TV-Tipp: "Harter Brocken: Die Versuchung"

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5. September, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Harter Brocken: Die Versuchung"
Hotelbesitzer Uwe (Peter Schneider), von Frau und Kindern verlassen, steht mit seinem "Sonnenhof" vor der Pleite, also ist er in die Einöde gefahren, um sich das Leben zu nehmen. Doch dann passiert etwas Unerwartetes.

Wer mit dem Kino der Siebzigerjahre aufgewachsen ist, hat fast zwangsläufig ein breit gefächertes filmisches Interesse entwickelt. Anders als heute gab es nur wenige wöchentliche Neustarts. In Matinéen, Spätvorstellungen sowie im Sommer wurden die Klassiker wiederholt. Dem umfangreichen Werk von Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt (Jahrgang 1965) sind diese vielen unterschiedlichen Einflüsse anzumerken, auch wenn der mehrfache Grimme-Preisträger eine gewisse Vorliebe für Western-Elemente hat; der Held von "Harter Brocken" zum Beispiel ist ein klassischer Dorfsheriff.

"Die Versuchung" ist der zehnte Harz-Krimi seit 2015. Die Drehbücher schreiben seit dem sechsten Film allerdings andere. An Episode neun ("Die Erpressung", 2025) war Schmidt zwar noch beteiligt, aber nur unter Pseudonym. Die Kolleginnen und Kollegen treffen seinen schwarzen Humor sowie den typisch lakonischen Tonfall der Reihe, die in der Umsetzung durch den Stil der Brüder Joel und Ethan Coen inspiriert ist, jedoch recht gut.

Das gilt auch für "Die Versuchung", selbst wenn sich die Grundzüge der Handlung an dem 1998 von Sam Raimi verfilmten Roman "Ein einfacher Plan" von Scott B. Smith orientieren. Darin finden drei Männer in einem abgestürzten Sportflugzeug 4,4 Millionen Dollar. Im Streit um das Geld wird es schließlich leichenreich. Henner Schulte-Holtey beginnt sein Drehbuch ganz ähnlich: Hotelbesitzer Uwe (Peter Schneider), von Frau und Kindern verlassen, steht mit seinem "Sonnenhof" vor der Pleite, also ist er in die Einöde gefahren, um sich das Leben zu nehmen.

Er hat die Pistole schon an der Schläfe, als es hinter ihm kracht: Ein Lieferwagen ist von der Straße abgekommen, beide Insassen sind bewusstlos. Als Uwe zu seinem Auto eilt, um einen Rettungswagen anzufordern, stolpert er über einen Behälter, aus dem ein Päckchen purzelt. Der Transporter ist mit 18 Eimern beladen, die jedoch keineswegs Spachtelmasse, sondern Kokain enthalten.

Der Gesamtwert liegt, wie Uwe daheim im Internet recherchiert, bei über acht Millionen Euro; er wäre aller Sorgen ledig. Für einen großzügigen Anteil knüpft Küchenhilfe Gunnar (Isaak Dentler), vorbestraft wegen eines Rauschgiftdelikts, die nötigen Kontakte in die Unterwelt. Damit könnte die Geschichte enden, aber das tut sie erst, nachdem über ein halbes Dutzend Beteiligte ihr Leben gelassen haben.

Peter Schneider wird ohnehin gern besetzt, wenn ein Mann vom Schicksal gebeutelt ist, und Aljoscha Stadelmann versieht den Dorfpolizisten Frank Koops wie stets mit sympathischer Bierruhe. Die interessantesten Figuren des Films sind daher zwei Frauen. Neben der Heimsuchung des verschlafenen Harzdorfs durch das Verbrechen sind die Konfrontationen des notorisch unterschätzten Dorfsheriffs mit kaltblütigen Gegenspielerinnen ein weiteres Merkmal der Reihe.

Das ist diesmal besonders interessant, denn die Gegnerin hat einen charmanten holländischen Akzent: Fleur (Isabel Berghout) wirkt auf den ersten Blick ähnlich harmlos wie Koops, ist jedoch Auftragskillerin in Diensten eines niederländischen Drogenbosses. Entsprechend viele Opfer pflastern den Weg dieser Frau, die nach getaner Tat genießerisch am Schalldämpfer schnuppert oder einen Kollegen belehrt: "Tot sein hat auch Vorteile".

Dass sich hinter ihrer freundlichen Fassade neben der eiskalten Mörderin auch eine verletzte Seele verbirgt, macht die Rolle erst recht reizvoll. Romantischer Gegenentwurf ist Uwes Schwester. Koops hat sich einst beim Abi-Ball in Nadja (Christina Große) verliebt, aber tagsdrauf ist sie in die große weite Welt aufgebrochen. Ihre Rückkehr in den Harz ist nur vorübergehend, sie wird demnächst in Hamburg ein Restaurant eröffnen und würde Koops gern mitnehmen.

Regie führte Nils Willbrandt, auch er ein "Brocken"-Debütant, aber im Unterschied zu Schulte-Holtey enorm erfahren. Abgesehen von zwei Feuergefechten entspricht seine Inszenierung in etwa dem Gemütszustand von Koops. Akzente setzt Willbrandt vor allem optisch: Die Dreharbeiten fanden im Spätherbst statt, der Nebel wird im Verlauf des Films immer dichter, was die Gegend mit ihren vielen toten Bäumen noch trostloser wirken lässt (Kamera: Frank Küpper).

Die Innenaufnahmen sind dank fahler Farben und einer Menge Dunst in der Luft ganz ähnlich gestaltet, über den Bildern liegt eine Art Grauschleier; einzig die blitzlichtartigen Erinnerungsfetzen des Transporter-Fahrers sind in knalligem Rot gehalten. Der Mann hat den Koksdieb zwar nicht gesehen, aber sein Auto, einen alten Volvo, deshalb taucht Fleur irgendwann im "Sonnenhof" auf; und nun nimmt das Schicksal seinen Lauf.