Wie vermittelt man Kindern christliche Werte?

Kind steht träumend mit offenen Armen vor bemalter Wand
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Olga von Lüttichau: "Immer aus dem Wissen heraus: Ich bin wertvoll, geliebt und würdig."
Christliche Erziehung
Wie vermittelt man Kindern christliche Werte?
Christliche Werte lassen sich vermitteln, ohne sie Kindern aufzuzwingen. Diplompädagogin Olga Gräfin von Lüttichau erklärt im Interview, worauf es dabei wirklich ankommt, was Eltern oft falsch machen und gibt vier praktische Tipps.

Wie lernen Kinder, was Nächstenliebe, Vergebung, Verantwortung oder Dankbarkeit bedeuten? Und wie können Erwachsene christliche Werte weitergeben, ohne Kindern die eigene Überzeugung überzustülpen? Mit solchen Fragen beschäftigen sich die Projektpartner der Wertestarter-Stiftung. Diese unterstützt soziale Start-ups dabei, christliche Kinder- und Jugendprojekte erfolgreich umzusetzen, mit Vernetzung, Beratung und finanzieller Förderung. Diplompädagogin Olga Gräfin von Lüttichau von der Stiftung erklärt, was christliche Werte besonders macht, warum Vorbilder so wichtig sind und weshalb Kinder widersprechen dürfen.

evangelisch.de: Frau von Lüttichau, Respekt, Würde oder Verantwortung würden vermutlich auch viele Menschen unterschreiben, die nicht an Gott glauben. Was ist dann eigentlich das spezifisch Christliche an christlichen Werten?

Olga von Lüttichau: Echte Humanität erhält für mich erst durch den christlichen, persönlichen Gott und die Gottebenbildlichkeit des Menschen ein festes Fundament. Bei christlichen Werten geht es um die Höherstellung des Gegenübers bei gleichzeitigem Bewusstsein der Ebenbürtigkeit.

Es geht also nicht darum, sich kleinzumachen, sondern darum, den anderen fröhlich groß sein und groß werden zu lassen. Im Humanistischen geht es stärker um Augenhöhe und Gerechtigkeit. Im Christlichen geht es für mich darüber hinaus darum, den anderen höher zu achten als sich selbst, ihm den besseren Platz anzubieten, ohne eifersüchtig zu sein oder dafür externe Anerkennung zu erwarten. Das reicht bis hin zur Feindesliebe. Aber immer aus dem Wissen heraus: Ich bin wertvoll, geliebt und würdig.

Aber braucht es wirklich den Glauben an Gott, um einen anderen Menschen höher zu achten als sich selbst? Ein Humanist würde Ihnen vermutlich widersprechen.

von Lüttichau: Natürlich kann auch ein Humanist selbstlos handeln und einen anderen Menschen höher achten. Der entscheidende Unterschied liegt für mich weniger in der moralischen Forderung als in ihrer Quelle. Der christliche Glaube sagt mir: Mein Wert entsteht nicht dadurch, dass ich mich behaupte, besser bin oder Anerkennung bekomme. Ich bin bereits gewollt und geliebt – von Gott. Deshalb muss ich meinen eigenen Wert nicht gegen den Wert des anderen verteidigen. Der andere darf groß werden, ohne dass ich dadurch kleiner werde.

Wenn Eltern ihren Kindern diese christliche Haltung vermitteln wollen: Was ist das Wichtigste, das sie tun können?

von Lüttichau: Ein gutes Vorbild sein und gute Vorbilder im Lebensalltag des Kindes hervorheben. Dazu gehört auch, Kindern biblische Geschichten nahezubringen. Sie sind voller Werte. Und man kann gemeinsam beten und danken.

Diplompädagogin Olga Gräfin von Lüttichau ist bei der Stiftung für christliche Wertebildung "Wertestarter" für das Projektmanagement Schule verantwortlich.

Kann Wertevermittlung auch nach hinten losgehen? Was machen Erwachsene dabei besonders häufig falsch?

von Lüttichau: Ein Fehler ist, nur über Werte zu reden, ohne sie selbst vorzuleben. Problematisch ist auch, einem Schema zu folgen, ohne die Werte selbst tief im Herzen verankert zu haben.

Erwachsene stellen manchmal Regeln auf, ohne die Logik dahinter kurz und altersgerecht zu erklären. Und häufig geben wir Kindern Antworten, anstatt sie zunächst selbst denken zu lassen. Kinder haben intuitiv schon ein sehr gutes Wertebewusstsein.

Hilfreich ist es, ihnen einen Perspektivwechsel zu ermöglichen: "Wie würde es dir gehen, wenn …?" Oder: "Was würdest du dir von jemandem wünschen, wenn er dir das angetan hätte?"

Was ist, wenn ein Kind nicht vergeben will oder sich einem anderen gegenüber bewusst unfair verhält?

von Lüttichau: Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Kinder sind verschieden, und hinter Widerstand können sehr unterschiedliche Erfahrungen stehen: Angst, Verletzung, Scham, das Gefühl, selbst ungerecht behandelt worden zu sein – oder auch die Schwierigkeit, den eigenen Anteil an einem Konflikt zu erkennen. Deshalb gilt es zunächst herauszufinden, was hinter dem Verhalten steckt.

Christliche Wertebildung bedeutet nicht, Vergebung oder Versöhnung zu erzwingen. Ein Kind soll erfahren: Du bist angenommen, auch wenn du einen Fehler gemacht hast. Gleichzeitig bist du verantwortlich für das, was du tust.
Wo ein Kind selbst unfair gehandelt hat, kann es darum gehen, den eigenen Anteil wahrzunehmen und einen Weg der Wiedergutmachung zu finden. Wo es verletzt wurde, braucht es möglicherweise zunächst Schutz, Zeit und die Erfahrung, dass das erlittene Unrecht ernst genommen wird.

Vergebung bedeutet nicht, Unrecht gutzuheißen oder sofort wieder Nähe herstellen zu müssen. Ziel ist nicht ein bestimmtes Verhalten auf Knopfdruck, sondern Kinder darin zu begleiten, Wahrheit, Verantwortung, Barmherzigkeit und die Freiheit des anderen miteinander zu verbinden.

Was verändert sich bei der Wertevermittlung, wenn aus Kindern Jugendliche werden?

von Lüttichau: Jüngere Kinder lernen Werte vor allem durch Beziehung, Vorbilder, Wiederholung und konkrete Erfahrungen. Sie brauchen weniger abstrakte Erklärungen als vielmehr Menschen, an denen sie erleben können, was Ehrlichkeit, Rücksicht, Mut oder Vergebung bedeuten.

Dazu gehört auch, Gefühle wahrnehmen und benennen zu lernen. Ein Kind darf wütend, traurig oder enttäuscht sein. Entscheidend ist die Erfahrung: Meine Gefühle sind ernst zu nehmen, aber sie bestimmen nicht automatisch mein Handeln. Wut darf sein – jemanden deshalb zu verletzen, ist etwas anderes.

Mit zunehmendem Alter werden Begründungen und eigener Widerspruch wichtiger. Jugendliche wollen Werte nicht nur übernehmen, sondern prüfen: Warum soll ich so handeln? Ist das glaubwürdig? Gilt das auch, wenn es schwierig wird? Deshalb brauchen sie Gespräch, Auseinandersetzung und echte Verantwortung. Sie sollen zunehmend eine eigene Haltung entwickeln und lernen, Freiheit verantwortlich zu gebrauchen.

"Wertebildung zeigt sich nicht darin, dass Kinder die "richtige" Antwort geben, sondern darin, dass sie zunehmend selbst begründet, verantwortlich und empathisch handeln"

Wie viel eigene Überzeugung dürfen Eltern ihren Kindern vermitteln, ohne ihnen den Glauben überzustülpen? Und wie viel Zweifel und Widerspruch müssen sie zulassen?

von Lüttichau: Nicht Neutralität ist das Ziel, sondern eine überzeugte Haltung ohne Zwang. Wer von etwas überzeugt ist, darf diese Überzeugung zeigen, begründen und vorleben. Entscheidend ist, ob daraus Einladung oder Zwang wird.

Kinder brauchen Orientierung. Erwachsene tragen die Verantwortung, zunächst eine Richtung vorzugeben und zu erklären, warum sie etwas für gut und richtig halten. Mit zunehmendem Alter werden Zweifel und Widerspruch wichtiger.

Zweifel ist kein Gegenstück zum Glauben, sondern kann ein wichtiger Teil davon sein. Wer fragt, prüft und widerspricht, setzt sich ernsthaft mit einer Überzeugung auseinander. Deshalb sollten Kinder und Jugendliche erleben dürfen: Du darfst fragen. Du darfst anderer Meinung sein. Und wir nehmen deine Einwände ernst.

Dazu gehört auch, die eigene Überzeugung nicht mit eigener Unfehlbarkeit zu verwechseln. Wir können irren, Entscheidungen korrigieren und neue Einsichten gewinnen. Erziehung braucht den Mut, eine Richtung vorzuschlagen – und zugleich die Demut, sich selbst immer wieder prüfen zu lassen.

Was lernt ein Kind daraus, wenn Mutter oder Vater sagen: "Ich habe mich falsch verhalten. Es tut mir leid"?

von Lüttichau: Sich zu entschuldigen, wenn man etwas falsch gemacht hat, ist auch ein gutes Vorbild. Erwachsene werden dem eigenen Anspruch nicht immer gerecht, und das darf man zugeben. Nobody is perfect, not even mum and dad.

Kann man überhaupt feststellen, ob Wertevermittlung gelingt?

von Lüttichau: "An den Früchten werdet ihr es erkennen." Wertebildung zeigt sich nicht darin, dass Kinder die "richtige" Antwort geben, sondern darin, dass sie zunehmend selbst begründet, verantwortlich und empathisch handeln.

Forschung und pädagogische Praxis zeigen: Das gelingt besonders dort, wo Werte vorgelebt, erlebt, besprochen und selbst eingeübt werden. Wertebildung ist deshalb für uns kein "Programmieren" bestimmter Überzeugungen, sondern die langfristige Befähigung zu Reflexion, Verantwortung und eigenem Handeln.

Zum Schluss ganz praktisch: Welche Dinge können Eltern sofort im Alltag ausprobieren?

von Lüttichau: Erstens: Bestärken und bedingungslos lieben. Sehen und loben, was das Kind gut macht, also positives Verhalten bestärken. Gleichzeitig sollte man ihm vermitteln, dass es geliebt und wertvoll ist – unabhängig von seinen Leistungen oder seinem Verhalten.

Zweitens: Zwischen Ansage und Frage unterscheiden. Wenn ich etwas als Frage formuliere, muss ich die Antwort auch akzeptieren. Wenn nicht, sollte ich es als liebevolle Aussage formulieren. Bei strömendem Regen also nicht fragen: "Möchtest du deine Regenjacke anziehen?" Dann lieber: "Zieh bitte deine Regenjacke an." Bei älteren Kindern kann man eine Auswahl geben: "Möchtest du deine rote Regenjacke anziehen oder den Schirm nutzen?"

Drittens: Das Kind erfahren lassen, dass es einen echten Unterschied macht. Man kann ihm Aufgaben geben und sich bedanken, wenn sie erledigt sind. Dabei sollte man erklären, warum seine Mithilfe eine echte Erleichterung oder Unterstützung war. Sitzen beispielsweise alle am Tisch und die Teller fehlen, merkt das Kind: Es ist wichtig für alle, dass ich die Teller auf den Tisch stelle. Was ich tue, macht einen Unterschied.

Viertens: Dankbarkeit einüben. Ein Dach über dem Kopf, warme Mahlzeiten, Frieden oder Spielzeug – all das ist nicht selbstverständlich, auch wenn es im Kosmos eines Kindes zunächst so erscheint. Deshalb ist es wichtig, dem Kind zu helfen, darin Gründe für Dankbarkeit zu erkennen. Gott schenkt uns so viel, und oft sehen wir es nicht, weil wir es für selbstverständlich halten. Was ich habe und kann, ist immer auch ein Geschenk und ein Privileg. Dankbarkeit wiederum ist ein Schlüssel zu echter Zufriedenheit und Freude.