Nahost-Doku "Naza" überzeugt in Venedig

Menschen auf der Biennale Filmfestival
Marco Barada/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa
Sollte die Jury sich scheuen, mit einem Goldenen Löwen für "Naza" auch ein politisches Statement zu setzen, dürfte das Werk des Koreaners, Possible Love, über gesellschaftliche Realitäten und Liebe eine gute Alternative sein.
Filmfestspiele Venedig
Nahost-Doku "Naza" überzeugt in Venedig
Einige Enttäuschungen bietet das diesjährige Filmfestival von Venedig. Zu den Höhepunkten gehört die einzige dokumentarische Arbeit im Wettbewerb: "Naza" thematisiert gezielte Tötungen von palästinensischen Zivilisten und hat politische Sprengkraft.

Wenn am Samstag die 83. Internationalen Filmfestspiele in Venedig zu Ende gehen, ließe sich angesichts manch enttäuschenden Films im Wettbewerb ein durchaus durchwachsenes Urteil ziehen. Doch umso deutlicher stachen die Höhepunkte in der Hauptreihe des Festivals hervor.

US-Schauspielerin und Regisseurin Maggie Gyllenhaal leitetet die Jury, die in diesem Jahr über den Goldenen Löwen und die übrigen Preise entscheidet. Am Donnerstag hatte sich diesbezüglich noch ein Film in Stellung gebracht, der sich in jeder Hinsicht vom Rest des Wettbewerbs absetzte.

"Naza" ist nicht nur die einzige dokumentarische Arbeit in der Hauptsektion, sondern auch ein Werk mit Wucht und - auch politischer - Sprengkraft, das in diesem Jahr seinesgleichen sucht.

Gezielte Tötung von Palästinenser:innen

Denn Yuval Abraham und Rachel Szor, die schon zum Regieteam des Oscar-Gewinners "No Other Land" gehörten, haben für ihren Film mit 24 IDF-Soldatinnen und -Soldaten sowie Militär-Mitarbeitenden gesprochen. Sie legen in erschütternder Ausführlichkeit dar, wie Israels Führung seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 den Tod palästinensischer Zivilisten und Zivilistinnen nicht nur in Kauf nimmt, sondern gezielt plant.

Nichts, was man in "Naza" erfährt, ist neu, geschweige denn Propaganda; alle Fakten und Aussagen wurden in Kooperation mit dem britischen "Guardian" und den israelischen Investigativ-Medien "+972 Magazine" und "Local Call" recherchiert und veröffentlicht. Doch die Ausführlichkeit und Ruhe, mit der die Befragten hier - häufig, aber nicht immer in Kombination mit Reue oder Schuldgefühlen - Einblicke geben in die Überwachung und Tötung Tausender Palästinenserinnen durch den systematischen Einsatz von KI, Drohnen und Flächenbombardement, schockieren nachhaltig.

Ungewöhnliche Männerfreundschaft

Auch Martin McDonagh erzählt in "Wild Horse Nine" von verdeckten Geheimdienstoperationen mit weitreichenden internationalen Folgen. Er setzte 2026 als erster Film in Venedig einen Glanzpunkt. Der irische Regisseur schickt die Darsteller John Malkovich und Sam Rockwell 1973 als CIA-Agenten auf die Osterinsel, wo die beiden weniger angesichts des bevorstehenden Putsches in Chile, aber vor allem einer unheilbaren Krebserkrankung mit dem eigenen Lebensweg konfrontiert werden.

Einmal mehr gelingt McDonagh ein Blick auf eine ungewöhnliche Männerfreundschaft und Fragen nach Schuld und Reue, der so schwarzhumorig wie bitter-melancholisch ist. Und nicht zuletzt Malkovich empfiehlt sich für eine Oscar-Nominierung und für einen Preis auf dem Lido.

Aufräumen der Vergangenheit 1945 in Dänemark

Das Ringen mit der Schuld und der Vergangenheit steht auch in "Kvinde, ukendt" von May el-Toukhy im Mittelpunkt. Die ägyptisch-stämmige Dänin siedelt ihre Geschichte 1945 in Kopenhagen an. Die Besatzung durch die Deutschen ist beendet und die Zeichen stehen auf Neuanfang, doch zum Aufräumen der Vergangenheit gehört auch das Aufspüren von Kollaborateuren.

Protagonistin Marie (Mathilde Arcel), erst Hausmädchen und nun Verlobte eines verwitweten Fabrikanten, muss fürchten, dass ihr zum Trauma gewordenes Geheimnis enttarnt wird. El-Toukhy geht es um Geschichte und den weiblichen Körper. Wie sie das mit spürbarer Wut und doch strenger Zurückgenommenheit tut, ist so klug wie bewegend, auch dank der subtilen Meisterleistung ihrer Hauptdarstellerin.

Ebenfalls zum erlesenen Kreis der Filme, die auf dem Lido für weitreichende Begeisterung sorgten und nun als Favoriten für die Preisverleihung gehandelt werden, gehört "Possible Love" von Lee Chang-dong. Mit viel Ruhe erzählt er am Beispiel zweier Ehepaare von Klassenunterschieden und den Nachwehen einer Massenentlassung, so menschlich und klug, dass es trotz einer Länge von fast drei Stunden nicht langweilig ist. Sollte die Jury sich scheuen, mit einem Goldenen Löwen für "Naza" auch ein politisches Statement zu setzen, dürfte das Werk des Koreaners über gesellschaftliche Realitäten und Liebe eine gute Alternative sein.