklich nicht zum Urlauben. Ich bin ein Peregrino!

Mit dem Zug fahren wir nach Irún. Dort beginnt unsere erste Etappe. Der erste Stempel landet im Pilgerpass. Ein Mann vor der Albergue ascht seine Zigarette in eine Jakobsmuschel und wünscht uns "Buen Camino". Los geht’s!

Wir sind spät dran. Die meisten Pilger sind längst unterwegs, viele wurden schon früh morgens aus den Herbergen verabschiedet. Es ist feucht, kalt, die erste Etappe misst rund 25 Kilometer und hat es direkt in sich. Steile Anstiege, kreisende Geier über unseren Köpfen. Die ersten gelben Pfeile und Jakobsmuscheln weisen uns den Weg.

In San Sebastián gönnen wir unseren dampfenden Füßen erst einmal ein Bad im Meer. Danach geht es zur Kathedrale für den zweiten Stempel.

Das richtige Pilgergefühl stellt sich erst an Tag drei ein. Heute übernachten wir zum ersten Mal in einer Albergue, den offiziellen Unterkünften für Pilgerreisende, in Deba. Reservieren kann man nicht. Es gilt: Wer zuerst ankommt, bekommt ein Bett. Entsprechend zügig laufen wir die Etappe von Zarautz. Für einen kleinen Umweg zu den beeindruckenden Flysch-Klippen nehmen wir uns trotzdem Zeit.

Symbol des Jakobswegs: Die Jakobsmuschel ist eine treue Begleiterin auf der Pilgerreise.

In Deba ergattern wir zwei Stockbetten in der Pilgerherberge. Acht Euro kostet die Nacht. Die Unterkunft befindet sich im Bahnhofsgebäude. Wir rollen unsere Hüttenschlafsäcke auf den Papierlaken aus. Gegen 21 Uhr schnarchen die ersten Mitpilger um die Wette. Tschüss, Hotelkomfort. Hallo Pilgerleben.

Hier begegnen wir zum ersten Mal Menschen, die uns in den nächsten zwei Wochen immer wieder über den Weg laufen werden. Da ist die zierliche Frau aus Taiwan, die jedes Jahr ihren gesamten Urlaub auf dem Jakobsweg verbringt - und fürchterlich laut schnarcht. Der braungebrannte Franzose, der seit seiner Scheidung vor vier Jahren ununterbrochen wandert. Oder der entspannte junge Pole, der uns erzählt, an welchen Tagen er lieber den Bus nimmt als zu laufen.

Mit jedem Tag verschwimmen die Etappen mehr. Der Alltag reduziert sich auf einen Wandern-Essen-Schlafen-Rhythmus. Es ist ein einfaches Leben. Und ein erstaunlich analoges. Den Weg finden wir anhand der gelben Pfeile, die Pilgerunterkünfte liegen wie selbstverständlich am Wegrand, Gespräche mit Fremden entstehen ganz von allein.

Die Aussicht kann sich blicken lassen. Der Camino del Norte führt an der spanischen Nordküste entlang.

Schließlich erreichen wir Santander. Das war eigentlich unser Ziel. Doch wir sind vier Tage früher da als geplant. Also gehen wir weiter. Was auch sonst? Es fühlt sich plötzlich so an, als könnten wir gar nicht anders. Am Ende schaffen wir es beinahe bis nach Asturien und reisen aus dem Fischerstädtchen San Vicente de la Barquera mit dem Zug zurück nach Santander.

Ein Gedanke, der mich auf dem Jakobsweg inspiriert hat, war, dass jeder seinen eigenen Weg geht. Buchstäblich und im übertragenen Sinn. Es gibt Frühaufsteher und Langschläfer, schnelle Läufer und gemütliche Bummler. Manche machen lange Pausen, andere marschieren stundenlang durch. Einige kommen in wenigen Wochen in Santiago an, andere pilgern jedes Jahr ein weiteres Stück oder machen den Camino zu einer Lebensaufgabe.

Der Jakobsweg ist dein Weg. Und genau darin steckt für mich seine größte Lehre. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Du entscheidest über dein Tempo, deine Pausen, deine Route und deine Unterkunft. Ob Hotel oder Mehrbettzimmer, ob 15 oder 35 Kilometer am Tag, am Ende zählt, dass es sich nach deinem Weg anfühlt.