Open Source heißt, dass der Quellcode einer Software offengelegt ist und gewissermaßen gemeinnützig zur Verfügung gestellt wird. Der Programmcode kann eingesehen, kopiert und von allen verbessert werden. Diese Programme sind oft nicht so bekannt, aber die Infrastruktur des gesamten Internets beruht darauf. Fast alle Server laufen mit dem quellcode-offenen Linux-Betriebssystem, ebenso die meisten Handys. Auch die wesentlichen Programmiersprachen und Softwareprojekte des Internet-Zeitalters sind Open Source.
evangelisch.de läuft zum Beispiel mit dem Redaktionssystem "Drupal", das 2001 von einem belgischen Studenten veröffentlicht wurde und seitdem global von tausenden Programmierer:innen kontinuierlich weiterentwickelt wird. Heute laufen damit global zehntausende Websites, beispielsweise Sites der UN, der EU, vieler Regierungen, der Mehrzahl der weltweit größten Hochschulen und auch die Sites zahlreicher globaler Konzerne.
Allerdings kann man mit Open Source nicht so leicht Geld verdienen wie mit lizenzkostenpflichtiger Software, deren Code verborgen bleibt. Diese "Closed-Source-Software" gehört einzelnen Firmen, meist größeren Kapitalgesellschaften, und wird daher auch als proprietär bezeichnet. Hier investieren Kapitalgeber in eine Softwareentwicklung und diese Investition soll natürlich eine Rendite bringen. Daher wird der Code aus wirtschaftlichen Gründen nicht offengelegt. Weil diese Firmen ein größeres Interesse haben, ihre Lösungen zu bewerben und zu vermarkten, sind diese oft bekannter.
Bei Open Source hingegen können andere Entwickler:innen den Quellcode nicht nur lesen, sondern auch kopieren und selbst weiterentwickeln. Alle lernen voneinander. Das bringt nicht nur schnellere Innovation, höhere Effizienz und geringere Kosten, sondern auch wesentlich verbesserte Sicherheit, weil eventuelle Fehler schneller gefunden und behoben werden. Gerade weil der Code nicht geheim ist und ständig korrigiert werden kann, sind die damit verarbeiteten Daten besser geschützt.
Christlicher Quellcode war immer offen
Tatsächlich gibt es einige Parallelen zwischen der modernen Open-Source-Bewegung und der historischen Ausbreitung des christlichen Glaubens. Betrachten wir zunächst den "Quellcode" der Kirchen, also biblische Schriften und andere Quellen des Glaubens.
Urheberrechte gab es in der Antike und im Mittelalter nicht; alle schrieben vielmehr engagiert voneinander ab. Schon die biblischen Autoren bauen auf anderen Quellen auf: Wenn die Hebräische Bibel nicht ein offen zugängliches Buch gewesen wäre, wäre die christliche Bibel sehr dünn. Hätte Markus seine Jesus-Geschichten unter ein Copyright gestellt, wären die Evangelien von Matthäus, Lukas und Johannes recht blutleer.
Teilen des Quelltextes erwünscht
Die gesamte Bibel beruht auf dem bereitwilligen Teilen der Quelltexte des Glaubens. Hätten die Synoden, die in der Spätantike im Mittelmeerraum tagten und über die Zusammenstellung (den "Kanon") der Bibel entschieden, daraufhin das Werk lizenzkostenpflichtig gemacht, müssten wir uns in Deutschland heute vielleicht noch vor germanischen Göttern fürchten.
In Europa verbreitete sich der christliche Glaube über Gemeinschaften. Da saßen Mönche und Nonnen in ihren Skriptorien, kopierten biblische Texte, interpretierten diese und entwickelten daraus weitere theologische Texte. Über den offenen Austausch zwischen Gemeinschaften und fleißiges Kopieren der Texte wuchsen die Bibliotheken. Sie verknüpften diese Texte auch mit Philosophie und der wissenschaftlichen Literatur ihrer Zeit. Das Netzwerk der Klöster war das Internet des Mittelalters. Aus Gemeinschaften entstanden die ersten Schulen, später Universitäten. Erst ging es um die Ausbildung der eigenen Novizen, dann der Zöglinge des Adels, später der Kinder der Bürger – bis sich Bildungsmöglichkeiten weiter öffneten und heute unsere Gesellschaften prägen.
Von Generation zu Generation weiter aufbauen
Auch die Fähigkeiten religionskritischer Publizisten wären übrigens ohne religiöse Bildungstraditionen schwer vorstellbar: So stammt Karl Marx aus einer Rabbinerfamilie und war mit Schriften über biblische Gerechtigkeit, die sozialen Gesetze der Thora und die reichtumskritischen Propheten groß geworden. Und Charles Darwin hatte Theologie studiert und darin einen kritischen Geist entwickelt, bevor er sich mit der Evolution beschäftigte. Im Lernen aus Fehlern bzw. Lücken im Wissen und bei der Entwicklung von neuen Ideen steht in der jüdisch-christlichen Bildungstradition jede Generation auf den Schultern der vorherigen, im Glauben wie im kritischen Denken.
Schritt für Schritt wurde die Fähigkeit zum Lesen, zum Abschreiben und zum Aufschreiben von neuem Wissen das Tor zur Bildung. Unsere Religionen und Gesellschaften beruhen auf der Idee der gemeinschaftsstiftenden Weitergabe und Weiterverarbeitung von offenen Quellen. Die jüdisch-christliche Tradition praktiziert Open Source schon seit Tausenden von Jahren.
Kirchen und die Open-Source-Community
Heute wird unsere Gesellschaft weniger von klösterlich kopierten Codices als von dem Code geprägt, der auf unseren Handys läuft. Die Skripte, die unser Leben steuern, werden nicht mehr in Skriptorien geschrieben. Nicht mehr offene biblische Quellen, sondern die geheimen Algorithmen der sogenannten "sozialen Medien" bestimmen, was uns täglich durch den Kopf geht.
Was verbindet die christliche Kirche und die Open-Source-Bewegung ideell? Das ließe sich an drei zentralen Themen christlicher Sozialethik diskutieren:
- Machtverteilung in Gesellschaften
Wie die Bibel bringt die Open-Source-Bewegung eine Portion Herrschaftskritik mit sich, die aktuell sehr relevant ist. Denn heute speichern proprietäre Lösungen die Daten der User:innen zunehmend in undurchsichtigen Cloud-Systemen. Wer Zugriff hat und ob Datenschutz gewährleistet wird, ist kaum nachzuvollziehen. Über Abo-Modelle werden wir an hohe laufende Kosten gebunden. Durch ihre Marktmacht versuchen Anbieter, uns in ihren Lösungswelten zu halten. Multinationale IT-Konzerne haben eine riesige Macht in unseren Gesellschaften. Dagegen setzen Open-Source-Lösungen auf Datensouveränität. Es wird nicht versucht, die Nutzer:innen an sich zu binden. Anwender:innen oder deren Organisationen können die Software auch auf eigenen Systemen betreiben, alle Daten einsehen, schützen, löschen oder auch kopieren und in anderen Lösungen weiterverwenden. - Gemeinschaft durch Teilen:
Wie die christlichen Kirchen bringt die Open-Source-Bewegung Menschen zusammen, die mehr wollen, als nur dem Eigennutz zu dienen. Die großen Open-Source-Projekte werden nicht mehr von Einzelnen getragen, sondern von Netzwerken von Firmen und Einzelentwickler:innen, oftmals gemeinnützig organisiert. Ein Motto von Open-Source-Konferenzen ist "Come for the code, stay for the community". Die Stimmung erinnert manchmal etwas an Kirchentage: Alle tauschen freundlich-engagiert ihre Ideen aus, versuchen voneinander zu lernen, und gemeinsame Lösungen für Probleme zu konzipieren. Diese Strukturen scheinen manchen unsicherer als die der großen Konzerne, aber letztlich geben sie den Anwender:innen mehr Stabilität, gerade durch ihre Flexibilität. Denn wenn eine proprietäre Lösung nicht mehr die erwünschte Rendite bringt, kann der Rückzug eines Investors dieser Software "den Stecker ziehen", sodass diese einfach vom Markt verschwindet und damit alle Daten der Nutzer:innen. Das ist bei Open Source so nicht möglich, mit ein bisschen Know-how könnte jede und jeder diese fortführen. Die Macht ist verteilt auf viele, wie idealerweise in christlichen Kirchen und Gesellschaften. - Die Würde menschlicher Arbeit:
Christliche Sozialethik betont die jedem Menschen innewohnende Würde, auch in der Arbeitswelt. Software ist das Produkt der Kreativität von Menschen, die versuchen, reale Prozesse zu verstehen, Lösungen dafür zu entwickeln und dadurch für andere Menschen oder Organisationen einen Nutzen zu stiften. Bei Open-Source-Software bezahlen Nutzer:innen nicht für die Rechte von Kapitalgesellschaften, sondern für die Arbeit von Menschen. Entwickler:innen werden für Dienstleistungen wie Installation und Updates von Software bezahlt, insbesondere aber für die Anpassung an Kundenwünsche. Vergütet wird also die Arbeit persönlich ansprechbarer Menschen, nicht die Rechte an einem Produkt, das von seinen Entwickler:innen entfremdet wurde.
Wie die modernen Kirchen tritt die Open-Source-Community für eine offene, menschliche und demokratische Gesellschaft ein. Wenn sich Software in der Gewaltenteilung des 21. Jahrhunderts zur vierten Gewalt im Staate entwickelt, so können wir langfristig nur mit Open-Source-Software in einer demokratischen und menschenfreundlichen Gesellschaft leben. Gerade aufgrund der Geschichte unserer Religion aus den offenen Quellen des Glaubens heraus können wir Open Source als moderne Schwesterbewegung der christlichen Kirchen begreifen.
Gott sei Dank wachen in Europa die IT-Verantwortlichen beispielsweise in der öffentlichen Verwaltung auf. Viele Länder setzen auf Open-Source-Lösungen, um eine IT-Souveränität gegenüber den mächtigen US-Firmen zu entwickeln, in Deutschland allen voran das Bundesland Schleswig-Holstein. Es ist hoffentlich nur eine Frage der Zeit, dass auch Kirchen sich mit ganzem Herzen anschließen, denn in unseren wichtigsten Quellen sind wir ja auch schon immer Open Source.
Aktuelle Hinweise zum Einsatz von Open-Source-Software im Artikel: "So werden Sie unabhängiger von Big-Tech-Anwendungen" Link auf https://www.evangelisch.de/inhalte/258046/14-08-2026/so-werden-sie-unabhangiger-von-big-tech-anwendungen



