evangelisch.de: Wie benutzt man ChatGPT evangelisch?
Tobias Jarzombek-Guth: Es gibt aus meiner Sicht keinen spezifisch evangelischen Umgang mit KI, wohl aber eine Verantwortung, die sich aus unserem evangelischen Bildungsverständnis ableitet. Eine evangelische Schule kämpft mit denselben Fragen wie jede andere: Welches KI-System darf im Klassenzimmer genutzt werden? Wie können Prüfungsleistungen unter dem Eindruck von KI bewertet werden? Wie gehen wir verantwortungsvoll mit Daten um?
Es gibt also keine typisch evangelische Bedienungsanleitung für ChatGPT. Aber es gibt Grundüberzeugungen in einem evangelischen Bildungsbegriff, die quer zu der Optimierungslogik verlaufen, die eine KI-Logik ausmacht: Der Wert eines Menschen hängt nicht an seiner Leistung oder seiner Fähigkeit zur Performance. Wir sind als Menschen in unserer Einzigartigkeit von Gott in diese Welt gestellt worden und mit unseren Fähigkeiten, Schwächen, Stärken, Fehlern und Unzulänglichkeiten gewollt und angenommen.
Evangelisch sein bedeutet auch, dass wir Machtstrukturen hinterfragen, eigene Urteilskraft entwickeln und uns für eine Gesellschaft engagieren, die jede:n so annimmt, wie er/sie ist.
KI kann Texte schreiben, Wissen vermitteln und persönliche Gespräche führen. Was wollen wir nicht abgeben, auch wenn die Maschine es könnte?
Jarzombek-Guth: Ich würde nicht fragen, was bleiben soll, sondern: "Was wollen wir nicht abgeben, auch wenn die Maschine es könnte?"
Dazu gehört das Urteilen als Ausdruck individueller Verantwortung. Ein KI-System kann einen Text oder eine Empfehlung erzeugen, es kann aber nicht dafür geradestehen. Wer im Schulkontext einen Teil der Notengebung, eine Förderentscheidung oder eine Empfehlung an Eltern an ein Modell delegiert, delegiert die Verantwortung mit – und niemand nimmt sie entgegen.
Dann die Gestaltung von Beziehungen: Es geht nicht um Informationsaustausch, denn den kann eine Maschine bestens simulieren. Es geht um die Erfahrung, von einem anderen als Mensch gesehen zu werden. Martin Buber formuliert: "Der Mensch wird am Du zum Ich" und "Alles wirkliche Leben ist Begegnung". Ein KI-Modell riskiert nichts.
Und schließlich das Aushalten von Nichtwissen. Generative KI ist darauf trainiert, zügig zu geschlossenen Antworten zu kommen. Bildung, die den ganzen Menschen ins Zentrum stellt, lebt auch vom Gegenteil: vom Infragestellen, Zweifeln, Suchen und von vorläufigen Antworten.
"Der Mensch erscheint als das, was von ihm häufig genug dokumentiert wurde. Das Besondere, das Randständige, das Widersprüchliche, das Einzigartige fällt heraus und verschwindet so"
Stimmt, ein KI-Modell riskiert nichts, der Mensch schon. Steckt hinter KI also auch ein anderes Menschenbild als das christliche?
Jarzombek-Guth: Man muss zwei Ebenen trennen: Die Technik selbst hat kein Menschenbild, sie verfügt über kein Bewusstsein. Aber hinter den Entscheidungen ihrer Hersteller steht ein Menschenbild.
In der Technik steckt so etwas wie eine statistische Anthropologie, denn ein Sprachmodell rechnet mit Wahrscheinlichkeiten und bildet eine Mitte ab, die sich aus statistischen Häufigkeiten errechnet. Problematisch wird es an den Rändern, denn was in den Trainingsdaten nur selten vorkommt, hat weniger Gewicht.
Übersetzt heißt das: Der Mensch erscheint als das, was von ihm häufig genug dokumentiert wurde. Das Besondere, das Randständige, das Widersprüchliche, das Einzigartige fällt heraus und verschwindet so.
In den Erzählungen rund um die Macher hinter der GenKI (Anm. d. Red. GenKI steht im modernen Sprachgebrauch meist als Abkürzung für generative Künstliche Intelligenz) steckt zudem etwas, was gemeinhin als transhumanistisches Weltbild beschrieben wird: Sterblichkeit, Fehlerhaftigkeit oder Verletzlichkeit werden als Mängel behandelt, die man technisch beheben können muss. Das christliche Menschenbild versteht Endlichkeit dagegen nicht als Defekt. Und es kennt Würde als etwas, das nicht von Funktionsfähigkeit abhängt.
"Schöpfungsverantwortung und globale Gerechtigkeit stehen in unseren Leitbildern. Wir können nicht so tun, als wären unsere Prompts folgenlos"
Sie sprechen von den "Machern hinter der KI". Wer gewinnt durch KI eigentlich an Macht und wer verliert sie?
Jarzombek-Guth: Auf der Makroebene ist die Antwort leider unangenehm klar: Macht gewinnt, wer die Infrastruktur besitzt – Rechenzentren, Computing, Data und Kapital. Es sind nur einige wenige Unternehmen auf der Welt, die diese Infrastruktur unter sich aufteilen.
Karen Hao beschreibt das in "Empire of AI" als imperiale Struktur, Kate Crawford zeigt in "Atlas of AI", dass KI eine extraktive Industrie ist – mit Minen, Wasserverbrauch und Arbeitsbedingungen, die wir im globalen Norden oft nicht sehen. Verlierer sind die Menschen des globalen Südens und alle, deren Lebenschancen künftig von Systemen sortiert werden, die sie selber nicht einsehen können.
Für uns als evangelische Schulen ist das keine zu akzeptierende Fußnote: Schöpfungsverantwortung und globale Gerechtigkeit stehen in unseren Leitbildern. Wir können nicht so tun, als wären unsere Prompts folgenlos.
Schauen wir auf den ganz konkreten Schulalltag: Viele Schüler:innen lassen ChatGPT ihre Hausaufgaben schreiben. Haben wir ein neues Schummelproblem?
Jarzombek-Guth: Die Nutzung von KI bei Hausaufgaben oder Prüfungsleistungen ist eine berechtigte Sorge. Aber es reicht nicht aus, das Problem dadurch zu charakterisieren, dass Schüler:innen sich regelwidrig verhalten.
Die Debatte legt etwas offen, das schon vorher da war: Ein großer Teil dessen, was unter "Hausaufgabe" subsummiert wird, ist eine reine Produktkontrolle. Lehrkräfte sammeln Ergebnisse ein und schließen daraus auf einen Entstehungsprozess, den sie nie gesehen haben. Dieser Rückschluss funktioniert heute nicht mehr. Ehrlicherweise funktionierte er auch früher schon nicht, denn "Eltern-GPT" gab es schon vor dem 30.11.2022. Und wer über die entsprechenden Mittel verfügt, konnte sich schon immer durch Nachhilfe einen Wettbewerbsvorteil einkaufen.
Wir haben es also weniger mit einer Krise durch das Schummeln von Schüler:innen als mit einer Krise der Aufgabenformate zu tun. Aufgaben müssen heute darauf ausgerichtet sein, Prozesse sichtbar zu machen.
Am besten gestalten wir diesen Wandel mit den Schüler:innen gemeinsam. Neue Aufgabenformate sollten Lebensweltbezug, akademische Herausforderung, Prozesssichtbarkeit und individuelle Verantwortung verbinden. Dazu gehört auch der bewusste Einsatz oder Verzicht auf KI.
Und wie sieht es auf der anderen Seite aus? Sie entwickeln mit 15 Schulen einen Online-Kurs zur "AI-Literacy". Wie gehen die Lehrkräfte mit KI um?
Jarzombek-Guth: Da wir mit dem Projekt gerade starten, zeigen sich in den Vorgesprächen verschiedene Muster. Es gibt eine kleinere Gruppe, die gerne Neues ausprobiert und als Early-Adopters vorangeht, einen großen Mittelteil, der interessiert-abwartend ist, und eine kleinere Gruppe, die lieber gewohnte Strukturen beibehalten möchte.
Die Trennlinie verläuft nicht unbedingt zwischen technikaffinen und technikfernen Lehrkräften. Entscheidend ist eher, ob jemand schon einen Moment erlebt hat, in dem KI das eigene berufliche Selbstverständnis berührt hat.
KI wird schon jetzt mehr genutzt, als über sie systematisch geredet wird. Viele Lehrkräfte arbeiten längst mit KI, nur still und für sich. Diese Heimlichkeit oder "Schatten-KI" ist das eigentliche Problem, denn sie verhindert, dass ein Kollegium gemeinsam lernt. Was oftmals fehlt, ist nicht die spezifische Kompetenz, sondern die Erlaubnis und ein Ort des Ausprobierens.
Brauchen Lehrkräfte an evangelischen Schulen eine andere KI-Kompetenz als an staatlichen Schulen?
Jarzombek-Guth: Per se brauchen sie keine andere KI-Kompetenz. Der fachliche Kern ist überall gleich. Aber sie haben die Chance, sich bei der Beschäftigung mit KI an ihren eigenen Leitbildern auszurichten und damit eine besonders kritische und zugleich tief menschlich begründete KI-Kompetenz zu entwickeln.
Von evangelischen Schulen erhoffen wir, dass sie vorangehen, innovativ und kreativ-konstruktiv auf die Herausforderungen durch GenKI blicken und sich nicht darauf zurückziehen, dass übergeordnete Institutionen schon etwas vorgeben werden.
Wir haben einen Startvorteil, denn wir verfügen bereits über ein Vokabular, das Antworten geben kann, wenn aktuell überall sinngemäß gefragt wird: "Was bleibt vom Menschen, wenn wir überall KI einsetzen können?"
Stellen wir uns eine evangelische Schule im Jahr 2030 vor, die KI selbstverständlich nutzt. Woran erkennt man, dass sie anders damit umgeht?
Tobias Jarzombek-Guth: Schüler:innen und Lehrer:innen sind gemeinsam im Gespräch über die Auswirkungen von KI auf ihre Lebenswelten. Die jungen Menschen können erklären, wann sie ein KI-System benutzen und wann nicht. Sie bewerten Antworten nicht nur inhaltlich, sondern fragen auch, wer sie erzeugt hat und was dabei nicht berücksichtigt wurde.
Auch Unterricht und Prüfungen haben sich verändert. Schüler:innen arbeiten mit individuellen Tutorsystemen, lösen kollaborativ Herausforderungen oder verfolgen eigene Projektideen. Prüfungen legen mehr Wert auf den Prozess und weniger auf ein isoliertes Schlussprodukt.
Gleichzeitig sind Räume und Zeiten der Begegnung und der Glaubenspraxis gestärkt worden. Auch musisch-kreative, natur- und körperbezogene Lern- und Erfahrungsfelder sind stärker in den Fokus gerückt. Diese Räume werden bewusst vom KI-Einsatz freigehalten, nicht aus Kulturpessimismus.
Evangelische Schulen haben eine eigene Stimme im KI-Bildungsdiskurs entwickelt, die Menschlichkeit nicht im Kontrast zur Technik definiert, sondern aus sich selbst heraus begründet und damit auch Widerstand anbietet, wo er notwendig erscheint.
Tobias Jarzombek-Guth ist Projektleiter des Vorhabens "AI-Literacy für Kollegien an evangelischen Schulen", das die Evangelische Schulstiftung in der EKD in den Jahren 2026 und 2027 zusammen mit 15 Schulen aus 9 Landeskirchen durchführt. Projektpartner:innen sind Prof. Dr. Birte Platow, Prof. Dr. Ralf Koerrenz, Prof. Dr. Rainer Mühlhoff und das Educational Technology Lab beim Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).
Das Projekt wird finanziell unterstützt durch EKD, Barbara-Schadeberg-Stiftung, EB-Stiftung und den VRK.



