In der Kita Günzburg haben Kinder das Sagen

zwei Mädchen im Atelier.
epd-bild/Christiane Ried
Ganz vertieft ins Malen: zwei Mädchen im Atelier.
Deutscher Kita-Preis
In der Kita Günzburg haben Kinder das Sagen
Eine Kühlkammer gegen die Sommerhitze, Spätzle für die Eiswürfelmaschine und Kinderkonferenzen mit Mikrofon: Im Günzburger evangelischen Kinderhaus wird Mitbestimmung gelebt. Die Kita steht im Finale um den diesjährigen Deutschen Kita-Preis.

Draußen herrscht sengende Hitze, in der "Kühlkammer" des Evangelischen Reggio-Kinderhauses in Günzburg hingegen ist es angenehm. Drei Kinder spielen leise vor sich hin und unterhalten sich im Flüsterton. Dazu das Summen von Ventilatoren und Rascheln von glänzenden Lametta-Fäden, abgedunkelte Fenster, blaue Lichterketten und eiswürfelartig anmutende Steine.

Arktisfeeling bei tropischen Temperaturen. Entstanden sei die Kühlkammer auf Wunsch der Kinder, die es im Sommer im Kinderhaus zu heiß fanden, erzählt Kita-Leiterin Patrycja Grutza. Also durften sie etwas gegen die Hitze tun und den Raum auch selbst umsetzen und gestalten. Partizipation und Kinderrechte werden hier im evangelischen Kinderhaus großgeschrieben. Dafür steht die Einrichtung nun im Finale der letzten Acht um den Deutschen Kita-Preis.

Im vergangenen Jahr verpasste das Kinderhaus das Finale knapp, besserte seine Kinderkonzeption nach - und bewarb sich erneut. Mit Erfolg. Damit die derzeit rund 100 Krippen- und Kindergarten-Kinder wissen, welche Rechte sie haben und wie sie sich Gehör verschaffen, können sie sich die Konzeption vorlesen lassen - und zwar mit einer Art Tiptoi-Stift. Statt mit Buchstaben wird auch viel mit Symbolen gearbeitet.

So erfährt nun Elisaveta, dass sie am Kindertresen ihre Wünsche- und Beschwerdeblätter einwerfen kann und dass ihr Anliegen bei der Kinderkonferenz besprochen wird. Für die Konferenzen gebe es auch ein Rednerpult mit Mikrofon, erzählt Grutza. Die Kinder sollen erfahren, dass sie eine Stimme haben und gehört werden. "Wir wollen den Kindern eine Plattform geben."

Eine Kühlkammer gegen die Sommerhitze, Spätzle für die Eiswürfelmaschine und Kinderkonferenzen mit Mikrofon, das bietet das Günzburger evangelischen Kinderhaus.

Die nachgebesserte Kinderkonzeption habe einen "Partizipationsboom" ausgelöst - und damit auch das Hitze-Projekt, sagt Grutza. Die Kinder hätten sich neben der "Kühlkammer" im Untergeschoss auch im Garten eine "Oase der Abkühlung" geschaffen, mit Sprinklern und nassen Tüchern. Außerdem haben sie sich Eiswürfel für die Getränke gewünscht.

Dafür braucht man aber eine Eiswürfelmaschine - und die kostet Geld. Ein Kind habe daher - mithilfe von Eltern und Thermomix - eine Kochaktion gestartet und im Kinderhaus Spätzle verkauft. Der evangelische Pfarrer Frank Bienk, der auch Vizepräsident der bayerischen Landessynode und dessen Kirchengemeinde Träger des Kinderhauses ist, findet so viel Teilhabe "toll". Kinder lernten, dass sie etwas verändern könnten. "Such dir Gleichgesinnte und finde eine Lösung. Das ist doch ein super Ansatz."

Weil es ihnen zu heiß war, haben die Kinder im Keller eine "Kühlkammer" gebaut.

Damit das Konzept funktioniert und Kindern die Teilhabe auch ermöglicht wird, braucht es engagierte Mitarbeitende und Eltern. "Klassisches" Spielzeug wie Brettspiele, Puzzles, Puppen oder Autos gibt es hier kaum. Dafür gebe es viel Alltagsmaterial, denn es gehe um die echte Lebenswelt, sagt Erzieherin Agnes Wall, die sich auch um die Kinderkonferenz kümmert. Ein Kind habe im "Ideenreich" etwa gefragt, wie Drohnen starten und landen. Also hätten sie sich mit Drohnen beschäftigt und welche gebastelt.

Feste Gruppen gibt es nicht. Dafür offene Themenräume wie eben das "Ideenreich", wo Riona gerade mit Eiswürfeln hantiert, das "Atelier", wo gemalt, genäht und getöpfert werden kann, ein Medienatelier, wo die Kinder eigene Videos drehen und schneiden sowie erste Schritte im Programmieren machen können, oder ein Zimmer zum Bauen.

Über 600 Bewerbungen für Deutschen Kita-Preis

Jedes Kind solle sich entsprechend seiner Fähigkeiten entwickeln, sagt Wall. Dem stimmt auch die Kreativpädagogin Susanne Dorner, die schwerpunktmäßig das Atelier betreut, zu. "Eine sehr schöne Atmosphäre, die Kinder kommen so auch zur Ruhe." Ein wenig entfernt von ihr steht ein blondes Mädchen, völlig vertieft ins Malen. Konzentriert begutachtet es sein Kunstwerk, taucht immer wieder den Pinsel in die Farbe, malt hier einen Strich und hier einen Punkt. Stepanka Busuleanu vom Deutschen Kita-Preis, die diesmal das Kinderhaus begutachtet, betont, wie wichtig es sei, dass Bildungsprozesse entsprechend der Kinder-Interessen ablaufen.

Da sei Günzburg auf einem sehr guten Weg. "Mitbestimmung gehört im Kinderhaus zum Alltag", heißt es im Porträttext des Deutschen Kita-Preises. Ob das Kinderhaus es in der Kategorie "Kita des Jahres" aufs Siegertreppchen schafft, entscheidet sich am 26. November in Berlin, wenn der Deutsche Kita-Preis verliehen wird. Ein Erfolg ist aber bereits das Erreichen des Finales, denn die Konkurrenz war groß: Mehr als 600 Kitas in ganz Deutschland haben sich in diesem Jahr um die Auszeichnung beworben.