Als Mareike Luisa Groß das erste Mal die Polizei um Hilfe bittet, weil ihr damaliger Partner gewalttätig wurde, wimmelt der Beamte sie ab. Es müsse erst etwas wirklich Handfestes passiert sein, bevor man eingreifen könne, wird sie belehrt. Einige Zeit darauf kommt es zu einem noch schwerwiegenderen Angriff: Der Mann bricht ihr die Nase, tritt gegen ihren Kopf. Mit Mühe und Not gelingt der Altenpflegehelferin aus Rheinland-Pfalz 2024 danach die Flucht aus der eigenen Beziehung.
Bei einem Gespräch mit der Kriseninterventionsstelle wird sie zum ersten Mal an die Opferschutzorganisation Weißer Ring verwiesen. "Ich persönlich kannte den Weißen Ring vorher gar nicht", berichtet Groß bei einem Treffen in einer Eisdiele in der gemütlichen Kleinstadt Kirchheimbolanden. "Mir wurde zum ersten Mal zugehört, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne meine Erlebnisse anzuzweifeln." Vom Weißen Ring erhält die heute 27-Jährige nach der Anzeige gegen den Täter auch unbürokratisch Geld, da sie zunächst in ein Hotel ziehen muss.
Der Mann hat noch den Schlüssel für ihre Wohnung, und mit ihren beiden Katzen hätte sie kein Frauenhaus aufgenommen. Mindestens so wichtig ist moralische Unterstützung. Der Leiter der örtlichen Außenstelle begleitet sie später zum Gerichtstermin gegen den prügelnden Ex-Partner: "Sonst hätte ich da alleine mit meinem Anwalt gesessen."
Lobby für besseren Opferschutz
Der Weiße Ring besteht seit mittlerweile 50 Jahren. Im September 1974 ließen der ZDF-Moderator Eduard Zimmermann, Ideengeber der Kult-Sendereihe "Aktenzeichen XY... ungelöst", und 16 Mitstreiter die Organisation in Mainz ins Vereinsregister eintragen. Die Gründer einte die Überzeugung, dass sich nach einem Verbrechen oft niemand um die Opfer kümmert - weder um ihre Ängste und Nöte, noch um die oft erheblichen finanziellen Auswirkungen einer Tat. Ein Netz ehrenamtlicher Helfer sollte diese Lücke füllen. Innerhalb weniger Jahre baute der Weiße Ring in der gesamten damaligen Bundesrepublik und in West-Berlin Strukturen auf, sammelte Spenden.
Oft engagierten sich ehemalige Richter, Staatsanwälte oder Polizisten, die die Defizite des Systems am besten kannten. Der Weiße Ring wurde neben dem Begleiter in Einzelfällen zunehmend auch zur Lobby-Organisation. Seinen hartnäckigen Bemühungen ist es zu verdanken, dass in den 1990er Jahren endlich auch Ausländer Anspruch auf staatliche Leistungen nach dem Opferschutzgesetz erhielten, wenn sie in Deutschland Opfer eines Verbrechens wurden. In jüngerer Vergangenheit machte der Verein sich - letztlich erfolgreich - vehement für die Einführung der elektronischen Fußfessel stark, um Gewaltopfer besser zu schützen.
"Das war ein Befreiungsschlag"
Mareike Luisa Groß erlebt auch Genugtuung, dass es zum Prozess gegen ihren Peiniger kommt: "In dem Moment, als ich ihn nach knapp einem Jahr wiedergesehen habe, war er mir egal. Das war ein Befreiungsschlag." Allerdings endet der Strafprozess gut - für den Täter. Weil sie sich nicht mehr daran erinnern kann, ob er beim Tritt gegen ihren Kopf einen Schuh trug, lautet die Anklage lediglich auf einfache Körperverletzung, der Mann kommt mit einer lächerlich niedrigen Bewährungsstrafe davon. "Es macht mich sauer, dass Täter immer weiter geschützt werden", sagt die junge Frau. Sie ärgert sich über konkrete Regelungen im deutschen Strafrecht. "Alkohol-Missbrauch sollte nicht mehr als mildernder Umstand gewertet werden", findet sie.
Aus den eigenen Erfahrungen zieht die Rheinland-Pfälzerin den Schluss, sich selbst beim Weißen Ring zu engagieren, was eher ungewöhnlich für Kriminalitätsopfer ist. "Ich bin jetzt die helfende Hand, die ich selbst gebraucht habe", erzählt sie. Außerdem hängt sie ihren alten Beruf an den Nagel und arbeitet seither als Autorin, geht als Referentin zum Thema Gewaltschutz und häusliche Gewalt in Schulen.
Unvorstellbare Abgründe
"Eine Person macht einen emotional abhängig. Man verzeiht erst Kleinigkeiten und dann immer mehr", erklärt sie, warum sie solange an der Seite eines gewalttätigen Mannes blieb. "Man ist so manipuliert, dass man den Fehler bei sich selbst sucht." Wer es nicht selbst erlebt habe, könne sich nicht vorstellen, welche Abgründe sich in manchen Menschen verbergen können: "Mein Gedanke war, wenn mir nur eine Person schreibt, dass sie rausgekommen ist, habe ich mein Ziel erreicht."
Mareike Luisa Groß trägt ein Tattoo mit den Worten "All was well" ("Alles war gut"). So lautet der letzte Satz der siebenbändigen Harry-Potter-Romanreihe. In der Fantasy-Saga gibt es nach allerlei Entbehrungen ein Happy End für den Zauber-Schüler mit der blitzförmigen Narbe. Die bereitet ihm zum Schluss keine Schmerzen mehr.



