TV-Tipp: "Eine Nacht in Bangkok"

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23. September, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Eine Nacht in Bangkok"
Im Film spielen Désirée Nosbusch und Matthias Brandt ein getrenntes Paar, das erkennen muss: die gemeinsame Tochter ist offenbar eine notorische Diebin. Neben dem bemerkenswerten Ensemble übernimmt die Musik einen wesentlichen Part.

Wörtlich übersetzt ergibt die englische Redensart "Die Welt ist deine Auster" (The world is your oyster) keinerlei Sinn. Das Shakespeare-Zitat wird in der Regel als Aufmunterung für junge Leute verwendet. Es besagt, dass ihnen die Welt offen steht, und kommt auch in Murray Heads über vierzig Jahre altem Hit "One Night in Bangkok" (1984) vor: "Eine Nacht in Bangkok, und die Welt liegt dir zu Füßen."

Warum der erste Teil der Liedzeile als Titel für diesen Film diente, erschließt sich erst gegen Ende, denn die Geschichte spielt nicht in Thailand, sondern in Rostock. Die junge Frau, die sie ins Rollen bringt, hat die Sache mit der Auster womöglich zu wörtlich genommen und sich die Perlen, die diese Muscheln möglicherweise enthalten, auf andere Weise beschafft. Zentrale Figuren sind jedoch ihre Eltern: Katharina und Hektor (Désirée Nosbusch, Matthias Brandt) haben sich vor zehn Jahren getrennt und hatten seither offenbar keinen direkten Kontakt mehr.

Zur Einführung stellt der Film die Yogalehrerin und den evangelischen Pastor in ihren aktuellen Verhältnissen vor. Beide werden unvermittelt aus ihrem vermeintlich beschaulichen Dasein gerissen: Tochter Lilith (Clara Vogt) ist verhaftet worden, als sie einem Hehler Schmuck verkaufen wollte. Angeblich hat sie das Geschmeide zufällig im Wald gefunden, was ihr allerdings nicht mal die eigenen Eltern glauben.

Autor Sathyan Ramesh hat eine Vielzahl mindestens sehenswerter Komödien geschrieben, darunter zuletzt zwei Episoden für die ZDF-Reihe "Endlich Witwer" mit Joachim Król. Viele dieser Filme sind tragikomisch verpackte Beziehungsdramen. Das gilt auch für "Eine Nacht in Bangkok", selbst wenn der beiläufige Humor dank der sarkastischen Kommentare Katharinas diesmal sehr bissig ist. Als sie und Hektor, die beide nicht in Rostock leben, im Wartebereich der Justizvollzugsanstalt das erste Mal wieder aufeinandertreffen, dauert es nicht lange, bis die ersten Giftpfeile fliegen. Nach dem Gespräch mit der Tochter lässt Katharina den Ex-Gatten vor dem Gefängnis stehen und braust mit ihrem roten Sportcabrio davon. Als sie später miteinander telefonieren, stellt sich raus, dass sie im selben Hotel abgestiegen sind, und endlich beginnen sie, an einem Strang zu ziehen.

Hintergründig ist das von Rainer Kaufmann umgesetzte Drehbuch auch ein Krimi, weil die Eltern eigene Ermittlungen anstellen und spätestens bei der Begegnung mit Liliths Mitbewohner (Danilo Kamperidis) feststellen, dass sie im Grunde keine Ahnung vom Leben ihrer Tochter haben. Als Jugendliche hat sie nie Probleme gemacht, heute studiert sie angeblich Psychologie, aber schon das stimmt nicht.

Beim Gerichtstermin erfährt das Ex-Paar, dass Lilith verdächtigt wird, für eine ganze Einbruchsserie verantwortlich zu sein. Zutritt zu den Wohnungen soll sie sich mit Hilfe von Nachschlüsseln verschafft haben. Eine Nachbarin hat sie dabei gefilmt, wie sie offenbar das mutmaßlich nächste Objekt ausspioniert hat. Ein kleiner Junge kennt sie als "Tiger-Lilly" und bezeichnet sie als seinen Spielplatzschutzengel. Spätestens jetzt steht auch für die Eltern fest: Ihre Tochter ist offenbar eine Diebin, die sich auf raffinierte Weise Zutritt zu den Häusern verschafft hat.

Zwischendurch nimmt sich Ramesh ein bisschen Zeit für die neuen Beziehungen des Ex-Paars: Katharinas Mann (Aleksandar Jovanovic) macht sich auf den Weg nach Rostock, um mit ihr den Hochzeitstag zu feiern, Hektor gesteht seiner neuen Lebensgefährtin (Bettina Lamprecht), dass es ihm nie gelungen sei, für ihren Sohn echte Gefühle zu entwickeln; aber das sind ebenso wie sein Alkoholproblem bloß Nebenschauplätze. Im Mittelpunkt steht die für beide erschütternde Erkenntnis, dass Lilith viele Gesichter hat; und sie kannten bislang bloß eins.

Zwar kommt es zwischendurch immer wieder zu Sticheleien, zumal es noch einige offene Trennungsrechnungen gibt, aber im Verlauf ihrer Nachforschungen werden die Eltern endlich wieder ein Team; die beiden verbringen sogar eine allerdings platonische Nacht miteinander.

Wichtigster Schauplatz des Films ist das Vorstadthotel, in dem allabendlich getanzt wird; bei dieser Gelegenheit erklingt auch der Klassiker von Murray Head. Musik spielt ohnehin neben Désirée Nosbusch und Matthias Brandt die dritte Hauptrolle, zumal die fast schon heiteren Blues-Kompositionen von Ali N. Askin die Handlung gewissermaßen entschärfen; die diversen Songs sind ebenfalls mit Bedacht ausgewählt. Die Leistungen des Ensembles sind wie in allen Filmen Kaufmanns, der mit Ramesh bereits beim "Witwer"-Film "Griechische Odyssee" (2024) zusammengearbeitet hat, ohnehin sehenswert.