Vor circa 25 Jahren hatte Lars Becker die Idee, eine Kommissarin mit schwarzafrikanischen Wurzeln zur Hauptfigur einer Krimireihe zu machen. Damals war die Zeit noch nicht reif dafür. Schwarze Schauspielerinnen und Schauspieler oder Menschen arabischer Herkunft spielten im Regelfall in deutschen Filmproduktionen keine Hauptrollen, sondern wurden "identitätsgetreu der Problematik ihrer Herkunft, Religion oder Hautfarbe besetzt: als Drogendealer, Gangster, Flüchtling, unterdrückte Muslima oder rassistisches Opfer".
Das schrieb der Autor und Regisseur vor zwei Jahren anlässlich der Ausstrahlung seines ZDF-Films "Die Polizistin und die Sprache des Todes" mit Thelma Buabeng als Fallanalytikerin vom BKA. Deren Familie stammt aus Ghana, dort ist auch ihre Darstellerin geboren: Buabeng ist als kleines Kind nach Deutschland gekommen und im Rheinland aufgewachsen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Becker selbst hat großen Anteil daran, dass sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Ein Merkmal seiner 2003 gestarteten ZDF-Reihe "Nachtschicht" war von Anfang an das multikulturelle Ensemble. Zum KDD-Team gehörten ganz selbstverständlich Menschen mit türkischem, vietnamesischem oder nordafrikanischem Hintergrund. Hochinteressant war und ist in seinen Filmen zudem stets die Besetzung der Nebenfiguren; für diese Rollen entdeckt er immer wieder neue Gesichter.
Das gilt auch für "Die Polizistin und die Todesstille". Im ersten Film ermittelte Gloria Acheampong in der Nähe der deutsch-dänischen Grenze; dank des vielen Lokalkolorits war "Die Polizistin und die Sprache des Todes" im Grunde ein Friesenkrimi. Der zweite Fall spielt im Frankfurter Drogenmilieu, und diesmal ist die Kommissarin persönlich betroffen: Der Tote, der in einem Kombi am Rande eines Maisfelds im Taunus entdeckt wird, war nicht nur ein Kollege, sondern auch ihr Geliebter.
Beckers "Nachtschicht"-Krimis sind immer auch Polizeifilme, weil das Mit- und Gegeneinander der Team-Mitglieder zumeist ebenso wichtig ist wie die jeweiligen Fälle. Im zweiten Fall für die BKA-Kommissarin greift der angesichts seiner Bedeutung für den deutschen TV-Krimi bislang erstaunlich selten ausgezeichnete Regisseur (zwei Deutsche Fernsehpreise) ein Element auf, das vor allem seine "Unter Feinden"-Reihe mit Fritz Karl und Nicholas Ofczarek als korrupte Polizisten geprägt hat.
Younis hat sich ins Umfeld eines Frankfurter Drogenhändlers eingeschleust und in dessen Club als Barmann gearbeitet. Wie sich ’rausstellt, hat Leon Graf (Carlo Ljubek) einen Maulwurf bei der Kripo. Tatsächlich reichen die Beziehungen des Gangsters zur Polizei sogar noch viel weiter, weshalb Gloria schließlich nicht mehr weiß, wem sie noch trauen kann.
Gangster Graf ist in der Frankfurter Unterwelt respektvoll als "die Macht der Nacht" bekannt, was auch recht gut zur Optik des Films passt: Becker dreht zum Leidwesen der Beschäftigen vor und hinter der Kamera gern lange nach Einbruch der Dunkelheit, und das nicht nur bei "Nachtschicht". Natürlich kann der Regisseur auch Thriller, aber schon "Die Polizistin und die Sprache des Todes" war sehr entspannt inszeniert. Das gilt diesmal ebenfalls, obwohl die Umstände ganz andere sind; dramatisch wird es erst gegen Ende.
Bis dahin lebt der Film vor allem von den Figuren, die fast alle ein doppeltes Spiel spielen: Als Gloria am Leichenfundort eintrifft, besichtigt Star-DJ Nikki Caspari (Marc Benjamin) gerade ganz in der Nähe eine Villa. Gattin Emma (Haley Louise Jones) ist Flugbegleiterin, die beiden Frauen haben sich kurz zuvor während des turbulenten Heimflugs aus Accra kennengelernt; ein Zufall, der später entscheidend zur Klärung des Falls beiträgt, als Emma schockiert feststellt, dass Nikki ausgerechnet den wichtigsten Drogenboss der Stadt beklaut hat. Es geht um 15 Tonnen Kokain im Marktwert von 500 Millionen Euro; kein Wunder, dass Graf nicht mit sich spaßen lässt.
Mindestens so reizvoll wie der Fall sind die verschiedenen Personalien. Slavko Popadić als Drogenfahnder, dessen Methoden mitunter recht fragwürdig sind, gehört ebenso schon länger zu Beckers Filmfamilie wie Almila Bagriacik (als Frau des Gangsterbosses). Ein neues Gesicht, aber sicher nicht zum letzten Mal vor der Kamera eines Becker-Films ist Komi Mizrajim Togbonou. Er spielt einen Informanten, der Gloria gleich mal als "Sister" bezeichnet. Auch das ist eine Besonderheit einer Krimireihe mit einer schwarzen Ermittlerin: Die Kommissarin kann mit Menschen aus der gleichen "Community" auf einer ganz anderen Ebene kommunizieren als weiße Kollegen. Mehr von Becker gibt es aktuell auch in Buchform: Kürzlich ist sein Science-Fiction-Roman "Es wird Steine regnen" (Rowohlt) erschienen.



